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Mitbestimmung Studenten am Steuer

04.12.2010 ·  Ausgerechnet die umkämpfte Bologna Reform hat Studenten und Professoren in vielen Fällen zu Partnern gemacht. Ganz pragmatisch lösen sie die Probleme jetzt gemeinsam.

Von Sebastian Balzter
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Es war das vermutlich wichtigste Jahr seiner Bildungskarriere, aber für sein Studium hatte Lukas Bischof zwischen Oktober 2008 und Juli 2009 keine Zeit. Eine einzige Klausur schrieb der angehende Psychologe in den beiden Semestern; in Vorlesungen und Seminaren war er an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität kaum zu sehen. Stattdessen hat er die Initiative „Bachelor gemeinsam gestalten“ gegründet, eine Studentenbewegung neuen Typs: Der Impuls dazu war nicht Protest, sondern die Aussicht darauf, die Umsetzung der Studienreform in Freiburg mitzugestalten.

Nicht die Konfrontation mit der Hochschulleitung ist zum Markenzeichen der Initiative geworden, sondern ihr guter Draht zur Spitze von Fakultät und Institut - schließlich konnten sich beide Seiten auf gemeinsame Wünsche verständigen: mehr Flexibilität im Studium, mehr Fallstudien in der Lehre und ein besseres Betreuungsverhältnis. „Ich habe zum ersten Mal gemerkt, dass Lehrende und Studierende die gleichen Ziele haben“, beschreibt Bischof diese anfangs überraschende Erkenntnis. Inzwischen steht er selbst kurz vor seiner Abschlussprüfung. Deshalb verbringt er nun wieder mehr Zeit mit Fachliteratur als mit der Hochschulpolitik. Aber die Initiative besteht weiter. „Rund 40 Kommilitonen haben sich bislang kontinuierlich dafür engagiert“, überschlägt Bischof. „Ohne dafür Geld oder Leistungspunkte zu bekommen. Das ist außergewöhnlich.“

Bologna-Reform als Zündfunke

Die Ausnahme könnte zum Trend werden. Zwar belegt eine Studentenumfrage der Konstanzer AG Hochschulforschung seit Jahren ein nachlassendes Interesse der Studenten an der Wahrnehmung ihrer Mitbestimmungsrechte an der Hochschule. An den Wahlen zum Studentenparlament beteiligt sich vielerorts gerade noch jeder zehnte Student. Oft fehlen die Kandidaten für die Ämter, die den Studenten zustehen. Doch die Gegenbeispiele mehren sich. Und ausgerechnet die heißdiskutierte Bologna-Reform hat sich als Zündfunke für eine Reihe pragmatischer Kooperationen von Studenten und Hochschulleitungen entpuppt.

An der Frankfurter Goethe-Universität etwa, vor einem Jahr noch ein Zentrum des lautstarken Widerstands gegen die Reform, diskutierten im Sommer Studiendekane, Verwaltungsmitarbeiter und Studenten in den „Bologna-Werkstätten“ gemeinsam über Zulassungsfragen, Prüfungsdichte und Anwesenheitspflicht; auf 16 Vorschläge für eine Reform der Reform haben sie sich inzwischen mit dem Senat geeinigt. Die Katholische Universität Eichstätt wiederum hat, noch bevor es womöglich zu einem Bildungsstreik gekommen wäre, mehr als tausend Studenten zu ihrer Meinung über die neuen Studiengänge befragt. Als besondere Schwachstellen wurden so die Einführungsveranstaltungen identifiziert; nun experimentieren die Fächer mit neuen Lehrformen dafür.

In Rostock gibt es den ersten studentischen Prorektor

Rechtlich steht der Einflussnahme der Studenten auf die Gestaltung ihres Studiums wenig entgegen. In den Hochschulgremien, die sich mit der Lehre befassen, müssen Professoren einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts gemäß zwar mindestens die Hälfte der Mitglieder stellen. „Alles Weitere können die Hochschulen aber in ihren Satzungen regeln“, erläutert Professor Max-Emanuel Geis, der an der Universität Erlangen-Nürnberg die Forschungsstelle für Wissenschafts- und Hochschulrecht leitet. Sogar in die Hochschulleitung dürfen Studenten demnach berufen werden, solange sie dort nicht die anderen Mitglieder überstimmen können. Eine Bezahlung dafür ist allerdings nur im sehr engen Rahmen einer Aufwandsentschädigung möglich; auch die Vergabe von Leistungspunkten als Anerkennung für das Engagement sieht Geis kritisch. „Die Hochschulen müssen nach anderen Wegen suchen“, sagt er. Die Befreiung von Studienbeiträgen etwa und die Beurlaubung für die Dauer eines Mandats böten sich dafür an.

Im Praxistest bewähren sich solche Überlegungen in Rostock schon seit vier Jahren. Damals wurde in der Hansestadt der erste studentische Prorektor gewählt. Heiko Marski, 26 Jahre alt und als Lehramtsstudent für die Fächer Englisch, Geschichte und Dänisch eingeschrieben, hat das in Deutschland bislang einzigartige Amt seit diesem März inne. Jeden Montagnachmittag kommt er zusammen mit der Kanzlerin und zwei Professoren in das Büro von Wolfgang Schareck, dem Rostocker Unirektor. Prioritätenlisten, Ausbaupläne, Prüfungsordnungen, Zielvereinbarungen mit der Landesregierung - alles kommt auf den schlichten Sitzungstisch aus Holz. Nur drei Türen weiter hat Marski sein eigenes Arbeitszimmer, er erhält eine Aufwandsentschädigung und hat sich beurlauben lassen, weil er seine Aufgabe als Vollzeitbeschäftigung ansieht.

Wenn der Rektor den Hörsaal-Besetzern Brötchen bringt

„Als in anderen Städten die Proteste gegen die Bologna-Reform eskalierten, klingelten bei uns die Telefone“, berichtet Rektor Schareck. Denn in Rostock habe der institutionalisierte Austausch zwischen Hochschulleitung und Studentenschaft zu geradezu utopisch anmutenden Situationen geführt. „Hier brachte der Rektor den Besetzern morgens Brötchen in den Hörsaal. Das hat die Kollegen neugierig gemacht.“ Die Voraussetzung dafür, betonen Schareck und Marski fast unisono, seien gegenseitiger Respekt und Vertrauen. Mecklenburg-Vorpommerns Hochschulgesetz sieht als Sicherheitsmechanismus zudem ein Vetorecht für den amtierenden Rektor vor. Als der Studentenrat seinen Kandidaten für das Amt gekürt hatte und noch vor der entscheidenden Wahl im paritätisch besetzten Konzil hätte er Marski ablehnen können. Schon persönliche Abneigung oder Zweifel an der Qualifikation des Kandidaten wären Grund genug dafür gewesen.

Manche Kollegen, berichtet Schareck, fürchteten angesichts des Rostocker Modells trotzdem den Verlust der Verschwiegenheit in der Rektoratsrunde. „Aber so viele Dinge mit ,Geheim'-Stempel gibt es bei uns gar nicht“, wiegelt der im März vom Deutschen Hochschulverband zum „Rektor des Jahres“ gewählte Mediziner ab. Marski nickt. „Und wenn doch mal jemand plaudert, warum soll es dann ausgerechnet der Student gewesen sein?“

Ob eine offizielle Stellung wie in Rostock nötig ist, um Studenten angemessen einzubeziehen, ist unter Hochschulmanagern und Organisationspsychologen aber noch umstritten - Fachleute warnen davor, dass aus Ämtern schnell Placebo-Positionen werden können, wenn sie etwa aus Misstrauen vom Informationsfluss abgeschnitten werden. Aber dafür gebe es in Rostock überhaupt keinen Anlass, sagt Heiko Marski. „Wir rennen ja nicht mehr wie die Achtundsechziger gegen ein ganzes Hochschulsystem an.“

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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