Home
http://www.faz.net/-gyq-14m8f
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Lehramt Alltagshelden in die Klassenzimmer

25.12.2009 ·  Jeder sechste Lehramtsstudent, so hat der Potsdamer Psychologe Uwe Saarschmidt herausgefunden, sei für seinen angepeilten Beruf ungeeignet. Doch wie lassen sich gute Studenten für das Lehramt gewinnen? Die Hochschulen setzen auf neue Strukturen und Eignungstests.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

Die Besten müssen Lehrer werden. So klipp und klar hat es der Verband der Jungen Philologen beschlossen, der die Interessen angehender Gymnasiallehrer vertritt. Doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft eine Lücke. Jeder sechste Lehramtsstudent, so hat der Potsdamer Psychologe Uwe Saarschmidt seine jahrelangen Untersuchungen der Berufsgruppe zusammengefasst, sei für seinen angepeilten Beruf ungeeignet; jeder vierte klage schon im Studium über Erschöpfung. Ganz ohne die Forschungsergebnisse von Eignungsdiagnostikern wissen auch die meisten Laien, was sie von den Lehrern halten: Ihr Ansehen in der deutschen Bevölkerung sinkt seit den sechziger Jahren beständig - auch deshalb, weil das Lehramt für viele Studienanfänger nur Plan B oder C nach dem Scheitern an höheren Hürden für andere Fächer ist.

Strengere Aufnahmeverfahren, Eignungstests und Zulassungsbeschränkungen könnten das ändern. Doch um sie verpflichtend und rechtlich bindend zu machen, müssten sie nach Ansicht von Birgit Weyand, die am Zentrum für Lehrerbildung der Universität Trier an einer Promotion zu diesem Thema arbeitet, bundesweit einheitlich sein - davor aber stehe die Bildungshoheit der einzelnen Bundesländer. Außerdem lässt der seit einigen Jahren grassierende Lehrermangel Auswahlprozesse wenig praktikabel erscheinen. Von bis zu 30.000 unbesetzten Stellen vor allem in den Naturwissenschaften sprechen die Lehrerverbände. Viele Schulen greifen auf Aushilfen zurück, mancherorts werden in der Not auch Referendare angestellt, die im Staatsexamen nicht die vorgeschriebene Mindestnote erreicht haben. Das wiederum verstärkt wie in einem Kreislauf das negative Image der Pädagogen.

Anderswo mag ihr Beruf Strahlkraft haben - in Finnland etwa, wo zehn Bewerber auf einen Studienplatz kommen. In Deutschland werden die besten Abiturienten und Studenten alles Mögliche, aber trotz guter Bezahlung - ein dank Beamtenstatus nicht sozialversicherungspflichtiger Studienrat verdient in der Besoldungsgruppe A 13 je nach Dienstalter zwischen 3000 und 4000 Euro im Monat - und sicherer Perspektiven nur selten Lehrer. Diese befinden sich stattdessen im Mittelmaß, legt man ihre Abinoten zugrunde: 2,4 war der Durchschnitt der weiblichen Erstsemester im Lehramtsstudium, die Birgit Weyand unter die Lupe genommen hat, unter den Männern lag er bei 2,6. Besser als mit 2,1 hatte keiner der Männer in der 900 Personen zählenden Stichprobe bestanden.

Teufelskreis aus Image- und Qualitätsdefiziten

Wie sich der Teufelskreis aus Image- und Qualitätsdefiziten durchbrechen lässt? Mit Worten hat es zuletzt Bundespräsident Horst Köhler versucht, als er Lehrer als „Helden des Alltags“ bezeichnete - ein steiler Aufstieg, verglichen mit den berüchtigten „faulen Säcken“, die der frühere Bundeskanzler und damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder in den neunziger Jahren in den Pädagogen sah. Tatsächlich steht Lehrerbildung auch an den Hochschulen plötzlich hoch im Kurs: Gleich 17 neue Professuren dafür hat im November etwa die Lüneburger Universität ausgeschrieben. Und die in der Exzellenzinitiative mehrfach ausgezeichnete Technische Universität München (TUM) hat satte 16 Millionen Euro von privaten Stiftern für ihr jüngstes Aushängeschild eingeworben, die im Oktober gegründete „TUM School of Education“. Die eigenständige Fakultät für Lehrerbildung ist in Deutschland ein Unikat, ihr Ziel ist ehrgeizig: Sie soll den angehenden Lehrern eine akademische Heimat sein und ihnen die Identifikation mit ihrem Beruf erleichtern.

„Bisher war es so, dass die Lehramtsstudenten von A nach B und C geschickt wurden“, klagt Christoph Schindler, der Vorsitzende der Fachschaft Lehrerbildung an der TUM. „Und dann landete man wieder bei A.“ Die Dozenten in den einzelnen Fächern hielten sich gewöhnlich nicht für zuständig für die Lehramtskandidaten in ihren Veranstaltungen, diese wiederum könnten nicht so viel Zeit wie ihre Kommilitonen im Diplom oder Masterstudiengang in ein einzelnes Fach investieren, weil sie ja immer noch ein zweites studieren - von der Pädagogik und Didaktik ganz abgesehen.

„Auf Partys überlegt man sich schon manchmal - soll ich's jetzt überhaupt sagen, dass ich Lehramt mache?“ Das von Schindler so plastisch dargestellte prekäre Selbstverständnis als fünftes Rad am Wagen des Wissenschaftsbetriebs soll in München schon bald der Vergangenheit angehören. Denn künftig soll dort der Weg zum richtigen Ansprechpartner kurz, das Verständnis für die besonderen Anforderungen des Lehramtsstudiums groß sein.

Salbungsvolle Politikerworte werden nicht genügen

Doch salbungsvolle Politikerworte und neue organisatorische Strukturen allein werden nicht genügen, um die Besten für den Lehrerberuf zu gewinnen. An der Technischen Universität in München gibt es deshalb auch eine verpflichtende Eignungsfeststellung für angehende Lehramtsstudenten. In einem Motivationsschreiben müssen sie darlegen, warum sie Lehrer werden wollen; danach stellen sie sich in einem halbstündigen Gespräch den Fragen eines Dozenten und eines Fachschaftsvertreters. Vom Studium ausgeschlossen wird auf der Grundlage dieses Verfahrens allerdings niemand, es bleibt beim Anstoß zum Nachdenken über die eigenen Stärken und Schwächen. Ähnliche Konzepte verfolgen derzeit Hochschulen landauf, landab - in Passau etwa, in Paderborn, in Hamburg und in Kassel. Zum Teil gehört die sogenannte Eignungsreflexion verpflichtend zum Lehrplan.

Höchste Zeit dafür, findet Birgit Weyand, die Expertin für die Lehrerbildung aus Trier. Denn viele Abiturienten, die sich für ein Lehramtsstudium interessieren, haben ihren Erkenntnissen zufolge nach 13 Schuljahren ein sehr eindimensionales Bild vom Beruf des Lehrers. „Sie übersehen oft, wie wichtig Durchsetzungsvermögen, psychische Belastbarkeit, Humor, Toleranz, Empathie und innere Motivation sind.“ Wer aber in diesen Punkten zu große Mängel hat, aus dem wird auch ein noch so reformiertes, praxisnahes, von der Bildungswissenschaft getränktes Studium keinen guten Lehrer machen, der 30 oder 35 Jahre lang in seinem Beruf bestehen kann - davon ist Heinz-Peter Meidinger überzeugt, der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands. „In jedem Kollegium gibt es eine Handvoll Lehrer, auf die sich der größte Teil aller Probleme mit Eltern und Schülern bezieht“, berichtet der Schulleiter. Die Schwierigkeiten seien nicht fachlicher, sondern menschlicher Natur. Deshalb fordert auch Meidinger, dass die Hochschulen künftig genauer hinschauen, wenn sie Lehramtsstudenten aufnehmen. „Wir sind dazu geradewegs verpflichtet“, sagt er. „Erst recht, weil es meistens um spätere Beamtenstellen auf Lebenszeit geht.“

Sogar der Arbeitsmarkt liefert nun Argumente für Auswahlverfahren. 1999 nahmen nur 39 000 Männer und Frauen ein Lehramtsstudium auf, zum Wintersemester 2008 waren es gut 45 000 - womöglich wirkt die Werbung für den Beruf also schon. „Vor allem in den geisteswissenschaftlichen Fächern müssten wir jetzt eigentlich schon wieder bremsen“, sagt Heinz-Peter Meidinger. Vielleicht werden dann wirklich nur noch die Besten Lehrer.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel