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Lesekurse : Höchstgeschwindigkeit: 1500 Wörter in der Minute

  • -Aktualisiert am

Wie erfasst man viel Text so schnell wie möglich? Bild: dpa

Wer schneller liest, ist klar im Vorteil, so werben die Anbieter von Lesekursen. Ihre Tipps und Tricks sind teils banal, teils überraschend - und nicht für alle Texte geeignet.

          Am Ende dieses Textes werden Sie 513 Wörter gelesen und dafür rund zweieinhalb Minuten gebraucht haben. Mäßiger Durchschnitt wäre das, mehr nicht. Mit ein paar kleinen Tricks hätten Sie doppelt so schnell sein können – das verspricht zumindest das Unternehmen „Improved Reading Training“. Vor mehr als 30 Jahren von Stan Rodgers gegründet, passt seine Geschäftsidee bestens ins digitale Zeitalter. Schließlich nimmt die zu bewältigende Informationsmenge jährlich um geschätzte 30 Prozent zu.

          Das ist nicht nur ein Faktor der persönlichen Überforderung, sondern auch der betriebswirtschaftlichen Kostenrechnung, wie Wolfgang Schmitz vom deutschen Ableger des australischen Lesespezialisten betont. Berufstätige verbringen im Durchschnitt anderthalb bis zwei Stunden am Tag mit der Aufnahme schriftlicher Information, rechnet Schmitz vor. „Unternehmen geben also ein Viertel der Gehaltssumme für Lesen aus.“ Wer seine Leseeffizienz um 25 Prozent steigere, spare 14 Arbeitstage im Jahr.

          Wie lässt sich Lesen trainieren?

          Wie aber lässt sich das Lesen trainieren, außer durch Lesen? Die Empfehlungen der einschlägigen Anbieter – neben „Improved Reading“ heißen sie unter anderem „Alpha Reading“ oder „Ritter Speed Reading“ – lassen sich zu zehn Tipps destillieren, die vor allem auf eins hinauslaufen: Wort für Wort gilt es die Lesegewohnheiten aus der Grundschulzeit abzulegen.

          1. Lesen vor dem Lesen. Wer sich vor der ersten Zeile klarmacht, ob ein Text der Unterhaltung oder Information dienen soll, liest effizienter.

          2. Lesen aus der Vogelperspektive. Wer vorneweg schon einmal flüchtig bis zum Ende des Texts blättert, kann sich nachher besser orientieren.

          3. Lesen in Sinngruppen. Statt Wort für Wort kann das Gehirn Inhalte auch in ganzen Wortgruppen erfassen, das dadurch erhöhte Lesetempo hält sogar noch die Konzentration aufrecht.

          4. Lesen, nicht (mit)sprechen. Die innere Stimme bindet Kräfte, sie gilt es so weit wie möglich auszuschalten.

          5. Mut zur Lücke. Oft genügen Schlüsselstellen, um einen Text zu verstehen.

          6. Wiederholung, aber richtig. Um Inhalte auf Dauer abzuspeichern, braucht das Gehirn mehrere Lesedurchgänge. Oft genügt dafür aber ein zweiter Blick auf den Beginn eines wichtigen Absatzes oder einer markierten Textstelle.

          7. Abstand halten. Papier sollte sich zwischen 35 und 40 Zentimeter entfernt befinden, ein Bildschirm 70 Zentimeter. Das entlastet die Augen.

          8. Werkzeug Textmarker. Wer schon im ersten Durchgang markiert, unterbricht den Lesefluss; bunt sollte der Text im zweiten Durchgang werden.

          9. Eile mit Weile. Nach einer Viertelstunde konzentrierten Lesens ist eine kurze Denkpause zu empfehlen.

          10. Grenzen der Schnelligkeit. Effizienztechniken eignen sich kaum für die private Lektüre, für Romane oder Gedichte, denn sie blenden Symbolik und Satzmelodie weitgehend aus.

          Sensationsberichte über Extremleser

          Angeblich lässt sich die Lesegeschwindigkeit auf diese Weise auf bis zu 1500 Wörter in der Minute steigern; es gibt Sensationsberichte über Extremleser, die 300 Seiten in weniger als einer Stunde schaffen – und sogar den Inhalt behalten. Solche Rekorde verheißt „Improved Reading“ nicht, hat aber nach eigener Auskunft schon mehr als drei Millionen Menschen im Umgang mit der vermutlich wichtigsten Kulturtechnik überhaupt geschult. Wie viel Wörter je Minute drin sind, hänge von der individuellen Erfahrung und vom Lesespaß jedes einzelnen ab.

          Je schneller man liest, desto weniger versteht man auch – diesen auf der Hand liegenden Einwand hält dagegen der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther hoch. Um sich wichtige Inhalte anzueignen, sei genügend Zeit unentbehrlich. Vielleicht sollten Sie diesen Text also noch einmal von vorn lesen. Aber diesmal mit Stoppuhr.

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