31.05.2007 · Die Hochschulausbildung zum Technischen Redakteur gibt es noch nicht sehr lange, und die Absolventenzahlen sind überschaubar. Noch. Denn die Industrie sucht händeringend Redakteure, die technische Vorgänge verständlich beschreiben können.
Von Sybille WilhelmBizarre Bedienungsanleitungen, kryptische Produktspezifikationen, komplizierte Online-Hilfen: Technische Redakteure bemerkt man fast immer nur, wenn sie fehlen. Sie bereiten quer durch alle Branchen technische Informationen und Dokumentationen so auf, dass man sie versteht und komplexe Produkte wie beispielsweise Software überhaupt nutzen kann.
„Technischer Redakteur ist ein spannender Beruf, der sehr vielfältig ist und in dem, unabhängig von der Konjunktur, der Bedarf von Jahr zu Jahr wächst“, sagt Michael Fritz, Geschäftsführer der Gesellschaft für Technische Kommunikation e.V. (Tekom), dem Fachverband für Technische Kommunikation, über die etwas anderen Dolmetscher. „Unser einziges Problem ist, dass der Beruf in der Öffentlichkeit zu wenig bekannt ist, oft fälschlicherweise auf das Handbücherschreiben reduziert wird und wir zu wenige Interessenten haben, die diesen Beruf ergreifen wollen.“ So übersteigt die Nachfrage nach Arbeitskräften deutlich das Angebot: Die Unternehmen suchen händeringend nach geeigneten Mitarbeitern. Eine Tekom-Umfrage ergab, dass der Markt sechsfach überbucht ist. „Es hängen sechsmal mehr Stellenangebote auf den Fluren der Hochschulen, als es Absolventen gibt“, sagt Fritz. „Der Markt ist derzeit total leergefegt.“
Bei den Verdienstmöglichkeiten schlägt sich das allerdings nicht so deutlich nieder: Gut die Hälfte der Technischen Redakteure verdient einer Tekom-Umfrage zufolge zwischen 2500 und 4000 Euro brutto; ein gutes Viertel zwischen 4000 und 5500 Euro. "Der Beruf ist grundsätzlich sicher keiner, bei dem man einen Porsche fahren kann", sagt Professor Rainer Bernd Voges von der Fachhochschule Gießen-Friedberg, der die bewusst multimediale Ausrichtung des Studiengangs in Gießen auch gerne als Dokumentationsbetriebslehre bezeichnet. „Aber abgesehen davon, dass uns die Leute quasi aus den Händen gerissen werden, ist der Job bei aller Abwechslung grundsolide, und man hat seine Arbeitsstelle in aller Regel eine lange Zeit.“
Die meisten sind Seiteneinsteiger
Grundsätzlich ist der Beruf nicht gesetzlich geregelt, ein jeder kann sich Technischer Redakteur nennen. Weil das Berufsbild noch vergleichsweise jung ist - die Fachhochschule Hannover machte im Wintersemester 1991/92 in Deutschland den Anfang mit der systematischen akademischen Ausbildung zum Technischen Redakteur -, sind die meisten der geschätzten 70 000 Technischen Redakteure in Deutschland Seiteneinsteiger. Die Ausbildung zum Technischen Redakteur ist in erster Linie ein Erwachsenenberuf, wie Michael Fritz sagt: „In aller Regel lernt man diesen Beruf nicht als Jugendlicher, sondern bildet sich weiter, nachdem man ein anderes Studium oder eine andere Ausbildung absolviert hat.“
Grundsätzlich gibt es die Möglichkeit, sich im Rahmen eines Technischen Redaktionsvolontariats in Unternehmen für die Tätigkeit zu qualifizieren, wobei externe Seminare das theoretische Rüstzeug vermitteln. Zusätzlich gibt es eine Reihe von Bildungsveranstaltern, die Weiterbildungsangebote im Programm haben. Diese Angebote richten sich in erster Linie an Meister, Techniker, Ingenieure sowie Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaftler.
Und schließlich ist es möglich, an Hochschulen zu studieren, das Fach als Schwerpunkt im Rahmen von Journalistik- und Ingenieur-Studiengängen oder als Zusatz- oder Aufbaustudiengang zu belegen. Dabei bereitet den Beteiligten nicht gerade viel Freude, dass sie sich vom Diplomabschluss zugunsten des Bachelor oder Master verabschieden müssen, denn meist geht dies deutlich zu Lasten des so wichtigen Praxisanteils im Studium.
Ein „altbewährter“ Hochschulabsolvent ist unterdessen Alexander Pretsch. Nach seiner Ausbildung zum Elektroniker holte er die Fachhochschulreife nach und begann ein Studium des damals brandneuen Studiengangs Technische Redaktion an der Hochschule Karlsruhe. Er schloss ihn als erster Absolvent vor sechseinhalb Jahren ab. „Wir im süddeutschen Raum kennen uns ganz gut“, sagt Pretsch, der heute in der Sparte Kundenliteratur bei der Porsche AG tätig ist, zum Verhältnis von Wirtschaftsvertretern und Hochschulen. „Das ist schon sehr hilfreich, wenn es um die sechsmonatigen Praktikumsplätze geht, denn wir wissen ziemlich genau, wie gut die Studenten ausgebildet werden. Bisher hatten wir somit durchweg positive Erfahrungen.“
Archivpflege und Betriebsanleitungen
Er warnt allerdings Neulinge davor, mit falschen Erwartungen in den Beruf zu starten: „Manche verwechseln den Beruf des Technischen Redakteurs mit Werbung oder Journalismus. Wieder andere wollen mehr organisieren und übergeordnete Tätigkeiten ausführen“, hat er beobachtet. „Aber grundsätzlich besteht der Job darin, die technischen Sachverhalte den internen wie externen Kunden zu vermitteln. Daran und an den Abläufen im Unternehmen muss man schon Spaß haben.“ Und noch ein Vorurteil will er gleich ausgeräumt wissen: Auch wenn sich Porsche nach der großen, weiten, aufregenden Welt anhört, unterscheiden sich doch die Aufgabengebiete der rund 25 Technischen Redakteure in Ludwigsburg nicht wesentlich von denen in anderen Unternehmen: „Die Archivpflege gehört bei uns genauso dazu wie eine Betriebsanleitung oder den Reparaturleitfaden zu schreiben“, nennt er als Beispiel für den bisweilen wenig glamourösen Arbeitsalltag. Pretsch ist nicht nur als Absolvent, sondern auch als Wirtschaftsvertreter vom Studiengang Technische Kommunikation und der Zusammenarbeit mit den Hochschulen überzeugt. „Wir von Porsche arbeiten eng mit den Hochschulen im süddeutschen Raum zusammen, in Projekten genauso wie bei Praktikumsplätzen und Diplomarbeiten“, nennt er als Beispiel. „Dabei erweist sich der Nachwuchs als besonders flexibel und engagiert. Wir bekommen auf diese Weise nicht nur sehr gute Praktikanten, sondern bekommen auf diesem Weg auch die neuesten Trends im Bereich der Technischen Dokumentation mit.“
Auch der Hörfunkredakteur und Moderator Frank Berge vom Hessischen Rundfunk findet den Studiengang zum Technischen Redakteur grundsätzlich gelungen: „Man hat in den Seminaren ein Potpourri an Kapazitäten, denn die Studierenden kommen aus den unterschiedlichsten Fachbereichen wie Medieninformatik, BWL oder Agrarwissenschaften“, sagt Frank Berge, der Lehrbeauftragter für den Studiengang Technische Redaktion & Multimediale Dokumentation an der FH Gießen-Friedberg ist. „Diesen Fachleuten noch das notwendige journalistische Handwerkszeug zu vermitteln macht Spaß. Und die Beiträge etwa für Podcasts oder den Hörfunk, die man dort gemeinsam erstellt, sind sofort auf einem sehr hohen Niveau.“ So seien die Studierenden auch prädestiniert, Praktika etwa in den Wissenschaftsredaktionen von Publikumsmedien zu machen.
In 15 Jahren kein Hörfunk mehr
Oder in den Wissenschaftsmuseen: „Science-Center wie das Phaeno in Wolfsburg, das Universum in Bremen oder das Exploratorium in San Francisco sind potentielle Arbeitgeber für Technische Redakteure“, sagt Professor Voges. „Außerdem verwachsen die Bereiche Unternehmenskommunikation und Technische Redaktion zusehends, denn der Erfolg eines Unternehmens hängt immer auch von der verständlichen Kommunikation mit dem Kunden ab.“ Für den Radiomann Frank Berge ist sein Seminar „Texte für das gesprochene Wort“ zudem eine ideale Gelegenheit, selbst über den Tellerrand hinauszublicken: „Das Medium Hörfunk wird es in seiner heutigen Form in 15 Jahren nicht mehr geben“, ist Berge überzeugt. „Mit den Studenten kann man deshalb nicht nur der Frage nachgehen, wie sich das Radio in Zukunft verändern muss, um weiter einen Mehrwert zu bieten. Vielmehr ist es auch spannend, welche Ideen die Studenten haben, weil sie die unterschiedlichsten multimedialen Techniken ausprobieren können.“
Mögliche Studienorte:
- Aachen: Bachelor und Master. www.rwth-aachen.de
-Aalen: Bachelor. www.htw-aalen.de
-Chemnitz: Magister. www.tu-chemnitz.de
-Dortmund: Berufsbegleitendes Master-Studium mit anerkanntem akademischem Universitätsabschluss. www.donau-uni.ac.at
-Flensburg: Bachelor & Master. www.fh-flensburg.de/ifk
-Furtwangen: Bachelor. www.hs-furtwangen.de/fachbereiche/pe
-Gelsenkirchen: Bachelor & Master. www.fh-gelsenkirchen.de
-Gießen-Friedberg: Bachelor & Master. www.trmd.fh-giessen.de
-Hannover: Bachelor. www.etech.fh-hannover.de/de/
-Karlsruhe: Bachelor & Master. www.technischeredaktion.com
-Leipzig: Bachelor. Nachrichtentechnik mit Schwerpunkt Technischer Redakteur. www.fh-telekom-leipzig.de
-Merseburg: Master. www.fh-merseburg.de
-München: Bachelor & Master. www.sdi- muenchen.de/hochschule
-Stuttgart: Bachelor. www.hdm-stuttgart.de
-Ulm: Zusatzqualifikation, Aufbaustudium. http://www.fh-ulm.de
-Weitere Informationen: www.tekom.de