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Latein als Studienvoraussetzung Cicero wird noch gebraucht

 ·  Früher war Latein eine Grundvoraussetzung für viele Studiengänge. Das hat sich in Teilen geändert: Für Medizin benötigt man kein Latinum mehr, für viele Bachelor-Studiengänge auch nicht. Im Masterstudium kommt man aber oft nicht ohne aus.

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„Salvete!“ Die stilechte Begrüßung gehört für den pensionierten Lateinlehrer Hans-Wolfgang Reimers dazu. Am Ende seines anderthalbstündigen Sprachkurses an der Bremer Uni, zu dem jeden Freitagmittag 16 junge Frauen und Männer zusammenkommen und Vokabeln samt Grammatik büffeln, zeichnet der 69-Jährige ein Strichmännchen auf das Whiteboard und beschriftet die einzelnen Körperteile: „collum“ für Hals, „pectus“ für Brust, „mammae“ für Brustwarzen, „umbilicus“ für Bauchnabel. Man müsse die Studenten bei Laune halten, sonst blieben sie weg, sagt Reimers. Schließlich seien alle Teilnehmer freiwillig gekommen, fürs Studium brauche hier niemand mehr Latein. Nur wer seine Masterarbeit in Alter oder Mittelalterlicher Geschichte schreibt, muss in Bremen noch das Latinum vorweisen.

Den Kursteilnehmern geht es vielmehr darum, sich für einen möglichen Uni-Wechsel zu rüsten: An vielen Hochschulen gehört Latein noch zum Pflichtprogramm. Gerade in Fächern wie Geschichte und Romanistik streiten sich die Gelehrten allerdings darüber, ob die Sprache Cäsars und Ciceros für Studenten Pflicht sein soll oder nicht. „Wir haben uns dagegen entschieden, weil es für Schüler oft nicht realistisch ist, mehrere romanische Sprachen zu lernen“, sagt Maren Schmidt-von Essen, Dozentin an der Bonner Romanistik-Fakultät. „Latein ist oft eine Entscheidung gegen moderne Sprachen, und das ist schade.“

Zusätzliche Belastung für ausländische Studierende

Zudem stelle Latein für Studenten mit ausländischen Wurzeln eine zusätzliche Belastung dar. Allerdings eigne sich jeder, der wissenschaftlich arbeiten wolle, Latein sowieso aus freien Stücken an. „Wer aber mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Schwerpunkt ins Berufsleben geht, der braucht dafür kein Latein“, erklärt Schmidt-von Essen den Standpunkt ihrer Fakultät.

In Münster hingegen muss das Latinum spätestens zu Beginn des Masterstudiums vorliegen. Auch in Heidelberg verzichtet man nicht darauf. Hier verlangt man das Latinum sogar schon im Bachelorstudium, und zwar nicht nur für evangelische und katholische Theologie und Klassische Philologie, sondern auch für Christentum und Kultur, Geschichte, Historische Hilfswissenschaften, Archäologie, Philosophie, Portugiesisch sowie die Lehramtsfächer Französisch, Spanisch und Italienisch. Auch wer Musikwissenschaft studiert, bekommt ohne Lateinkenntnisse keinen Abschluss.

An der Uni Bonn muss, wer Geschichte als Bachelor-Kernfach oder auf Lehramt studiert, das Latinum, mindestens aber Lateinkenntnisse zum Beginn des dritten Semesters nachweisen. „Unsere Ausbildung umfasst alle Epochen. Wenn man Quellen lesen will, kommt man auch im Bachelorstudium nicht ohne Latein aus“, rechtfertigt Simon Ebert von der historischen Fakultät die Bedingung, an der nicht wenige Studenten zu knabbern haben, weil sie in der Schule kein Latein gelernt oder es früh abgewählt haben.

Zum Masterstudium ziehen dann aber auch in Bonn neben Geschichte, Theologie und Klassischer Philologie weitere Fächer die „Latein-Schranke“ hoch: Germanistik, Mittelalterstudien, Philosophie, Ägyptologie, Kunstgeschichte, Klassische und Frühgeschichtliche Archäologie, Renaissance-Studien, Deutsch-Französische Studien.

So mancher kommt um das Lateinbüffeln nicht herum

Rainer Kolk, Kustos der Bonner Germanistik-Fakultät, begründet das so: „Der Bachelor ist eher auf den Beruf ausgerichtet. Wer danach die Uni verlässt, kommt als Germanist auch ohne Lateinkenntnisse zurecht. Im Masterstudium spitzt sich der wissenschaftliche Anspruch aber zu.“ Deshalb verlange man hier für alle drei Profile - Mediävistik, Sprachwissenschaft und Neuere deutsche Literaturwissenschaft - auch den Lateinnachweis.

Wer also einen lateinfreien Bremer Bachelor in der Tasche hat und dann den Master in Heidelberg, Bonn oder Dresden machen will, kommt ums Lateinbüffeln nicht herum. Von einer Vergleichbarkeit der Abschlüsse, die die Bologna-Befürworter stets als Begründung ihrer Reformen ins Feld führen, kann hier also keine Rede sein.

Pragmatische Reaktionen

Die Studenten reagieren darauf pragmatisch. Johannes Reich, 21 Jahre, studiert im fünften Semester Französisch und Geografie in Bremen. Er will sich die Möglichkeit des Uni-Wechsels nach dem Bachelor auf jeden Fall offenhalten. Deshalb zahlt er die 80 Euro für den Sprachkurs bei Herrn Reimers. „An vielen Unis braucht man spätestens fürs Masterstudium Latein. Das ist der wichtigste Grund, warum ich hier sitze.“ Auch seine Kommilitonin, die lieber anonym bleiben will, ist deshalb hier. Sie studiert im fünften Semester Germanistik und Geschichte in Bremen. In der Schule habe sie Englisch, Französisch und Italienisch gelernt. „Bislang komme ich ganz gut ohne Latein zurecht“, sagt sie. Sie wisse aber, dass das fürs Masterstudium nicht ausreiche: „Da ist es wichtig, Quellentexte auch im Original lesen zu können.“

Daneben gibt es Freiwillige wie den 24 Jahre alten Fabian Schönborn, der Lateinkenntnisse für sein Psychologiestudium eigentlich nicht braucht, den Lateinkurs aber trotzdem schätzt: „Hätte ich so einen Lehrer in der Schule gehabt, dann hätte ich damals schon Latein gewählt.“ Er ziehe auch einen persönlichen Nutzen für sein Fach aus dem Kurs: Die Sprache helfe ihm, anatomische Begriffe herzuleiten.

„Jeder zweite Student muss einen Lateinkurs belegen“

Brauche ich für mein Studium Latein oder nicht? Die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, das hängt von Fach, Hochschule, Studienabschluss und Prüfungsordnung ab. Die Medizin - früher ein Argument fürs Lateinlernen in der Schule - hat diese Sprachschranke inzwischen komplett fallenlassen. Hier müssen in der Regel nur noch alle im ersten Semester einen „Terminologie-Kurs“ belegen, in dem lateinische und griechische Fachausdrücke gebimst werden. „Den Kurs schafft man ohne Probleme. Ich habe noch von niemandem gehört, der damit Schwierigkeiten hatte“, sagt Franziska Goldschmidt von der Bonner Medizin-Fachschaft. Sie selbst habe in der Schule jedenfalls kein Latein gehabt.

Dass Schülern dennoch „ordentlich vermittelt“ werden sollte, wofür man Latein brauche, ist Matthias Koch ein großes Anliegen. Das werde ihnen nicht immer deutlich gemacht, kritisiert der Kustos am Institut für Geschichtswissenschaft der Uni Bonn. „Jeder zweite Student bei uns muss mittlerweile einen Lateinkurs belegen.“ Zwar müsse der Nachweis darüber noch nicht zum Studienbeginn vorliegen, aber spätestens zum dritten Semester.

Für Lehramtsstudenten läuft der Kurs komplett nebenher

Während man sich den Kurs im Bachelorstudium aber noch mit Credit Points anrechnen lassen kann, müssen Lehramtsstudierende ihn komplett nebenher belegen. Das sei ein gutes Stück Arbeit, berichtet Heinz-Lothar Barth, der in Bonn zurzeit 250 Studenten in sechs Lateinkursen betreut. „Mit einer 38,5-Stunden-Woche ist das für die Betreffenden nicht zu schaffen.“ Sie müssten dafür mit rund acht Stunden zusätzlichem Arbeitsaufwand in der Woche rechnen. Für die staatliche Latinum-Prüfung, in der deutlich mehr verlangt werde als in der universitätsinternen Prüfung, müssen die Lehramtskandidaten sogar doppelt so viele Lateinkurse belegen: vier statt zwei.

Was die Erfolgsquote betrifft, so hänge diese vor allem mit der Anwesenheit zusammen, sagt Barth. Seitdem die Anwesenheitspflicht weggefallen sei, habe sich die Durchfallquote von rund 20 auf 50 Prozent erhöht. „Es ist besser, Latein schon in der Schule zu lernen, denn Latein ist ein schweres Fach“, rät Barth.

Dritthäufigste Fremdsprache
  •  Rund 810.000 Schüler lernen hierzulande Latein. Die Sprache ist nach Englisch und Französisch die dritthäufigste Fremdsprache an Gymnasien und Gesamtschulen, Tendenz: steigend.
  • Das Latinum wird in der Regel nach fünfjähriger fortlaufender Unterrichtszeit erreicht. In Ausnahmefällen kann man es auch nach drei Jahren erlangen; dann sind aber eine schriftliche und eine mündliche Prüfung abzulegen. Mehr Infos: www.altphilologenverband.de
  • Einen Online-Lateinkurs für Selbstlerner bietet die TU Dresden an. Man kann dort bis zu drei Module buchen, die dem Inhalt je eines Lateinsemesters an der Uni entsprechen. Ein Modul kostet ohne Betreuung durch E-Lehrer je 100 Euro, mit Betreuung je 300 Euro. Wer prüfungsrelevante Texte von Cicero und Seneca lesen lernen möchte, sollte alle drei Module buchen. Mehr unter: www.scioviam.de
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