26.12.2009 · Viele überdurchschnittlich intelligente Kinder bringen schlechte Noten nach Hause. Denn wer in der Schule unterfordert wird, schaltet ab - oder wird zum Klassenclown. Hochbegabte brauchen deshalb eine besonders gute Förderung.
Von Lisa BeckerLieber ein glückliches normal begabtes Kind als ein unglückliches hochbegabtes - wer sich mit Eltern überdurchschnittlich talentierter Kinder unterhält, hört diesen Satz oft. Es fällt schwer, ihn zu akzeptieren. Leben wir nicht in einem Land, das wegen seiner Armut an natürlichen Ressourcen auf den geistigen Reichtum seiner Bevölkerung angewiesen ist? Und müssten wir nicht auch jene fördern, die zu intellektuellen Höchstleistungen fähig sind? Spricht man Hochbegabten doch viele wertvolle Eigenschaften zu: Sie sind kritisch und verantwortungsbewusst. Sie engagieren sich sozial und haben einen starken Sinn für Gerechtigkeit.
Doch leider scheitern nicht wenige irgendwo irgendwann im deutschen Bildungssystem. Ein großer Teil wird nicht einmal entdeckt. Aber selbst von den Kindern und Jugendlichen, deren Hochbegabung erkannt wird, können sich viele nicht entfalten. Sie schreiben in der Schule Noten, die ihre Fähigkeiten nicht abbilden, und landen später in Berufen, in denen sie sich nicht verwirklichen können.
Auffallend intelligent sind Menschen mit einem Intelligenzquotienten (IQ) von 115 und mehr. Das dürfte auf etwa 16 Prozent der Bevölkerung zutreffen. Einen IQ von mindestens 130 haben nur noch rund zwei Prozent aller Menschen, sie bezeichnet man als hochbegabt. In der Schule aber gehören viele von ihnen, ob entdeckt oder unentdeckt, bestenfalls zum Mittelfeld ihrer Klasse. Weil sie ihr geistiges Potential nicht ausnutzen können, bezeichnen Experten sie als „Minderleister“ oder „Underachiever“.
Dreien und Vieren in der Schule
Auch die beiden hochbegabten Söhne von Gilbert Heß aus Göttingen können ihre Leistungsstärke im Gymnasium kaum abrufen. Ihre Eltern sind vielmehr ständig besorgt, dass sie „nicht nach unten abrutschen“. Heß, ein promovierter Philologe, der zurzeit an seiner Habilitationsschrift arbeitet, kann sich an den Fähigkeiten seiner Kinder oft nicht freuen. Zu viele Hürden seien ihnen schon in den Weg gestellt worden, berichtet der Vater. Und so kommt der Elfjährige mit Dreien und Vieren nach Hause, der Zwölfjährige hat manchmal sogar noch schlechtere Noten. „In der Schule werden oft nur Fakten abgefragt“, sagt Heß. Dafür interessierten sich Hochbegabte aber nicht so sehr; sie sprächen eher die hinter den Dingen stehenden Zusammenhänge an. „Sie möchten auch wissen, warum sie etwas lernen sollen“, erklärt Heß. Einmal durfte sein älterer Sohn schon als Grundschüler einen naturwissenschaftlichen Kurs im Gymnasium besuchen. Doch er kehrte enttäuscht zurück: Es seien nur Temperaturen gemessen worden, berichtete er. Wozu das gut sein sollte, wurde nicht erklärt.
Vor allem die Wiederholungsschleifen im Unterricht könnten für Schüler mit besonders hohem IQ zur Falle werden, sagt Madeleine Majunke von der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind. „Wenn alles für alle Schüler immer wieder wiederholt wird, bis alle auf demselben Level sind, dann sind Hochbegabte massiv unterfordert“, erläutert die Mutter von zwei hochbegabten Kindern. Die Söhne von Gilbert Heß etwa zeigen in einem solchen Umfeld nur wenig Engagement. Für sie spiele das Lustprinzip eine besondere Rolle, sagt ihr Vater - weil Hochbegabte von einem kreativen Vorwärtsdrang angetrieben würden. „Ein Lehrer muss Interesse wecken und wachhalten können, sonst kann es leicht passieren, dass sie sich verweigern.“ Schlimmstenfalls entwickeln sie sich dann zum Störenfried oder geben den Klassenclown. Wie sie damit umgehen sollen, wissen viele Lehrer nicht. In Schulungen könnten sie allerdings lernen, empfiehlt Heß, wie man Hochbegabten auch in normalen Klassen ein anregendes Umfeld bieten könne.
Viele sind besorgt, als Angeber abgestempelt zu werden
Cara Warmuth hat ein solches erst erlebt, als sie für die Oberstufe auf das Hochbegabten-Gymnasium Schloss Hansenberg im Rheingau wechselte. „Das ist menschlich und seelisch das Paradies gewesen“, schwärmt die Siebzehnjährige, die inzwischen schon zwei Semester Jurastudium hinter sich hat. In der normalen Schule langweilte sie sich. „Der Lehrer hat eine Frage gestellt, und nur einer hat sich gemeldet“, erzählt sie. Um nicht aufzufallen, passte sie sich an. Auf Hansenberg war alles anders. „Jeder war interessiert und hat mitgemacht.“ Abends im Internat habe man noch weiterdiskutiert, zum Beispiel über Philosophie. Das habe aber nichts mit Strebertum zu tun gehabt, fügt Warmuth rasch hinzu. Wie andere Hochbegabte ist sie besorgt, als Angeberin abstempelt zu werden. Das hat sie schon oft genug schmerzlich erlebt. „Man behält seine Hochbegabung lieber für sich - und freut sich, wenn man Gleichgesinnte trifft.“
Obwohl sich Cara Warmuth selbst auf einer Schule nur für Hochbegabte wohl gefühlt hat, hält sie diesen Bildungsweg für eine Notlösung. „Das verfestigt unsere Position als Außenseiter“, sagt sie. Auch Madeleine Majunke von der Gesellschaft für das hochbegabte Kind fordert, unterschiedlich begabte Schüler gemeinsam zu unterrichten - und zwar binnendifferenziert: Während die einen noch wiederholten, müssten den anderen schon neue Aufgaben gestellt werden. „Es wäre doch schlecht, die Hochleister aus der Klasse zu nehmen; die können die anderen mitziehen“, sagt sie. Ein Unterricht, der die unterschiedlichen Begabungen der einzelnen Schüler berücksichtige, nutze im Übrigen allen Schülern.
Gängige Praxis ist solcher Unterricht an den meisten deutschen Schulen offenbar nicht. Dagegen spricht zum Beispiel, dass ein Lehrer oft 30 und mehr Schüler unterrichtet. Deshalb besuchen einige hochbegabte Kinder lieber doch eine Schule, die vor allem oder ausschließlich hochbegabte Kinder aufnimmt, auch wenn sie weit von ihrem Wohnort entfernt liegt. Majunke hat dagegen das Glück, dass das Bildungswerk Christliches Jugenddorf Deutschlands (CJD) ganz in der Nähe ihres Wohnortes eine seiner acht Christophorusschulen betreibt. Dort kann ihr Sohn gemeinsam mit anderen hochbegabten Kindern und guten Gymnasiasten ohne besonders hohen IQ lernen. Außerhalb des normalen Unterrichts kann er von den vielen zusätzlichen Lernangeboten profitieren. Mit dem Förderwahn vieler Eltern, die aus ihren Kindern unbedingt das Beste und noch mehr herausholen wollen, hat das nach Ansicht seiner Mutter nichts zu tun. „Hochbegabte Kinder sind sehr daran interessiert zu lernen“, sagt sie. Deshalb könne man sie auch früher einschulen; man nehme ihnen nicht die Kindheit weg.
Vor mehr als 20 Jahren hat das CJD seine erste Hochbegabtenschule gegründet und dies mit seinem christlichen Menschenbild begründet. Damals leisteten viele Pädagogen noch Widerstand gegen die vermeintliche Elitenförderung. Diese Stimmen sind leiser geworden, doch noch immer muss das CJD erklären, dass es ihm nicht vor allem darum geht, Schlaue noch schlauer zu machen - sondern darum, möglicherweise gefährdete Persönlichkeiten zu festigen und zu fördern.
„Da lachen doch alle“
Auch Familie Heß hat schon oft den Vorwurf der Elitenbildung gehört, zum Beispiel weil sie sich nachmittags mit anderen Familien mit hochbegabten Kindern trifft, um Ausflüge ins Museum zu unternehmen oder gemeinsam Kurse in kreativem Schreiben oder Mathematik zu besuchen. Dabei seien solche Aktivitäten geradezu lebenswichtig für seine Kinder, sagt Gilbert Heß. Solche Nachmittagskurse in Mathematik, Naturwissenschaften, Japanisch oder Chinesisch bieten auch der Verein Hochbegabtenförderung und die Regionalvereine der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind an. Es tue den Kindern gut, zu merken, dass es andere gebe, die ähnlich tickten wie sie, erklärt Madeleine Majunke den Sinn dieser Angebote. Sie lobt außerdem, dass sich immer mehr Universitäten gegenüber jungen Menschen öffneten, die schon einige Klassen übersprungen haben. So gehen manche hochbegabten Schüler schon vor dem Abitur an die Hochschule (siehe auch: Hochbegabte Hörsaalküken). Sie können dann universitäre Leistungen erbringen, die ihnen später angerechnet werden. Oder sie können in den Ferien eine Schülerakademie besuchen.
Gilbert Heß hat eine solche Akademie an der Universität in Göttingen ins Leben gerufen. Anders als bei vielen anderen Akademien geht es dort nicht um Mathematik oder Naturwissenschaften, sondern um geisteswissenschaftliche Themen. Weil die Teilnehmer bisher von ihren Lehrern ausgesucht würden, räumt Heß ein, würden jedoch zu viele allein wegen ihrer guten Noten zugelassen. Deshalb entwickelt er gerade zusammen mit einer Diplompädagogin einen Leitfaden zur Diagnostik, um auch die hochbegabten „Underachiever“ zu erkennen.
Diesen Kindern gilt seine besondere Aufmerksamkeit. Das hat natürlich mit dem bisher oft holprigen Weg seiner eigenen Söhne zu tun. Heß kann da die eine oder andere traurige Geschichte erzählen. So konnte sein ältester Sohn schon im Alter von eineinhalb Jahren die Winterreise von Franz Schubert, einen Zyklus aus 24 Liedern, auswendig singen. Das hatte er sich durch das Mithören einer CD selbst beigebracht. Im Kindergarten und in der Schule galt er mit solchen Interessen als Sonderling. Irgendwann stellte er das Singen deshalb vollkommen ein. „Da lachen doch alle“, meinte er.