20.04.2009 · Vom Bologna-Prozess halten sie nicht viel in Friedrichshafen, von Humboldts Idealen umso mehr. Die private Zeppelin University am Südrand der Republik sucht ihren eigenen Weg für die Ausbildung von Managern.
Von Andrea HerzigSie nennt sich zwar „University“, aber man spricht Deutsch an der kleinen Privathochschule am Ufer des Bodensees. Ohne Deutsch gibt es keinen der internationalen Abschlüsse in „Economics“, „Communication & Cultural Management“ und „Public Management & Governance“, denn Deutsch ist an der Zeppelin University in Friedrichshafen allen Moden zum Trotz die Lingua franca. Selbst Muttersprachler müssen sich deshalb darin testen lassen. „Wir müssen präzise sein können“, erklärt Tim Göbel die Strategie, der mit 30 Jahren schon Marketing-Chef der Uni und Mitglied ihres Präsidiums ist.
Der englische Name der Hochschule ist dagegen einem Gesetz des Landes Baden-Württemberg geschuldet, das es ihr trotz staatlicher Anerkennung nicht erlaubt, sich offiziell Universität zu nennen. Vor fünfeinhalb Jahren wurde die Uni gegründet, ihre Kinderzeit erlebte sie mitten im Bologna-Umbauprozess. Gegen vieles, was er in Gang gesetzt hat, wehrt sie sich vehement. „Wir machen hier Old School“, sagt Göbel. Um Schlüsselqualifikationen zu vermitteln, werden zum Beispiel keine Rhetorik- und Präsentationstechnik-Seminare obendrauf gepackt. „Das lernen die Studenten beim Studieren der Fachinhalte.“ Die Hochschule beruft sich dabei auf Humboldtsche Prinzipien: Grundlagen legen, lernen um des Lernens willen. „Am Ende sollen hier Generalisten rausgehen.“ Rückwärtsgewandt sei das nicht. „Wir nennen es Humboldt 2.0. Denn wir erweitern die Grundidee von Lehre und Forschung an der Universität um den Bereich der wissenschaftlichen Dienstleistung.“
Der Kontakt nach außen prägt das Studium
Angewandt wird das gleich an Ort und Stelle. Der Kontakt nach außen, die Zusammenarbeit mit den Gemeinden und Unternehmen der Region prägt das Studium. Auch wenn die Uni manchem Bürger der ländlich geprägten Industriestadt noch immer exotisch vorkommt, profitieren viele von ihr. Sie bietet beispielsweise den Entscheidungsträgern des Mittelstands neuestes Knowhow, auch der Oberbürgermeister saß hier schon im Seminar. Für die Nachbarstadt Konstanz erarbeitete eine Gruppe von Erstsemestern jüngst ein Betreibermodell für eine ausgemusterte Autofähre. Das Konzept der Studenten will aus dem Schiff eine mit Solar- und Windkraft betriebene, energieautarke Insel mit Platz für kleine Labore und Vortragsräume machen. Die Stadt will das Konzept umsetzen.
Mit Hauptschülern aus Friedrichshafen selbst haben Studenten die Aktion „Rock your Life“ begonnen. Aus einer öffentlichen Diskussion auf dem Campus am Seestrand mit Finanzminister Peer Steinbrück im vergangenen Herbst hat sich die Idee dazu entwickelt. 48 Studenten, erklärt Linn Rampl, die im vierten Semester für den Masterstudiengang Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben ist, coachten im Verhältnis von eins zu eins Acht- und Neuntklässler bei ihrer Vorbereitung auf das Berufsleben. Ziel ist es, bei der Integration in den Arbeitsmarkt zu helfen und das Hartz-IV-Risiko zu minimieren. Die Studenten haben ein umfassendes Konzept mit Finanzplan aufgestellt, Banken und Unternehmen sponsern das Projekt.
Die Studenten wollen aus ihrem Probelauf ein festes Programm machen, das auf andere Städte übertragen werden kann. Für 2010 haben sie sich Berlin vorgenommen, ab 2011 soll „Rock your Life“ als „Social Franchise“ in ganz Deutschland präsent sein.
Zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik
Die besondere Mischung aus „gleichermaßen theoriebasierter wie systematisch berufsorientierter Ausbildung“ hat auch Peter Strohschneider, der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, in seiner Begründung der Akkreditierung der Zeppelin University gelobt. Die multidisziplinäre Perspektive zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik sei außergewöhnlich. „Mit diesem innovativen Ansatz hebt sie sich vom bestehenden Angebot anderer Hochschulen deutlich ab.“ Auch der seriöse finanzielle Boden, auf dem die Uni steht, hat dem Wissenschaftsrat gefallen. Ein Drittel des Etats zahlen die Studenten mit ihren Gebühren, das zweite kommt aus langfristigen Sponsoringverträgen, das letzte sind Drittmittel und Erlöse der Uni als Unternehmen.
Schon bei ihrer Gründung hat die Hochschule dem Land eine Ausfallbürgschaft vorgelegt, die jedem Studenten den Abschluss seines Studiums garantiert – genau das ist der Punkt, an dem die Universität Witten/Herdecke, die private Modell-Hochschule aus Nordrhein-Westfalen, nach Ansicht des Wissenschaftsrats nicht genug Vorsorge getroffen hat, weshalb ihr Fortbestand Ende vergangenen Jahres in Frage stand. In Friedrichshafen dagegen baut man auf solides schwäbisches Unternehmertum. Geldgeber der Hochschulstiftung sind unter anderen die Zeppelin GmbH und die ZF Friedrichshafen AG, Unternehmen aus dem Vermächtnis des alten Grafen.
Die nächste Großstadt ist anderthalb Autostunden weg
Nicht nur Prominente wie der Astronaut Thomas Reiter, Fernsehmoderator Günther Jauch oder Innenminister Wolfgang Schäuble kommen von weit her zu Vorträgen und Diskussionsrunden nach Friedrichshafen. Auch die Hälfte der Studenten stammt aus Deutschlands Metropolen, nur zehn Prozent aus der Region und 15 Prozent aus dem Ausland. Den Zugezogenen mag die Lage am südlichen Rand der Republik wie eine puristische Bildungsenklave vorkommen. Die nächste Großstadt Zürich ist gut anderthalb Stunden Autofahrt entfernt, nach Konstanz ist es eine Dreiviertelstunde. Friedrichshafen selbst taugt als solides Familienheim, aber nicht als pulsierende Studentenstadt. Doch die Randlage mit Panoramablick auf See und Alpen fördere eine Verdichtung, eine Konzentration auf Inhalte, sagt der Soziologieprofessor Helmut Willke. „Eine durchaus fruchtbare Klausursituation.“
Im Sommer dagegen, wenn die Boote auf dem See zu Hunderten blitzen und jede Volkshochschule mit Segelkursen lockt, verfolgen viele Studenten Projekte andernorts. Manche gründen schon während des Studiums kleine Unternehmen, Hilfsprojekte in Südamerika waren schon darunter, eine Vermarktungsfirma für landwirtschaftliche Produkte in Kairo auch. „Der Funke ist da, die ZU löst ihn aus“, beschreibt Alumnus Johannes Heinze die Situation. Wer in Friedrichshafen Student wird, der bringt die Ideen in der Regel schon mit – denn so einfach wird man hier nicht Student. Ihre Auswahl überschreibt die Hochschule mit „Pioniere gesucht“; zum Verfahren gehört, dass Bewerber im Team ein Problem für einen realen Auftraggeber lösen, zum Beispiel eine Image-Kampagne für die Katamaran-Flotte von Friedrichshafen nach Konstanz entwerfen. Dazu kommen Gespräche mit Dozenten, Studenten und wechselnden Externen wie Unternehmern, Politikern, Museumsleitern. Das Votum muss einstimmig sein, gesucht sind Persönlichkeit und Authentizität. Dabei zählen Projekt- und Lebenserfahrung mehr als der optimale Abischnitt, verspricht Tim Göbel. „Die Studenten müssen die ZU wollen und dies beweisen können.“
7000 Euro kostet das Studium im Jahr
160 von 1483 Bewerbern sind für das vergangene Wintersemester angenommen worden, 7000 Euro im Jahr kostet das Studium im Durchschnitt. Dafür gibt es Bildungsluxus: Jeder Student hat zwei Coaches, einen akademischen und einen Praxiscoach von außerhalb. Ein Jahr lang lernen fächerübergreifend alle das Gleiche, immer in Kleingruppen, ohne Vorlesungen. Idealerweise, sagt Tim Göbel, begegnen sich Dozent und Student von Anfang an auf Augenhöhe. „Wir wollen die Studenten lehren, dem Wissen zu misstrauen.“
Eine Bildungselite, aber keinen Geldadel will die Hochschulleitung um den erst 37 Jahre alten Präsidenten Stephan Jansen am Bodensee versammeln. Der Statistik zufolge liegt die Bafögquote unter ihren Studenten mit etwa 20 Prozent tatsächlich nur knapp unter dem Bundesschnitt von 22 Prozent. 65 Prozent lernen auf Kredit, ein Abkommen mit der örtlichen Kreissparkasse macht’s möglich. Ein deutlicher Ausreißer vom Durchschnitt ist auch bei den Stipendien festzustellen: Während die Stipendiatenquote in ganz Deutschland bei knapp 2 Prozent liegt, unterstützen die elf Begabtenförderungswerke satte 15 Prozent der Friedrichshafener Studenten.
Streben sie nach dem Abschluss nach einer Promotion oder Habilitation, müssen sie sich jedoch bis auf weiteres eine zweite Hochschule als Kooperationspartner suchen. Noch fehlt der Zeppelin University das Recht, die höheren akademischen Weihen im Alleingang zu verleihen. Doch die junge Uni traditioneller Schule arbeitet hart daran, sich diesen alten akademischen Hut bald aufsetzen zu können.
Schwerpunkt Management
Auf Internationalität und Karrierechancen verweisen die meisten privaten Managerschmieden. Manche betonen andere Schwerpunkte. Drei Beispiele:
In Witten/Herdecke sollen BWLer von Anfang an in Mentorenfirmen mitarbeiten; das „Studium fundamentale“ bringt sie mit Ethik, Literatur, Kunst und Philosophie in Kontakt. Mehr unter: www.wirtschaft.uni-wh.de
Die Bucerius Law School in Hamburg bildet im „Master of Law and Business“ Führungskräfte für die Schnittstellen von Recht und Wirtschaft aus. Details unter: www.law-school.de
Kunst- und Schauspielunterricht gehören zum Programm des BWL-Bachelors an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter. Mehr im Netz unter: www.alanus.edu