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Mensa des Jahres Patchwork auf dem Teller

Das Wintersemester hat begonnen, und wer lernt, muss auch essen. Aber was eigentlich? Der Besuch in Deutschlands „Mensa des Jahres“ zeigt: Unkonventionell geht vor traditionell.

© Jan-Hendrik Holst Vergrößern Auch auf den Tellern in einer Mensa geht es heutzutage bunter zu.

Um Schlag zwölf hat sich bereits eine Studentenschlange gebildet. Sie reicht von den Stapeln mit den steingrauen Tabletts vor der Essensausgabe bis hinaus zu den Stufen der Eingangstreppe. Die Mensa Süd der Universität Rostock ist ein nüchternes Gebäude im Stahl-Glas-Stil der späten neunziger Jahre, aber man könnte sagen, diese Mensa ist nicht irgendeine Mensa. Die Wand neben den Wartenden ist behängt mit goldenen Plaketten in Form von Tabletts - Auszeichnungen des Campusmagazins „Unicum“, in die durchweg vordere Plazierungen eingraviert sind.

In diesem Jahr hat die Mensa Süd den Beliebtheitswettbewerb des Magazins sogar gewonnen, vor der Mensa Caballus des Studentenwerks Hannover und dem Bistro K 10 des Studentenwerks Kassel. Die Studierenden wählten Rostock ´Süd in der Kategorie Geschmack auf den ersten Platz und in den Fächern Service und Angebot auf den zweiten; das reichte für den Titel „Mensa des Jahres“. Die langsam, aber stetig vorrückenden jungen Leute haben heute allerdings kaum einen Blick übrig für die Auszeichnungen. Man könnte das undankbar finden, aber vielleicht sind sie auch einfach nur hungrig vom Lernen.

Doch was macht diese Mensa nun eigentlich so besonders? Vielleicht, dass sie allzu typisch ist. Sie spiegelt die Vorlieben einer Generation, die sich jeden Tag per Smartphone und Facebook in die ganze große weite Welt einloggt und dieses Patchworkgefühl auch auf dem Teller wiederfinden will. Das ist nicht selbstverständlich, denn ehemals war die Mensa eher ein Hort der Traditionen und des kulinarischen Bewahrens. Wenn es jemals eine gastronomische Einrichtung gab, die ihre Bedeutsamkeit förmlich vor sich hertrug, dann war es die Gemeinschaftsverpflegung der Studenten. Die Mensa Academica, wie die korrekte Bezeichnung lautet, versammelte junge Menschen am Tisch, die als künftige Elite während der Lehrjahre zwar knapp gehalten werden, aber nicht am Hungertuch nagen sollten. Naturgemäß geblieben davon ist nach knapp einhundert Jahren Mensa-Geschichte ein Appetit, der sich allmittäglich als mindestens so groß erweist wie die Wissbegier.

„Kein Gummiball der TK-Kategorie“

Davon abgesehen aber ist fast nichts mehr, wie es war. Weder der ursprüngliche Charakter der Selbsthilfe; längst ist die Institution Studentenwerk, die in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein Bett und eine warme Mahlzeit verhieß, „verstaatlicht“ worden. Noch die rigorosen, ans Burschenschaftliche erinnernden Zeiten aus „Stammessen I“ (Eier in Senfsoße, Salzkartoffeln, Rohkostsalat zum Beispiel) und „Stammessen II“ (etwa Boeuf Stroganoff, Spätzle, Mischgemüse). Wohl jeder, der in den Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern an einer deutschen Uni eingeschrieben war, kann sich an diese auf Muldentabletts servierten Kreationen erinnern. Man konnte sich ihnen bloß durch den beherzten Verzehr eines Milchreises oder Griesbreis mit Zwetschgenkompott entziehen. Die Gerichte stammten aus Kochlehrbüchern, die mindestens zwei Generationen älter waren als die Leute, die sie zubereiteten, ganz zu schweigen von denen, die sie aßen. Das ist auch der Grund dafür, dass der Hochschulspeisung bis heute etwas Verzopftes, ja Museales anhaftet.

In Rostock hat sich um kurz nach eins eine Traube um die flachen Metallwannen gebildet, in denen die letzten Buletten liegen. Sie kosten 90 Cent mit Mensa-Card, 1,75 Euro für Mitarbeiter und 2,55 Euro für Gäste. Der erste Preis ist subventioniert, beim zweiten handelt es sich um die Selbstkosten, und im dritten ist Gewinn enthalten. Die Buletten sind Teil eines Baukastensystems, bei dem einzelne Komponenten wie Fleisch oder Fisch, Beilagen und Salate an verschiedenen Posten frei zusammengestellt und an der Kasse einzeln abgerechnet werden.

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Veröffentlicht: 22.10.2012, 12:56 Uhr