16.12.2008 · Notendruck schon im ersten Semester: Auch das hat der Bologna-Prozess gebracht. Viele Studenten klagen über Stress. Das beste Mittel dagegen: eine Pause - auch wenn schon die nächste Prüfung ruft.
Von Pia VolkEigentlich hat Nadja gar keine Zeit. Sie hat dunkle Ringe um die Augen und hält sich an ihrem Glas Wasser fest. Gerade hat sie eine Kursarbeit abgegeben, bis zum nächsten Abgabetermin ist nur noch eine Woche Zeit. "Ich bin in Zeitnot und total gestresst", sagt die 21 Jahre alte Studentin, die ihren Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Seit drei Semestern ist sie für Kommunikationswissenschaften an der Universität Leipzig eingeschrieben. Früher hieß dieser Studiengang genauso. Aber statt in sechs absolvierte man ihn in neun Semestern, und am Ende hatte man ein Magisterzeugnis in der Tasche. Jetzt aber ist der Studiengang "umgestellt" - auf die Bachelor- und Masterstruktur, auf deren Einführung sich die europäischen Wissenschaftsminister 1999 in Bologna geeinigt haben. Und in Leipzig wie anderswo klagen die Studenten über die verschärfte Arbeitsbelastung.
Rein rechnerisch hat das Pensum allerdings überhaupt nicht zugenommen. Dem zehnten Studierendensurvey der Konstanzer AG Hochschulforschung zufolge jedenfalls pauken Bachelorstudenten durchschnittlich 34,6 Stunden in der Woche. Für Magisterstudenten lag dieser Wert zuletzt bei 35,5 Stunden. Aber früher gab es weniger Prüfungen - und manche Scheine schon dafür, dass die Studenten in der Vorlesung saßen und zuhörten, die sogenannten Sitzscheine. "Kannst du mal für mich unterschreiben? Ich habe heute keine Lust", war keine seltene Bitte unter Freunden, denn die Anwesenheit wurde nur lasch mittels Unterschriftenliste kontrolliert. Klausur- und Hausarbeitsnoten waren vielen gleichgültig, unter Minimalisten galt das Motto "Vier gewinnt". Für die Magisternote zählten ohnehin nur Examensprüfung und -arbeit.
Mindestens 15 Prüfungen in drei Studienjahren
Heute ist das anders. Mindestens 15 Prüfungen, je nach Wahlbereich können es auch mehr sein, müssen die angehenden Leipziger Kommunikationswissenschaftler in drei Studienjahren ablegen. Und alle Noten gehen ins Bachelor-Zeugnis ein. "In den alten Studiengängen mussten die Studenten sich selbst organisieren können", analysiert Sigi Oesterreich, die als psychologische Psychotherapeutin in der Beratungsstelle des Studentenwerks in Berlin arbeitet, den Unterschied. "Heute sind von den Bachelor- und Masterstudenten Selbstdisziplin und Fleiß gefragt." Oesterreich selbst hat die Bologna-Reform jede Menge Mehrarbeit beschert: Vor der Umstellung kamen im Schnitt 1000 Studenten im Jahr in die Beratungsstelle, inzwischen sind es 1400. "Es fällt auf, dass aus den neuen Studiengängen besonders viele Studenten jetzt schon in den ersten beiden Fachsemestern bei uns auftauchen", sagt Oesterreich. "Früher sind sie erst zur Zeit des Vordiploms oder der Zwischenprüfung gekommen."
Außerdem hat sich auch die Zahl der ratsuchenden Diplom- und Magisterstudenten erhöht: Viele sind nun gezwungen, ihr Studium schnell zu beenden, weil es dafür in Zukunft keine Veranstaltungen mehr geben wird. Erst- und Zweitsemester dagegen klagen oft über Orientierungsprobleme: Sie sind sich nicht sicher, ob sie den richtigen Studiengang gewählt haben. Auch das mag strukturelle Gründe haben: Während die Diplom- und Magisterstudenten zum Studienbeginn überall mal reinschnuppern konnten, sind die neuen Studenten gezwungen, das Tempo von Beginn an zu forcieren.
„Viele Studenten leiden an Stress“
„Viele Studenten leiden an Stress“, diagnostiziert Oesterreich. "Sie können ihre Zeit nicht managen und wissen deshalb nicht, wie sie ihre Arbeit schaffen sollen." So entwickeln sich Arbeitsstörungen und Prüfungsängste. Damals, als es nur wenige wichtige Prüfungen zu bestehen gab, war das zumindest am Anfang des Studiums noch nicht weiter schlimm. Mittlerweile sind es aber zwischen zehn und vierzig Prüfungen, je nach Studiengang.
Dass mit der gestiegenen Gesamtzahl die Bedeutung jeder einzelnen Prüfung abgenommen hat, mag zumindest Nadja aus Leipzig nicht trösten. "Jede einzelne Note steht am Ende in meinem Zeugnis. Ich kann nicht mal ein Semester lang etwas weniger machen. Das fällt sofort auf." Auch sie hat Probleme mit dem Lernen. "Ich kann einfach nicht verschiedene Sachen parallel lernen", gibt sie zu. Das wäre aber zwingend notwendig, weil alle Prüfungen innerhalb von nur zwei Wochen geschrieben werden. Im vergangenen Semester standen sogar zwei Klausuren hintereinander an einem Tag an. "Ich habe gar nicht erst versucht, beide zu schreiben", berichtet sie. "Von der zweiten habe ich mich abgemeldet." 14 Stunden Vorlesungen und Seminare in der Woche hat Nadja in diesem Semester auf ihrem Stundenplan stehen, viele weitere verbringt sie daheim über den Büchern. "Ich war beim Augenarzt, weil ich immer schlechter sehe. Er sagte, dass komme vom vielen Lesen und Stress."
Alles Kraut und Rüben
Dass ein Studium - wie eine Berufstätigkeit - krank machen kann, ist keine neue Erkenntnis. Schon Anfang der neunziger Jahre kamen Wissenschaftler der Universität Zürich zu dem Ergebnis, dass vor allem die Unstrukturiertheit des Studiums und der hohe zeitliche Aufwand dafür auf viele Studenten gesundheitsschädlich wirken. Über die Unstrukturiertheit ärgert sich nun auch Nadja. "Der Bologna-Prozess sollte doch mehr Einheitlichkeit bringen. Aber bei uns ist alles Kraut und Rüben", kritisiert sie. Die Dozenten seien keine große Hilfe dagegen. "Einer meiner Professoren hat erzählt, er habe nun schon 19 Prüfungsordnungen hinter sich und wüsste selbst nicht mehr, welche Regel gerade gelte."
Die Umstellung ist eben auch für die Dozenten ein Stresstest. Die vielen Klausuren wollen korrigiert werden; da oft nach der Multiple-Choice-Methode abgefragt wird, ist dabei ein gewisser Stumpfsinn kaum zu vermeiden. "Man lernt zwei Ordner auswendig, um dann 28 Fragen zu beantworten", sagt Nadja. "Und zwei Tage später hat man alles wieder vergessen."Trotzdem büffelt sie genauso wie die meisten anderen Studenten. Schließlich will fast keiner mit dem Bachelor-Abschluss die Uni verlassen. Das sei kein vollwertiger Abschluss, hören sie zu oft. Wer hoch hinauswolle, der müsse einen Master machen. Für den kann man sich aber nur bewerben, wenn man eine Mindestnote erreicht.
Zu viel Stress? Vielleicht sollten Nadja und ihre Kommilitonen sich einmal dort umhören, wo es Bachelor und Master seit jeher gibt. An der amerikanischen Eliteuniversität in Yale etwa studieren rund 5000 Undergraduates. Gut ein Viertel von ihnen nehmen Beratungsmöglichkeiten wahr. Dabei steht die Uni in Amerika trotz der hohen Anforderungen nicht nur für Pauken, Pauken, Pauken. Der Campus ist ein kleiner Mikrokosmos mit vielen Clubs, Sport- und Veranstaltungsmöglichkeiten. Davon sind Deutschlands Hochschulen meilenweit entfernt. Einführungswochen für die Erstsemester gibt es zwar, eine studienbegleitende Betreuung aber nur selten. Und das Interesse an Engagement jenseits von Hörsaal und Labor schwindet: Die Studentenvertretungen etwa finden kaum noch Nachwuchs, weil es den Studenten einfach an Zeit für solche vermeintlichen Nebensächlichkeiten mangelt.
Shoppen zur Entspannung
Dabei sind diese womöglich eine wichtige Zutat für den Erfolg. "Die beste Vermeidung von Stress ist, sich Freiräume zu schaffen", rät jedenfalls Sigi Oesterreich. "Man sollte Spaß haben. Und zwar ohne schlechtes Gewissen, weil man eigentlich etwas anderes tun müsste." Weder Körper noch Geist könnten rund um die Uhr lernen. "Es ist wichtig, dass sich die Studenten nicht isolieren und allein in ihrem Kämmerchen leiden." Alte Freunde anzurufen, die nichts mit der Uni zu tun haben, sei eine Möglichkeit, der Lernfalle zu entkommen; mit den Kommilitonen tanzen zu gehen oder zumindest gemeinsam zu meckern, eine andere. Nadja hat sich für eine dritte entschieden: Sie ist mit einer Freundin Shoppen gegangen, immerhin steht Weihnachten vor der Tür. Da muss die Hausarbeit bis morgen warten. Ganz gleich, was das Gewissen dazu sagt.
Unglücklich...
Nadine Bode (nbode)
- 16.12.2008, 02:29 Uhr
Stress???
N. Soe. (MaxErstkauf)
- 16.12.2008, 10:33 Uhr
Lächerlich
Jarod Wagner (grammaton)
- 16.12.2008, 10:57 Uhr
So wird
Sven Mueller (versmuellen)
- 16.12.2008, 13:01 Uhr
Wer nicht fragt, bleibt dumm
Marco Elicker (eli182)
- 17.12.2008, 10:17 Uhr