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Veröffentlicht: 05.01.2008, 00:24 Uhr

Mathematikjahr 2008 Rechnen lohnt sich

Mathematikstudenten haben beste Berufs- und Verdienstchancen. Aber das Image ihres Faches ist notorisch schlecht. Das soll sich im „Mathematikjahr 2008“ ändern.

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© Fotolia Mathematikstudium: Verdienstaussichten toll, Image angestaubt

Knallrot ist sein Gesicht, seine Augen glimmen tückisch hinter einer Nickelbrille, seine Wutausbrüche sind notorisch: „Der Zahlenteufel“ in Kniebundhosen ist erst auf den zweiten Blick ein Sympathieträger. Trotzdem hat ihn Hans Magnus Enzensberger zur Titelfigur seines Buches für Kinder und Erwachsene gemacht, denen Zahlen, Formeln und Logik Angst machen. Einer von ihnen ist Robert, dem der Teufel in zwölf Traumlektionen zeigt, dass Mathematik spannender sein kann als die Textaufgaben seines verschnarchten Lehrers Dr. Bockel. Das Gleiche will Günter M. Ziegler nun ganz Deutschland klarmachen. Verglichen mit Enzensbergers Zahlenteufel, sind die äußerlichen Voraussetzungen des jung gebliebenen Mittvierzigers dafür nicht übel: Er trägt T-Shirt, eine Kurzhaarfrisur und im rechten Ohr einen Ring. Außerdem hat er noch satte 360 Tage Zeit für seine Aufgabe, bis zum Ende des vom Bildungsministerium ausgerufenen Mathematikjahres 2008. Ziegler, Professor an der Technischen Universität Berlin und Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, ist der offizielle Koordinator dieses „Jahres der Mathematik“ – Deutschlands oberster Zahlenteufel sozusagen.

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Bis zu 70.000 Euro als Einstieg

Als er selbst 1981 sein Abitur machte, berichtet Ziegler, habe es für Mathematiker eigentlich nur an der Uni, in der Schule und bei den Versicherungen Jobs gegeben. Besonders aufregend seien diese Perspektiven nicht gewesen. „Das hat sich grundlegend geändert. Heute gibt es ein buntes Spektrum von Einsatzmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt – und sehr, sehr viel Geld zu verdienen.“ Diplomierte können mit einem Einstiegsgehalt von 40.000 Euro rechnen, Promovierte je nach Branche mit 50.000 bis 70.000 Euro. Selbst sechsstellige Gehälter für Berufsanfänger sind in manchen Fällen drin. Gerade ist einer von Zieglers Doktoranden von der Münchener Rück angeworben worden; dort sind ein Fünftel aller Akademiker Mathematiker. Unter anderem berechnen sie Risiken und Prämien und analysieren die demographische Entwicklung – denn in ihr stecken die für Lebensversicherungen entscheidenden Daten. Derselbe Doktorand hatte zum Berufseinstieg neun weitere Offerten. Offenbar kein Einzelfall. „Die arbeitslosen Mathematiker in Deutschland passen in einen Bus“, sagt Ziegler.

Er selbst erklärt diese Entwicklung so: „Was früher Theorie war, wird heute angewandt. Die Welt ist technischer und komplizierter geworden. Da braucht man Spezialisten für Technisches und Kompliziertes – Mathematiker eben.“ Wer sich etwa im Seminar über Primzahlen unterhält, wird vielleicht einmal Verschlüsselungsspezialist bei einem Internetprovider. Und was als Stochastik im Vorlesungsverzeichnis steht, taucht später vielleicht in der Finanzmathematik wieder auf.

Von der Sprungschätzung zur Bank

Der Zentrale Grenzwertsatz zum Beispiel. „Er besagt, dass die normierte Summe einer großen Zahl von unabhängigen, gleichartigen Zufallsvariablen näherungsweise normalverteilt ist“, steht dazu dazu im Lehrbuch. „Das lernt man schon im Grundstudium“, sagt Leif Boysen lapidar. Er ist 30 Jahre alt und hat in Göttingen Mathematik studiert. Seine Dissertation trägt den hübschen Titel „Sprungschätzung für verrauschte Beobachtungen von verschmierten Treppenfunktionen“ und behandelt ein Spezialproblem der Statistik. Im Beirat des Promotionsstudiengangs saß auch ein Abteilungsleiter aus dem Risikomanagement der Commerzbank. Ihm muss mehr als nur der Titel der Arbeit gefallen haben. Jedenfalls warb er Boysen von der Uni ab. Jetzt berechnen Boysen und seine Kollegen im 36. Stock des Bankenturms in der Frankfurter City Kreditrisiken, Eigenkapital- und Erlösquoten, zum Beispiel mit dem Grenzwertsatz. Für einen Experten ist der mathematische Anspruch dabei nicht allzu groß. Den Unterschied zur Forschung verdeutlicht Leif Boysen mit ausgebreiteten Armen: Er ist fast zwei Meter groß, die Spannweite beachtlich. Die unmittelbare Relevanz seiner Arbeit und ihr Bezug zum „gesunden Menschenverstand“ seien mehr als eine Entschädigung dafür, betont er. Zunächst hatte er eine halbe Stelle als externer Berater, außerdem bietet die Bank Traineeprogramme für Absolventen an. So lässt sich der Übergang vom Uni- ins Berufsleben sanft gestalten. Ähnlich ging es Boysens früheren Kommilitonen. Eine Mitdoktorandin betreut nun in einem Pharmaunternehmen klinische Studien, eine andere betreibt „Data-Mining“ – sie arbeitet an der automatischen Auswertung von Datenbanken, um die Werbung ihres Unternehmens besser auf dessen Kunden abzustimmen. Die entsprechende Qualifikation ist in vielen Branchen gefragt, das Angebot auf dem Arbeitsmarkt gering. „Deutschland ist, was Statistiker angeht, unterversorgt“, sagt Boysen.

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