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Master of Business Administration Erfolgsversprechen mit drei Buchstaben

05.12.2007 ·  Der deutsche MBA-Markt wächst rasant. Der Manager-Titel verheißt üppige Gehaltserhöhungen. Aber geht im Boom die Qualität verloren?

Von Sebastian Balzter
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Sektkorken hätten knallen können an diesem Abend, stattdessen gibt es eine kalte Dusche. "Sie sind drauf und dran, Ihre Marke zu zerstören", diktiert Joachim Kayser seinen gut 150 Zuhörern ins Stammbuch - es sind Vertreter von Hochschulen und Unternehmen, die zur MBA-Konferenz nach Berlin gekommen sind, dem größten deutschen Branchentreff. Und jetzt das. Denn Kayser ist nicht irgendwer, er ist bei der Deutschen Post für Führungskräfte verantwortlich. Und auch der MBA ist nicht irgendwas, er verspricht genau das: das Zeug zur Führungskraft. Mit dem Titel "Master of Business Administration" winken glänzende Karrierechancen, fette Gehaltszulagen und spannende Manager-Aufgaben - so erzählen es die Prospekte.

In den Vereinigten Staaten, wo der erste MBA 1902 angeboten wurde, gilt diese Gleichung seit Jahrzehnten - zumindest für die klassische Klientel der Top-Schulen, Graduierte aus nichtwirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen in Führungspositionen. Genauso gilt auch die Regel, dass die Studenten dafür zahlen müssen. Dieses Detail ist auf beiden Seiten des Atlantiks gleich: Auch in Deutschland wird das Produkt MBA auf einem Markt gehandelt. Aber dann fangen die Unterschiede an. Denn der deutsche MBA-Markt wächst nicht nur schnell, sondern wild. 1988, als in München der erste MBA-Studiengang in Deutschland angeboten wurde, war der Titel exotisch. Inzwischen sind Master-Abschlüsse aller Art zur Alltagsware geworden. Um die Manager von morgen werben in Deutschland mehr als 100 Anbieter mit rund 250 verschiedenen Programmen und 6000 Studienplätzen. Viele Nachfrager, viele Anbieter - der Markt könnte gut funktionieren. Aber sowohl potentielle Absolventen als auch Personalverantwortliche sind misstrauisch. "Beim MBA wissen Sie nicht, was hintendran ist", sagt Joachim Kayser. Und der Bildungsberater Detlev Kran provoziert mit der Frage: "Wann platzt die MBA-Blase?"

Fünf Gründe für die Verunsicherung:

1. Die Kosten: Für die meisten in Deutschland angebotenen MBA-Programme sind zwischen 6000 und 18.000 Euro Studiengebühren fällig. Gratis ist keines, viele kosten mehr - einige Anbieter lassen sich sogar mehr als 50.000 Euro überweisen, Tendenz steigend. Bezahlen für Bildung, das ist hierzulande noch Gewöhnungssache. Die staatlichen Hochschulen mischen auf dem Markt deshalb zwar kräftig, aber nur über den Umweg von Ausgründungen mit. Umso mehr gilt, dass sich der Abschluss für die Absolventen lohnen muss - aber das ist längst nicht immer der Fall. Ralf Bürkle von der Mannheim Business School berichtet zwar von Absolventen mit durchschnittlichen Gehaltssprüngen von 50 Prozent, aber Joachim Kayser hält dagegen: "MBA bedeutet nicht Beförderung." Und Professor Mark Wahrenburg von der Goethe Business School in Frankfurt zitiert aus einer Unternehmensbefragung: "Lediglich zwölf Prozent sehen in der Zusatzausbildung einen Anlass für die Aufstockung des Gehalts." Bemerkenswert: Auch für viele Anbieter sind die Programme nicht profitabel, obwohl sich das MBA-Gebührenaufkommen in Deutschland nach Detlev Krans Schätzung inzwischen schon auf 85 Millionen Euro im Jahr summieren dürfte. Ein guter Dozent koste 10.000 Euro in der Woche, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Schwarze Nullen gelten da schon als Erfolgsmeldungen, wegen des Prestigewerts will aber keine Business School auf einen MBA im Programm verzichten.

2. Das Äpfel-und-Birnen-Dilemma: Master of Business Administration. Unter dem gemeinsamen Etikett "MBA" firmieren höchst unterschiedliche Produkte. Es gibt die am Beiwort "Executive" erkennbaren berufsbegleitenden Premium-Programme für Manager aus der zweiten oder dritten Führungsebene, die für ihre Wochenendseminare mit dem Flieger anreisen, aber auch solche für Berufsanfänger, die nach zwei oder drei Jahren im Job ihre Karriere beschleunigen wollen. Es gibt den "Osteuropa-MBA" genauso wie den "Health-Care-MBA", es gibt den MBA im Fern-, Teilzeit- oder Vollzeitstudium. Manche Schulen legen Wert auf ein breitgefasstes Curriculum für künftige "General Manager", andere bieten auf die Bedürfnisse einzelner Branchen zugeschnittene Programme an. Miteinander vergleichen kann man die einen mit den anderen nicht.

3. Das Dickicht der Rankings und Akkreditierungen: Akkreditierungsagenturen versprechen Transparenz, Vergleichbarkeit und Qualität. Doch schon die schiere Zahl der verschiedenen Agenturen führt diesen Gedanken ad absurdum. Deutsche MBA-Anbieter werben, je nachdem, mit den Gütesiegeln von AQAS und ASIIN, ACQUIN oder AMBA, AACSB, ZEVA, FIBAA und Equis. Alles klar? Grob gesagt, achtet die deutsch-österreichisch-schweizerische FIBAA auf Mindeststandards der einzelnen Programme, während die anglo-amerikanischen Organisationen AACSB und AMBA ganze Schulen oder Institute unter die Lupe nehmen und als deutlich strenger gelten. Eine verbindliche gemeinsame Qualitätsnorm ist nicht in Sicht, nicht einmal eine gemeinsame Recherche-Plattform für alle verfügbaren Programme in Deutschland. Und bei jedem Ranking gilt es einzeln zu prüfen: Was genau wird bewertet - und was hat das mit den individuellen Ansprüchen zu tun?

4. Die schwarzen Schafe: Die Undurchschaubarkeit lässt Unkraut gedeihen. Seit 15 Jahren beobachtet die Journalistin Bärbel Schwertfeger die MBA-Branche - und stößt immer wieder auf Skandalöses. So hat sie einen Heidelberger Veranstalter ausfindig gemacht, der ein Seminar als "Pharma-MBA" bewarb, das 2500 Euro kostete - und nur drei Tage lang dauerte. Manager werden an einem Wochenende? Das riecht streng nach Etikettenschwindel. Auf Schwertfegers Liste steht außerdem eine Business School in Zürich, die mit renommierten Dozenten warb, die von ihrem Engagement in der Schweiz gar nichts wussten. Schließlich fand sie auch Belege für den Generalverdacht gegenüber Bezahlprogrammen - dass die Qualifikation der Bewerber nicht überall wichtiger ist als ihre Zahlkraft. "Es ist kaum zu glauben, dass in einem akademischen Markt so viel Schmu getrieben wird", fasst sie zusammen.

5. Das Akzeptanz-Problem: Zählbaren Erfolg versprechen die besonders populären Teilzeit-MBA-Programme vor allem dann, wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter damit für neue Aufgaben qualifizieren wollen und sie dafür auch zeitlich und finanziell unterstützen. Aber längst nicht alle Häuptlinge sind begeistert, wenn ihre Indianer sich zu potentiellen Führungskräften weiterbilden wollen. Studiendekan Wolfgang Döhl von der Fachhochschule München beispielsweise berichtet, dass 40 Prozent der dortigen MBA-Bewerber ihre Arbeitgeber nicht vorab über ihr Ansinnen informieren. Vor allem in großen Konzernen blieben viele Studenten gar bis zum Abschluss "undercover". Dazu passt ein weiteres Ergebnis der Studie der Goethe Business School: Nur drei von zehn Personalern vertrauen ihren MBA-Absolventen gezielt neue Aufgaben an, noch seltener denken sie an einen Auslandseinsatz - obwohl die meisten MBA-Programme sie gerade darauf vorbereiten. Und viele Manager halten den Versuch, Führungsqualifikation lehren zu wollen, für Unsinn. "Leadership lernen Sie in keinem Programm der Welt", sagt etwa Heiner Thorborg, einer der bekanntesten Headhunter Deutschlands.

Zwei Drittel der Stundenten sind berufstätig

Dennoch bürden sich Jahr für Jahr Tausende ein MBA-Studium auf. Sie bezahlen nicht nur viel Geld dafür, sie opfern auch ihre Freizeit - fast 70 Prozent der MBA-Studenten in Deutschland sind berufstätig. Wenn sich die Mühe für sie nicht lohnt, wird der Markt zusammenbrechen. Andernfalls wird er sich bereinigen. Bis dahin bleibt es mühsam, das richtige Programm zu finden. Weder Internet-Recherchen noch der Blick auf Rankings oder Akkreditierungen genügen. Erst der persönliche Eindruck, das Gespräch mit Dozenten und Studenten kann einigermaßen verlässlich zeigen, ob Schule und Curriculum zu den eigenen Zielen passen. Eine Garantie dafür aber gibt es nicht.

Aila Anderson etwa ging ein Jahr lang mit der Idee schwanger, ehe sie sich für den Vollzeit-"European MBA" aus Mannheim entschied, dessen Auslandsmonate sie zurzeit in Kopenhagen absolviert. Der 30 Jahre alten promovierten Juristin war der gute Draht zur universitären BWL in der Neckarstadt besonders wichtig. "Meine Karriere soll nicht mehr nur in der Rechtsabteilung stattfinden", begründet sie den Schritt. "Deshalb möchte ich mehr über Unternehmen und Märkte lernen." Andere Kriterien können Internationalität und Praxisbezug sein, ein doppelter Abschluss, der Einsatz von Simulationen und Coachings in der Lehre, das gezielte Üben von Teambildung, Kommunikation, Projektmanagement - je nach Bedarf. Wer sich richtig entscheidet, kann am Ende vermutlich die Sektkorken knallen lassen. Und an Heiner Thorborg denken, der noch heute gern von seinem „Executive Management“-Programm in Harvard erzählt. Oder an Klaus Zumwinkel, Joachim Kaysers Chef. Auch der nämlich hat an einer Business School gelernt, was Führungskräfte wissen müssen.

Quelle: F.A.Z., 01.12.2007, Nr. 280 / Seite C1
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