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Mobilität von Studenten Fallstricke vor dem Auslandssemester

14.04.2010 ·  Die Hochschulreform sollte die Mobilität der Studenten stärken. Das Gegenteil ist der Fall: Im Bachelor-Studium muss ein Auslandssemester minutiös geplant werden. Deshalb fordern Experten jetzt eine Verlängerung der Regelstudienzeit.

Von Sebastian Balzter
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Wenn ein Unternehmen 20 Prozent weniger Umsatz macht, spricht man von einer Krise. Das International Center der Universität Kiel hat im vergangenen Jahr noch 340 Studenten ein Auslandssemester vermittelt, für das laufende Jahr plant es nur noch mit 270, ein Rückgang um 20 Prozent also. Aber Martina Schmode, die Leiterin des Auslandsamts, ist davon nicht negativ, sondern positiv überrascht. „Ich hatte einen viel größeren Einbruch befürchtet“, sagt sie.

„Bologna“ hieß der Grund für Schmodes Pessimismus, und eigentlich ist das paradox: Denn die nach der italienischen Universitätsstadt benannte Hochschulreform, auf die sich die Bildungsminister aus 26 europäischen Staaten geeinigt haben, sollte die Mobilität von Studenten und Dozenten stärken. Zu diesem Zweck wurden vergleichbare Studiengänge und übertragbare Leistungspunkte eingeführt. Elf Jahre nach dem Ministertreffen sind sich die meisten Betroffenen und Beobachter einig, dass genau das Gegenteil geschehen ist.

Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, hat dies nun auch der Bundesregierung aufgeschrieben. Im Gutachten der Expertenkommission für Forschung und Innovation stellt die Soziologin fest, dass die Reform ihr Ziel nicht erreicht hat. Dasselbe Resultat legt die Statistik des Unternehmens Hochschul-Informations-System (HIS) nahe, die für die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge eine deutlich geringeren Anteil von Studenten mit Auslandsaufenthalt ermittelt hat als für die in den auslaufenden Studiengängen eingeschriebenen. Nur zum Teil erklärt diesen Unterschied der Umstand, dass Bachelor-Studenten im Durchschnitt jünger sind als Magister- und Diplomstudenten und ein Auslandsaufenthalt immer schon eine Sache für fortgeschrittene Semester war.

Bürokratische Fallstricke

Die Studienreform hat über den Weg ins Ausland bürokratische Fallstricke gespannt, die sich aus der Modularisierung der Studiengänge ergeben. Wer die Regelstudienzeit einhalten will, muss im Ausland im Prinzip dieselben Kurse finden, die der Studienplan in der Heimat vorsieht. „Dadurch hat sich der Anspruch an die Beratung verändert“, berichtet Alexandra Michel vom Unternehmen College Contact in Münster, das Studenten an Hochschulen im englisch- und spanischsprachigen Ausland vermittelt; nicht die Studenten, sondern die Hochschulen bezahlen dafür. „Niemand fährt mehr einfach so los, stattdessen wird das Auslandssemester minutiös geplant.“

Da sich die Semesterzeiten, die Bezeichnung von Lehrveranstaltungen und auch der an den Leistungspunkten ablesbare Zuschnitt der Kurse aber von Land zu Land unterscheiden und die von den Hochschulen bereitgestellten Informationen nicht immer leicht zu finden sind, haben die Berater von College Contact gut zu tun. „Wir sind jedenfalls kein Verlierer der Bologna-Reform“, räumt Alexandra Michel ein. Über weniger Arbeit klagt denn auch Martina Schmode vom Kieler International Center trotz der sinkenden Zahl der Austauschstudenten nicht. „Jede einzelne Auslandsberatung ist jetzt fast schon eine komplette Studien- und Karriereberatung“, berichtet sie.

Planung schon im ersten Semester

Den ersten Termin holen sich vorausschauende Studenten schon im ersten Semester. So hat es zum Beispiel Jannic Horne gemacht, der in Freiburg Geographie und Umweltnaturwissenschaften studiert. Deshalb wusste er rechtzeitig, dass er das für das fünfte Semester vorgesehene Biozönotik-Modul - es geht darin um die Wechselwirkung von Lebewesen in einem Biotop - besser auf das dritte Semester vorziehen sollte. „Es schien mir unwahrscheinlich, dass ich genau dieses Fach auch in Grenoble finden würde“, berichtet der Einundzwanzigjährige. Da es aber auch in Freiburg nur jedes zweite Semester angeboten wird, hätte Horne nach seiner geplanten Rückkehr aus Frankreich auch noch darauf warten müssen, anstatt sein Studium abschließen zu kommen. Dank der Vorarbeit im vergangenen Semester muss er in Grenoble nun nicht die nach den Statuten des Austauschprogramms Erasmus je Semester vorgeschriebenen 30 Leistungspunkte einsammeln, die sich in Freiburg aus sechs Modulen ergeben würden. Stattdessen nimmt er 24 Punkte in Angriff, die sich aus sieben Modulen à la française zusammensetzen.

Im Sommer will Horne nach Westen aufbrechen, die Inhalte der Kurse hat er schon festgezurrt - mit dem Studiengangsleiter in Grenoble und seinem Dozenten in Freiburg hat er ein „learning agreement“ abgeschlossen. Diese schriftliche Vereinbarung soll garantieren, dass die im Ausland erbrachten Studienleistungen auch in der Heimat anerkannt werden. „Mein Koordinator war da sehr großzügig“, sagt Horne.

Tendenz zur Bürokratisierung und Formalisierung

Zu solcher Größzügigkeit rät auch Jutta Allmendinger - allerdings nicht nur den Dozenten, sondern auch den Studenten. Für womöglich noch bedenklicher als die Mängel der Hochschulreform hält sie ihre indirekten Folgen. „Viele Studenten gehen der Beschleunigungspolitik voll auf den Leim und glauben, sich einen Auslandsaufenthalt nicht erlauben zu können.“ Die Berliner Bildungsexpertin empfiehlt den Universitäten deshalb, die Regelstudienzeit für Bachelor-Studiengänge generell von sechs auf acht Semester anzuheben. Auch der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) unterstützt diese Position. Eine feste Vorgabe der Reform war der sechssemestrige Bachelor in der Tat nie, sie lässt sechs, sieben oder acht Semester zu.

„Kein Mensch weiß mehr, was originär Bologna ist und was sekundär“, fasst der Mainzer Chemieprofesser Rudolf Zentel diese verwirrende Situation zusammen. Er stößt sich vor allem an der Tendenz zur Bürokratisierung und Formalisierung, die nach seiner Meinung auch im „learning agreement“ für das Auslandsstudium ihren Ausdruck findet. Die Reform sei von der Idee beseelt, dass bessere Strukturen das Studium verbessern würden. Der Mensch bleibe dabei oft auf der Strecke. „Die Kollegen, die sich am meisten um Strukturen kümmern“, sagt Zentel, „kümmern sich am wenigsten um Studenten und Mitarbeiter.“

Jeder aber empfindet die Lasten der Reform und den Druck zur Beschleunigung auf seine Weise. Zwei DIN-A4-Formulare und einen englischen Lebenslauf habe er für sein Erasmus-Semester im finnischen Vaasa einreichen müssen, berichtet Felix Fischer. „Und die Anrechnung war kein Problem“, sagt der 24 Jahre alte BWL-Student aus Leipzig. Gerade hat er sich um ein DAAD-Stipendium für sein zweites Auslandssemester beworben, diesmal geht die Reise nach Amerika. „Da gibt es schon mehr Formalien zu beachten. Aber wenn man eine Woche einplant, ist das locker stemmbar.“

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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