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Mittwoch, 19. Juni 2013
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MBA Harvard schwört der Gier ab

 ·  Neuerdings schwören nicht nur angehende Ärzte einen Eid. Auch MBA-Absolventen geloben, der Gesellschaft Gutes tun zu wollen. Harvard hat den Anfang gemacht. Folgen bald auch deutsche Managerschulen?

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Als Anfang Juni der neueste Absolventenschwung der Harvard Business School verabschiedet wurde, war das ohnehin schon feierliche Prozedere noch um einen feierlichen Programmpunkt reicher: Mehr als die Hälfte der insgesamt 900 Absolventen schworen einen Eid, den sie zuvor selbst verfasst hatten. „Als Manager ist es meine Aufgabe, der Gesellschaft zu dienen“, versprachen sie da beispielsweise und weiter: „Ich werde stets mit der größtmöglichen Integrität handeln und meiner Arbeit in einer ethischen Weise nachgehen.“

Eine Art hippokratischer Eid für Jungmanager? „Dieses Projekt hat klein angefangen, wir dachten eigentlich nur an unsere Abschlussklasse“, sagt Max Anderson, einer der Initiatoren des Eides. „Dass das solche Wellen schlägt, hätten wir nie gedacht.“ Was von vielen Professoren und Mit-Studenten anfangs als Idee einiger Spinner belächelt wurde, hat sich zu einer größeren Bewegung entwickelt. Zusammen mit früheren Harvard-Absolventen und Abgängern anderer Managerschmieden auf der Welt ist die Liste der Unterzeichner mittlerweile schon auf mehr als 1400 Namen gewachsen. Sie alle sind bemüht, das durch die Finanzkrise angekratzte Image des „Master of Business Administration“, kurz MBA, aufzupolieren.

Nur weil in den Investmentbanken der Wall Street viele MBAler jene Finanzprodukte entwickelt haben, die als Auslöser der Krise gelten, ist nicht jeder automatisch ein potentieller Verbrecher - so die Botschaft des Ethikschwurs. Kritik an den MBA-Absolventen kommt nicht nur aus der breiten Bevölkerung, die auf Investmentbanker gerade schlecht zu sprechen ist, sondern auch von Arbeitgebern. So war beispielsweise kürzlich von der Boston Consulting Group (BCG) zu hören, dass die Bedeutung der Business Schools in der Rekrutierung abnehme. Und Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger kritisierte die angelsächsische MBA-Ausbildung als „ziemlich seelenlos“. Immer wieder von Kritikern angeführt wird, dass ausgerechnet Harvard den inzwischen bankrotten Energiehandelskonzern Enron und die weitgehend verstaatlichte Royal Bank of Scotland einst in Fallstudien als vorbildlich gemanagte Unternehmen dargestellt habe.

Gegenwind ist etwas Neues

So viel Gegenwind ist etwas Neues für die Business Schools. Lange Zeit galt die General-Management-Ausbildung an einer der Eliteschulen wie Harvard oder Insead als Königsweg in die Chefetagen der Wirtschaft. Doch die Lehrmethode - Fallstudien, Fallstudien, Fallstudien - wird heute als zu einseitig angesehen. Das große Ganze, die grundsätzlichen Fragen der Wirtschaftsordnung, bleibe dabei auf der Strecke. Rund 700 der sogenannten case studies habe er im Verlauf seiner zweijährigen Ausbildung durchgearbeitet, schätzt Harvard-Abgänger Anderson. Nun gibt es nicht nur an seiner Hochschule Diskussionen darüber, ob das nicht zu viele und vor allem zu sehr auf kurzfristige Gewinn- und Renditeziele ausgerichtete Fälle sind.

Noch befinden sich die Überlegungen im Diskussionsstadium. Grundlegende Änderungen an den Lehrplänen gibt es bislang kaum, von ein paar zusätzlichen Ethikkursen einmal abgesehen. Dazu ist die Finanzkrise noch zu frisch. Außerdem sind Änderungen am Curriculum wegen der verschiedenen Akkreditierungsstandards ein mühsames Unterfangen.

Im Eifer des Ethikgefechts laufen Business Schools nun Gefahr, über das Ziel hinausschießen, Dinge zu betonen, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollten. So scheute sich die Goethe Business School kürzlich nicht, eine Pressemitteilung mit der Nachricht herumzuschicken: „Die Goethe Business School reagiert auf die Finanz- und Wirtschaftskrise. Sie ergänzt ihr Lehrangebot um die Bereiche Führung und Strategie. Damit werden die entsprechenden Kompetenzen der Führungskräfte gestärkt und gefördert.“ In einem Kurs namens „Managing People“ sollen die Teilnehmer beispielsweise lernen, ihren Führungsstil zu reflektieren. Da fragt sich mancher Leser, was die Studenten denn in der Vergangenheit an der Frankfurter Hochschule gelernt haben.

In Deutschland noch keine Gelöbnisse

Gelöbnisse wie in Harvard sind an deutschen Hochschulen bislang nicht überliefert. „Einen Eid, wie ihn Absolventen der Harvard Business School verfasst haben, gibt es an der Mannheim Business School aktuell nicht“, berichtet Christian Homburg, Präsident der Hochschule. Wie seine Kollegen von anderen deutschen Business Schools betont auch er, dass ethische Fragen ohnehin längst fester Bestandteil der Lehrpläne seien. Im Executive-MBA-Programm, das sich an Manager mit erster Führungserfahrung richtet, habe etwa eine Klasse mit einem Drachenbootrennen fast 30.000 Euro für ein Trinkwasserprojekt in Schwarzafrika gesammelt. Auch im gewöhnlichen Vollzeit-MBA-Programm stehe ein soziales Projekt auf dem Plan.

„Von der aktuellen Krise sind vor allem die Business Schools getroffen, die ihr Angebot konsequent auf die Bedürfnisse und Besonderheiten des Investmentbankings ausgerichtet haben“, sagt Homburg. „Im angelsächsischen Raum gibt es Business Schools, die früher 60 Prozent ihrer Absolventen in diese Branche vermittelt haben.“Das sei in Mannheim anders. In einzelne Finanzkurse würden aus aktuellem Anlass sicherlich neue Aspekte aufgenommen. „Große Änderungen wird es aber nicht geben, da das Investmentbanking nie unser Schwerpunkt gewesen ist.“

Die Grenzen der Lehrbarkeit

Ethik sei ohnehin nur begrenzt lehrbar, ist von der Handelshochschule Leipzig (HHL) zu hören. „Letztlich geht es bei Ethik um Einsicht, und die kann man nicht wirklich vermitteln“, sagt Andreas Suchanek, der an der HHL zu dem Thema forscht. „Man hat es an der Universität mit erwachsenen Menschen zu tun, die man nicht erziehen kann oder sollte.“ Aber man könne zeigen, wie Ethik und betriebswirtschaftliche Fragestellungen miteinander verwoben seien. Die Hochschule verweist auf gute Erfahrungen, die sie mit einer Lehrmethode namens Co-Teaching mache. Dabei kommen Lehrende anderer Fachrichtungen zu einem bestimmten Kurs hinzu und beleuchten ein Problem aus ihrer Sicht. Dann diskutiere etwa ein Ethikfachmann mit den Teilnehmern eines Marketingkurses darüber, wie sich Märkte für Menschen mit geringen Einkommen erschließen lassen.

Auch die WHU sieht aktuell wenig Änderungsbedarf, im Studium generale sei Ethik schon länger präsent. „Die Curricula haben sich aufgrund der Wirtschaftskrise bislang nicht geändert“, heißt es. „Dazu ist die Vorlaufzeit auch zu kurz, denn die Neukonzeption von Programminhalten nimmt einige Zeit in Anspruch.“ Ins MBA-Programm seien seit diesem Frühjahr Module zur Förderung der sogenannten Soft Skills integriert, etwa Seminare zu „Personal Change“ und „Personal Growth“ - unabhängig von der aktuellen Entwicklung, betont die Hochschule.

Die European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel im Rheingau verweist nicht ohne Stolz darauf, dass sie in den vergangenen fünf Jahren zwei philosophische Lehrstühle eingerichtet hat, die in jedem Studienabschnitt zu Tragen kommen. Außerdem hat sich im April eine Arbeitsgruppe zusammengesetzt, die weitere Vorschläge für ethische Lehrinhalte entwickeln soll. „Einfach nur zusätzliche Ethikkurse in den Lehrplan einzubauen ist nicht zielführend“, sagt Alexander Westenbaum, der Leiter des MBA-Programms an der EBS. „Das verpufft.“ Es gehe mehr darum, ethische Fragestellungen gleichmäßig in allen Veranstaltungen anzusprechen. So werde dann etwa darüber diskutiert, ob es ethisch vertretbar sei, über eine Kette von Zulieferern in der Dritten Welt zu verfügen.

Bei den Studenten sei das Thema auf jeden Fall präsent, deutlich präsenter als noch vor einem oder zwei Jahren. Die Finanzkrise verändere auch die Karrierewünsche, beobachtet Westenbaum. Investmentbanken sind nicht mehr automatisch die erste Wahl. Ihr jährliches Symposion, das die Studenten der European Business School in Eigenregie ausrichten, haben sie den veränderten Rahmenbedingungen schon angepasst. Vom 17. bis zum 19. September wird im Rheingau unter dem Motto „Rethink Capitalism - Designing our Future“ eifrig über das große Ganze diskutiert.

Der Wortlaut des Harvard-Eides, den die Studenten gemeinsam mit ihren Professoren formuliert haben, ist im Internet unter http://mbaoath.org/take-the-oath/ nachzulesen. In die Liste der Unterzeichner können sich nicht nur Harvard-Absolventen eintragen, sondern auch Abgänger anderer Business Schools auf der Welt.

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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

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