Home
http://www.faz.net/-gyq-6kd9e
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 09. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Minderjährige Studenten Zu schlau für den Kredit

31.08.2010 ·  Studienkredite gelten als modern, ebenso wie das achtjährige Gymnasium. Doch zusammen passen die beiden Lieblinge der Bildungspolitiker nicht: Wer mit 17 Jahren studiert, geht leer aus.

Von Sebastian Balzter
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (7)

Gäbe es Johanna Hartke nicht, die deutschen Bildungs- und Wirtschaftspolitiker müssten sie sich schnitzen: Sie spielt gerne Volleyball, geht Surfen und hat Klavierunterricht genommen, das hat sie mit vielen anderen Mädchen ihres Alters gemeinsam. Zur Ausnahme aber macht sie, dass sie mit erst 16 Jahren das Abitur schon in der Tasche hat, mit einem respektablen Notenschnitt von 1,5. Drei Klassen hat Johanna Hartke seit ihrer Einschulung übersprungen, ihr IQ weist sie als hochbegabt aus, sie gehört also zu den 2 Prozent der Bevölkerung mit einer besonders hohen Intelligenz. Noch erfreulicher für alle Sonntagsredner: Die junge Frau aus der niedersächsischen Kleinstadt Lohne will sich in eine echte Männerdomäne vorwagen und Physik studieren, eines der naturwissenschaftlichen Fächer, nach deren Absolventen die über Fachkräftemangel und Überalterung klagenden Unternehmen geradezu lechzen.

Einen Studienkredit aber bekommt Johanna Hartke deshalb noch lange nicht. Dabei gilt dieses seit rund fünf Jahren bestehende Instrument der Studienfinanzierung, laut einer Erhebung des Beratungsunternehmens CHE Consult inzwischen von mehr als 30 deutschen Banken angeboten, als besonders fortschrittlich - weil es das Studium als eine Investition in die berufliche Zukunft darstellt und die individuelle Verantwortung für die Ausbildung betont. Der Staat lässt seine Förderbank KfW deshalb Studienkredite zu günstigen Konditionen verteilen. Zuletzt lag der effektive Jahreszins bei 3,34 Prozent und damit etwa gut 4 Punkte unter dem Angebot der Deutschen Bank. Genau 17.561 Neuzusagen genehmigte die KfW 2009.

„Eingeschränkt geschäftsfähig“

Auch Johanna Hartkes Familie setzte auf diese dezente Form der Bildungsförderung. „Nach einem Tag der offenen Tür hat sich unsere Tocher für die Jacobs University in Bremen entschieden“, berichtet Cornelia Rothkegel-Hartke, die Mutter. Die private Hochschule bietet ihren Studenten Wohnungen auf dem Campus und ein außergewöhnlich gutes Betreuungsverhältnis, ist verhältnismäßig überschaubar und liegt nicht viel mehr als eine Stunde Autofahrt von der Wohnung der Familie entfernt - kostet aber auch 9000 Euro Gebühren im Semester. „Insgesamt rechnen wir mit 30 000 Euro Studienkosten im Jahr“, überschlägt Rothkegel-Hartke. „Mehr als die Hälfte decken ein Stipendium der Uni, unsere Rücklagen und das Bafög. Aber 12.000 Euro bleiben übrig.“

Doch weder die KfW noch die anderen Banken, die prinzipiell Studienkredite vergeben, durften die Schuldnerin akzeptieren, deren Studienerfolg und berufliche Zukunft nach aller Voraussicht erfreulich sein werden. In den Paragraphen 106 bis 113 des Bürgerlichen Gesetzbuches nämlich sind Minderjährige als „eingeschränkt geschäftsfähig“ definiert. Die volle Geschäftsfähigkeit aber ist die Voraussetzung für ein Kreditgeschäft. Damit Minderjährige sie abschließen dürfen, brauchen sie nicht nur die Zustimmung ihrer Erziehungsberechtigten, sondern auch eine Genehmigung vom Familiengericht. Und Hochbegabung ist vor dem BGB kein Ausnahmetatbestand.

Ein Studienbeginn vor dem 18. Geburtstag wird es in Zukunft aber auch nicht mehr sein. „G8“ heißt die Zauberformel, hinter der sich die auf acht Jahre verkürzte Gymnasialzeit verbirgt - noch ein Liebling von Kultusministerien und Wirtschaftsverbänden, denen die Ausbildungszeit in Deutschland zu lang vorkommt. Bis zum Jahr 2016 werden 13 Bundesländer G8 flächendeckend eingeführt haben. Was das für das Durchschnittsalter der Abiturienten bedeutet, lässt sich leicht ausrechnen: Wer etwa in Bayern in diesem September mit fünf Jahren und acht Monaten, das ist nach der derzeit gültigen Regelung das niedrigste reguläre Einschulungsalter zwischen Aschaffenburg und Mittenwald, in die erste Klasse kommt, macht voraussichtlich im Frühsommer 2022 das Abitur - mehr als ein halbes Jahr vor dem 18. Geburtstag. Aus der Staatskanzlei in München heißt es, zum vergangenen Wintersemester habe es an den bayerischen Hochschulen genau 1211 Studienanfänger unter 19 Jahren gegeben. Entsprechend hoch dürfte künftig die jährliche Zahl der minderjährigen Erstsemester allein in Bayern sein. Für ganz Deutschland dürfte die Zahl nach Daten des Statistischen Bundesamts künftig rund 20.000 im Jahr betragen.

„Ohne die Unterschrift der Eltern gibt es kein Telefon, keinen Strom, kein Gas“

Auf ihre Familien kommt nicht nur ein Zickzacklauf von Bank zu Bank zu, wenn sie das Studium ihrer Sprösslinge mit einem Kredit finanzieren wollen. Sie werden noch andere Probleme zu bewältigen haben, die bisher den Müttern und Vätern von außergewöhnlich begabten Schulkindern vorbehalten waren. „Ohne die Unterschrift der Eltern gibt es kein Telefon, keinen Strom, kein Gas“, berichtet etwa Madeleine Majunke, die Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind. Anlaufstellen an den Hochschulen gebe es für diese Sorgen nicht, die Infrastruktur für minderjährige Studenten fehle. Majunkes eigener Sohn nahm sein Studium vor seinem 18. Geburtstag auf, profitierte aber davon, dass er mit einem volljährigen Klassenkameraden eine Wohngemeinschaft gründete. „Für die Unterschrift beim Makler musste ich von Bonn nach Köln fahren“, sagt Majunke. „Aber sonst blieb es mir auf diese Weise zum Glück erspart, immer wieder die Feuerwehr spielen zu müssen.“

Nicht nur G8 wird das Alter der Erstsemester in Deutschland sinken lassen. Weil - wiederum nach dem Wunsch von Bildungsexperten - schon im Kindergarten genauer auf individuelle Stärken und Schwächen geachtet wird, steigt auch die Zahl der frühzeitigen Einschulungen. Es gelte mit der Lebenszeit von Kindern und Schülern sorgfältiger umzugehen, heißt es zur Begründung der Beschleunigung an allen Ecken der Bildungskarriere. Es gelte die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Ländern zu stärken, deren Hochschulabsolventen im Durchschnitt jünger sind. Und nicht zuletzt entlastet es die Sozialkassen, wenn möglichst wenig beitragsfreie Zeit im Lebenslauf steht. Doch dass die dazu ersonnenen Pläne irgendwann aufgehen und in der Realität des BGB ankommen könnten, hat offenbar niemand rechtzeitig vorausgesehen.

„Dass eine Lösung in dieser Sache gefunden wird, liegt auch in meinem Interesse“, schreibt die Bundesbildungsministerin Annette Schavan nun immerhin in einem Brief an den Bundestagsabgeordneten aus dem Wahlkreis von Familie Hartke. Die KfW, heißt es darin, arbeite an einer „Weiterentwicklung der Bildungsdarlehen“. Aus der Bank selbst ist von Überlegungen zu hören, die auf ein Kreditprogramm hinauslaufen, das gegen eine Garantieerklärung der Eltern oder Verwandten auch für Minderjährige zugänglich sein wird. Frühestens im kommenden Jahr könnte es so weit sein. Viel zu spät für Johanna Hartke. Ihre Eltern haben schließlich einen Kredit bei ihrer Hausbank aufgenommen, der Zinssatz ist deutlich höher als bei der KfW. Aber dafür kann ihre Tochter an diesem Wochenende schon auf dem Campus in Bremen einziehen, gerade rechtzeitig zur Einführungswoche an der Jacobs University.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel