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Medizinstudium Bologna durch die Hintertür

02.07.2010 ·  Viele Medizinstudenten fühlen sich schlecht auf den Alltag als Arzt vorbereitet. Doch eine einheitliche Reform des Studiums ist nicht in Sicht. Deshalb geht die Charité in Berlin nun ihren eigenen Weg.

Von David Klaubert
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Die spitzen Zacken eines EKGs verunsichern Arne Riedlinger noch immer, obwohl er in fünf Jahren Medizinstudium viel über das menschliche Herz gelernt hat. Im Präparierkurs zu Beginn des Studiums durfte er das Herz einer Leiche sezieren und die Fachbezeichnungen für die Einzelteile des Organs lernen, vom Sulcus interventricularis anterior bis zum Conus arteriosus. Später folgten Vorlesungen über verschiedene Herzerkrankungen, nach sieben Semestern bekam er den ersten Patienten mit Herzrhythmusstörungen zu sehen. Was aber das EKG eines kranken Patienten von dem eines gesunden unterscheidet, hat Riedlinger bisher nie geübt.

Viel zu theoretisch, verschult und unflexibel: Mit dieser Kritik am Medizinstudium ist Riedlinger, der gerade sein Praktisches Jahr an der Charité in Berlin absolviert, nicht allein. In kaum einem anderen Studiengang fühlen sich die Absolventen so schlecht auf den Berufsalltag vorbereitet wie in der Medizin. „Die Defizite sind aus Sicht der Studenten deutlich größer als in anderen Fächern“, sagt Kolja Briedis vom Unternehmen Hochschul-Informations-System (HIS), das regelmäßig Umfragen an Universitäten durchführt. Und auch viele Professoren sind mit der deutschen Ärzte-Ausbildung unzufrieden. „Die Medizinstudierenden werden zugeschüttet mit unglaublich vielen Informationen. Die Lernziele sind zwischen den Fächern nicht gut abgestimmt. Theoretische Anteile dominieren und sind zu selten mit praktischen Anwendungen verknüpft. Patienten sehen sie in ihrem Studium zu häufig nur aus der Ferne“, sagt etwa Manfred Gross, der Studiendekan der Charité.

Reform in weiter Ferne

Eine grundlegende Reform des Medizinstudiums scheint dennoch in weiter Ferne, denn die Zuständigkeiten sind verworren und die Interessen vielfältig. Das Bundesgesundheitsministerium regelt mit der Approbationsordnung die Zulassung zum Arztberuf und gibt damit den entscheidenden Rahmen für das Studium vor. Die Länder, zuständig für die Universitäten, haben ebenfalls entscheidenden Einfluss, zumal sie die Kosten für die Medizinerausbildung tragen, die mit rund 280.000 Euro pro Studienplatz viel höher sind als in anderen Studiengängen. Mitreden wollen außerdem die 36 medizinischen Fakultäten und die Vertreter der Fachdisziplinen, die Ärztekammern und die Berufsverbände. Nun arbeiten die verschiedenen Gruppen unter der Führung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung und des Medizinischen Fakultätentages an einem Lernzielkatalog, der die Grundlage für künftige Reformen sein könnte. Ergebnisse sollen 2012 vorliegen.

Derweil gehen einige medizinische Fakultäten schon eigene Wege: Sie nutzen ein Schlupfloch in der Approbationsordnung, das die Einrichtung von Modellstudiengängen erlaubt. So darf beispielsweise das erste Staatsexamen, in dem per Multiple Choice vor allem physikalisches, chemisches und biologisches Faktenwissen abgefragt wird, durch eine hochschulinterne Prüfung ersetzt werden. Dadurch kann die Struktur des Studiums umgestaltet, die weitgehende Trennung von Theorie und Praxis aufgehoben werden. Solche Studiengänge gibt es bislang in Bochum, Köln, Aachen, Witten-Herdecke, Mannheim und Hannover.

Besonders tiefgreifend verändert zum Wintersemester die Charité in Berlin, die größte medizinische Fakultät des Landes, ihr Studium. „Viele neue Lehrformate können wir derzeit nur im Rahmen eines Modellstudiengangs einführen“, begründet Studiendekan Gross das Vorgehen. Problemorientiertes Lernen, patientennaher Unterricht, interdisziplinäre Zusammenarbeit - so lauten die Schlagworte des Konzepts, das auf den Erfahrungen eines kleinen, reformorientierten Studiengangs beruht, der an der Charité seit einigen Jahren neben dem normalen Medizinstudium angeboten wurde. Nun aber sollen alle Medizinstudenten vom ersten Semester an Kontakt mit Patienten bekommen, die Theorie soll von Anfang an mit Fragestellungen aus dem Alltag eines Arztes verknüpft werden.

Das ärztliche Denken in den Mittelpunkt stellen

Die Module aus Theorie und Praxis haben Vertreter der einzelnen Fächer, die bisher unabhängig voneinander und meist ohne Absprachen ihren Stoff unterrichteten, gemeinsam erarbeitet. „Da gab es natürlich viele verschiedene Meinungen und lange Diskussionen“, berichtet Gross. Dass die Auseinandersetzungen dringend notwendig gewesen sein, habe sich schnell gezeigt. So hätten etwa Biochemiker und Immunologen überrascht festgestellt, dass sie ihren Studenten bislang in unterschiedlichen Semestern zweimal fast das gleiche Thema beigebracht hatten.

„Statt auswendig gelernter Fakten soll nun von Anfang an das ärztliche Denken im Mittelpunkt stehen“, kündigt Arne Riedlinger an, der als Fachschaftsvertreter an der Planung des Modellstudiengangs beteiligt ist. So werden zum Beispiel alle Lehrinhalte rund um das menschliche Herz, die Riedlinger über viele Semester hinweg immer wieder aus der Sicht verschiedener Fachdisziplinen lernen musste, zu einem Modul zusammengefasst. Und in der Prüfung müssen die Studenten nicht nur Fakten, sondern auch praktische Fähigkeiten wie das Interpretieren eines EKGs nachweisen. Hinzu kommen Veranstaltungen, in denen die Studenten den Umgang und Gespräche mit Patienten üben können.

Dass neben dem modularen Aufbau auch die Einteilung des Modellstudiengangs in einen drei- und einen zweijährigen Abschnitt stark an die Vorgaben der Bologna-Reform erinnert, ist kein Zufall. „Wir haben die wesentlichen Bausteine zur Bologna-Kompatibilität“, sagt Gross. Bachelor- und MasterAbschlüsse werden die Berliner Medizinstudenten vorerst aber nicht verliehen bekommen - zu groß ist die Ablehnung in den Verbänden und der Ärzteschaft. „Eine Zweiteilung des Medizinstudiums in Bachelor und Master ist überflüssig“, sagt etwa Volker Hildebrandt, der Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages. „Die internationale Mobilität und die gegenseitige Anerkennung der Abschlüsse in Europa sind in der Medizin schon gegeben.“

Wer im Lauf des Studiums die Richtung ändert könnte vom Bachelor profitieren

Auch die Bundesärztekammer und das Gesundheitsministerium lehnen Bachelor- und Masterstudiengänge, wie sie in vielen anderen Ländern und in den meisten anderen Fächern auch in Deutschland längst üblich sind, für das Medizinstudium ab. Immer wieder wird vor halbfertigen Bachelor-Ärzten gewarnt - was Manfred Gross zurückweist. „Das würde nicht nur deutsches, sondern auch europäisches Recht aushebeln, das eine Ausbildung von mindestens sechs Jahren vorschreibt.“

Für diejenigen Studenten aber, die sich im Lauf des Studiums gegen den Arztberuf entschieden oder das Staatsexamen nicht bestünden, wäre der Bachelor ein Vorteil. Sie hätten einen Hochschulabschluss, mit dem sie im Gesundheitswesen arbeiten oder ein Master-Studium anschließen könnten. „Das bisherige Physikum als Zwischenprüfung stellt Studienabbrecher nicht besser als Abiturienten“, wettert Gross. Vorsichtig fügt er hinzu: „Es ist denkbar, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt auf Antrag der Studierenden einen Bachelor-Abschluss verleihen.“

An eine einheitliche Reform des Medizinstudiums glaubt der Studiendekan nicht. Aber den Berliner Modellstudiengang sähe er gerne als Anstoß für Reformen an anderen Hochschulen - damit auch dort Absolventen wie Arne Riedlinger nicht mehr mit jedem EKG zum Stationsarzt gehen müssen.

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