04.09.2007 · Der Allgäuer Bergkäse muss nach Flensburg und der Kaffee aus Costa Rica in die Tchibo-Filiale von Erkenschwick: Die Logistikbranche blüht. An 60 Hochschulen wird gelehrt, manchem winkt eine spektakuläre Karriere.
Von Michael WittershagenDie Container türmen sich zu einer bunten Wand aus Metall. Selten wird der Boom einer Branche so augenfällig wie im Hamburger Hafen.
Er wächst und wächst und bleibt trotzdem zu klein. Die Güterströme dieser Welt bescheren beste Geschäfte für eine Berufsgruppe, die vor wenigen Jahren nur Eingeweihte kannten: die Logistiker. Das sind die Leute, die organisieren, dass der Allgäuer Bergkäse nach Flensburg kommt und der Kaffee aus Costa Rica in die Tchibo-Filiale von Erkenschwick.
Schätzungen zufolge wird die Speditions- und Logistikbranche 2007 rund 188 Milliarden Euro umsetzen. Schon jetzt arbeiten rund 2,5 Millionen Menschen in ungefähr 60.000 Firmen in dieser Branche. Das sind Zahlen, die die Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Technologien der Logistik-Dienstleistungswirtschaft nennt. "Die Berufsaussichten in der Logistik sind weiterhin gut", sagt Peter Klaus, der Leiter der Arbeitsgruppe. Nicht nur Akademiker, auch Leute, die anpacken, Lagerarbeiter oder Kraftfahrer, werden gesucht.
Machtvolle Branche
Welche Bedeutung der Wirtschaftszweig Logistik inzwischen einnimmt, machte zuletzt der angedrohte Streik der Lokführer im Güterverkehr deutlich. Einige Tage hätte das Material in den Lagern genügt, danach hätte mancherorts die Produktion bereits stillgestanden.
In den vergangenen Jahren hat sich das Gesicht der Logistik verändert. Sie wird bestimmt von einer großen allgegenwärtigen Kiste, dem Container. Seit 1991 hat sich der Umschlag von Containern in deutschen Seehäfen nahezu vervierfacht. Fuhrunternehmer und Lagerverwalter wurden mehr und mehr zu globalen Dienstleistern, deren Tätigkeitsfeld die Welt und deren Werkzeug unter anderem eine satellitengesteuerte Kommunikation ist.
Es geht darum, den Kunden mit Waren zu beliefern, möglichst günstig, immer pünktlich, so, dass im besten Fall sogar Lagerkosten eingespart werden können.
Männer und Frauen, die solche Aufgaben übernehmen können, sind derzeit ausgesprochen begehrtes Personal auf dem Arbeitsmarkt. Jene, die Lieferketten basteln und sich um Kunden aller Art kümmern. Sie sollten Bescheid wissen, Konflikte lösen und Verhandlungen führen können. Weil sie sich zudem oftmals auf internationalen Märkten behaupten müssen, sind gute Fremdsprachenkenntnisse vonnöten. Zudem steigern Praktika und Auslandssemester während des Studiums die Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
All die Mühe wird honoriert
All die Mühe wird honoriert, wobei die Vergütungsberatung Personalmarkt herausgefunden hat, dass in der Industrie deutlich höhere Gehälter gezahlt werden als bei Logistikunternehmen.
So können laut Studie Leute, die in der Disposition, im Zollwesen, als Kraftfahrer, Gefahrgutbeauftragte oder Fuhrparkmanager arbeiten, in der Industrie durchschnittlich rund 14 Prozent mehr verdienen. Bei mehr als der Hälfte aller Führungskräfte ist das Gehalt abhängig vom Erfolg des Unternehmens.
Längst spielt Logistik auch an den deutschen Hochschulen eine Rolle. Derzeit gibt es in der Republik etwa 60 Studienorte, an denen gelehrt wird. Die Studienschwerpunkte variieren ebenso wie die Herangehensweise an diese ausgesprochen differenzierte Branche.
Die Deutsche Außenhandels- und Verkehrsakademie (DAV) in Bremen ist eine der renommierten Einrichtungen. Allerdings beträgt die Semestergebühr dort auch gleich 3780 Euro. Einen guten Ruf genießt auch die 2003 gegründete Hamburg School of Logistics (HSL). Hochschulabsolventen mit mindestens einem Jahr Berufserfahrung können dort in Form eines Vollzeitstudiums (19.800 Euro) innerhalb eines Jahres den MBA mit dem Schwerpunkt Logistik erwerben, zwei Jahre dauert es, wenn man sich für das berufsbegleitende Studium entscheidet (25.000 Euro). Gerade erst ist wieder eine Gruppe der HSL nach Schanghai aufgebrochen, um dort von Experten vor Ort zu lernen. An der Fachhochschule Hamm setzt man auf eine enge Kooperation mit internationalen Logistikunternehmen und bietet studienbegleitende Tätigkeiten im Ausland an. Seit September können Studierende dort neben einem Bachelor auch einen Master of Logistics Management erwerben. Das Präsenzstudium kostet rund 20.000 Euro.
Lehrstuhl für Logistik
An verschiedenen Universitäten gibt es mittlerweile einen Lehrstuhl für Logistik. Aber nicht nur die Ausbildung, auch die Fortbildung von Mitarbeitern ist zunehmend von Bedeutung. "Logistik wird immer attraktiver", sagt Henning Scharringhaus, Leiter des Fortbildungszentrums Hafen Hamburg (FZH). Rund 6000 Teilnehmer hatte das Zentrum im vergangenen Jahr, darunter waren auch 400 Arbeitsuchende, von denen mehr als 300 wieder in eine feste Stelle vermittelt werden konnten. "Der Bedarf ist ungebrochen hoch", sagt Scharringhaus. Unter dem Motto "Reife Leistung" richtet sich das FZH auch an über 50-Jährige.
Hamburg ist eines der deutschen Zentren für Logistik. Mit der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) hat dort jenes Unternehmen seinen Sitz, das innerhalb Europas jeden fünften Container auf seinen Terminals umschlägt. 4215 Mitarbeiter arbeiteten zu Jahresbeginn bei der HHLA, im vergangenen Jahr wurden mehr als 300 neue Stellen besetzt. "Wir brauchen Containerbrückenfahrer, aber auch Ingenieure oder IT-Spezialisten", sagt Pressesprecherin Ina Klotzhuber
Neue Mitarbeiter sucht auch DHL, die Tochter der Deutschen Post, des weltgrößten Logistikkonzerns. Am Flughafen Halle/Leipzig, der derzeit zum europäischen Hauptumschlagsplatz des Unternehmens ausgebaut wird, werden bis zum Jahr 2012 noch 2000 neue Arbeitsplätze entstehen, 1500 wurden nach Angaben des Unternehmens bereits geschaffen. "Wir suchen geringqualifiziertes Personal für Sortieraufgaben, qualifizierte Leute, die Planungen übernehmen können, aber auch Mechaniker oder Piloten", sagt Pressesprecher Manfred Hauschild.