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Landwirtschaft Viehzucht mit Diplom

03.08.2007 ·  Längst müssen Landwirte mehr können als Felder beackern. Viele haben studiert und kennen sich mit Computern genauso gut aus wie mit Chemie.

Von Martina Dreisbach
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Der Oldtimer bleibt im Stall. Mit hinaus darf an diesem bedeckten Julimorgen nur der Traktor vom Typ New Holland TS115 mit Klimaanlage, Radio und vielen anderen Funktionen, die das Leben erleichtern. Als die Maschine dann mit Tempo 30 über die Landstraße fährt, bildet sich sofort eine Autoschlange, gefährliche Überholmanöver inklusive. Landwirt Stefan Leister passt besonders gut auf. Auf dem Acker lässt er dann per Knopfdruck das Pfluggerät hinunter. Der Acker vor ihm ist überschaubar: 20 Reihen Stoppelfeld untermengen, Zeit zum Nachdenken.

Leister bewirtschaftet einen der knapp 400 000 Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland. Den hat der Bad Homburger Bauer von seinem Vater übernommen. Traktorfahren findet der diplomierte Agrarwirt zwar langweilig, trotzdem kommen ihm hier auf dem Feld immer wieder gute Einfälle für seine Arbeit.

Neue Herausforderungen für Bodenständige

Der eigentlich so bodenständige Beruf des Landwirts sieht sich neuen Herausforderungen gegenüber. Eine gute Ausbildung ist die Basis, Weiterbildung unabdingbar. Engagement kann sich auszahlen, denn mit der Landwirtschaft geht es bergauf. Die Preise für landwirtschaftliche Produkte steigen. Gerade der Getreidepreis hat zugelegt. Das ist auf die Dürre in Australien und Missernten in den ostasiatischen Schwellenländern zurückzuführen.

Auch wird in Deutschland immer mehr Land für die Gewinnung von Bioenergie genutzt und fällt für den Anbau von Lebens- und Futtermitteln aus. Doch es gibt auch Schattenseiten: Den deutschen Landwirten bricht der Zuckerrübenanbau weg, weil brasilianische Großgrundbesitzer die Landarbeiter zu Niedriglöhnen arbeiten lassen und den Zucker billig anbieten.

Dennoch baut Leister auch Zuckerrüben an. "Mein Vater hat mir davon abgeraten, Bauer zu werden, aber ich wollte den Hof trotzdem übernehmen", sagt der 43 Jahre alte Landwirt, für den das Wort "Bauer" keinen negativen Beigeschmack hat. Was die 40 Hektar abwerfen, reicht zum Auskommen. Auf 39 Hektar wachsen Getreide, Zuckerrüben und Raps, mit dem vierzigsten, einem Bauerngarten, in dem sich die Kundschaft auf Treu und Glauben selbst bedient, verdient Leister sein Urlaubsgeld.

„Mein Land ist mein Arbeitsplatz“

Die ganze Familie arbeitet mit. Auch die Kinder, die das Gymnasium besuchen, helfen - zumindest, wenn sie wollen, wie der Vater sagt. Sein Hobby ist die Bienenzucht. Für mehr reicht die Zeit nicht.

"Das Land ist nur mein Arbeitsplatz", sagt Leister, "heutzutage wird es den Bauern unter den Füßen weggezogen für Bauland. Solange es den Leuten gutgeht, genießt die Landwirtschaft wenig Ansehen. Aber wenn Hunger herrschte, kämen sie zu uns. Die Arbeit ist hart, aber ich bin mein eigener Herr und kann mir Zeit für die Familie nehmen. Das kommt auch den Kindern zugute." Das Wichtigste für einen Landwirt sei eine profunde Ausbildung. Jeder Landwirt sei auch sein eigener Betriebswirt, die Arbeit auf dem Feld gehöre ebenso dazu wie die am Computer. Leister mag beides.

Er hatte sich nach dem Abitur für ein Fachhochschulstudium entschieden, weil ihm das praxisnäher und vielseitiger erschien. "Heute hätte ich die Möglichkeit, im Landmaschinenhandel, in der Saatgutproduktion oder etwa auf dem Landwirtschaftsamt zu arbeiten, wenn es mit dem Hof bergab ginge", sagt er.

Zunächst aber machte Stefan Leister ein Praktikum auf einem 150 Hektar großen Hof in Schleswig-Holstein und erfuhr, dass es dort härter zugeht als daheim. Während drei Rucksackmonaten in Neuseeland lernte er, dass es den deutschen Bauern vergleichsweise gut geht, dort aber neuen Ideen wie der Lamm- oder Hirschzucht Tür und Tor offenstanden - "und niemand jammerte".

Nicht zwangsläufig Kontakt mit Tieren

Seine Ausbildung kommt dem Diplom-Agrarwirt immer wieder zugute. "Ob Pflanzenschutz, Bodengesundheit oder auch neue Unkräuter, die man bekämpfen muss, man ist ständiger Veränderung unterworfen und muss überlegen, wie man seine Erzeugnisse vermarkten kann", sagt er.

Auch Frauen steht der Beruf inzwischen offen. Zwar werden die meisten Landwirtschaftsbetriebe immer noch von Männern geleitet. Durch die Technisierung der Landwirtschaft aber können heute auch Frauen die Arbeit bewältigen, die früher schlichtweg zu schwer war für sie. In den ostdeutschen Bundesländern sei der Frauenanteil in der Landwirtschaft höher als im Westen, sagt Agnes Scharl, Sprecherin des Deutschen Bauernverbandes in Berlin.

Die Entwicklung der Futter-, Dünge- und Pflanzenschutzmittel bringt es mit sich, dass ein Landwirt nicht mehr ohne naturwissenschaftliche Kenntnisse auskommt. Der Computer gehört dazu und auch Flexibilität, denn der Bauer muss bereitstellen, was der Markt verlangt, auch ökologische Produkte. Die Ausbildungsberufe im Agrarsektor sind denn auch vielfältig: Sie reichen von der dreijährigen Ausbildung zum Landwirt, die Tierliebe, Zahlenverständnis, technische Begabung und Organisationstalent voraussetzt und mit staatlicher Prüfung abschließt, über die Meisterprüfung bis zum Studium der Agrarwissenschaft. Auch in dieser Disziplin werden sechssemestrige Bachelor-Abschlüsse angeboten.

Immer mehr Energiewirte

Wer ohne Kontakt zu Tieren in der Landwirtschaft arbeiten will, wählt die Ausbildung als Agrarservice-Fachkraft und pflanzt und sät fortan, setzt Pflanzenschutzmittel und Dünger ein, bedient vollautomatische Maschinen wie Mähdrescher. Speziallehrgänge wie der zum Fach-Agrarwirt, was dem Meister entspricht, werden in Höheren Landbauschulen angeboten. Auf lebenslanges Lernen darf man sich in jedem Falle einstellen.

Mit guten Aussichten: Fach- und Führungskräfte im ländlichen Sektor werden dringend gebraucht, verkündet der Deutsche Bauernverband. Ein Generationswechsel steht an, die Betriebe wachsen, die Zukunftsaussichten werden besser. In den Ställen und auf dem Feld hat Betriebsmanagement Einzug gehalten. "Das sind nicht mehr nur einfache Berufe", sagt Agnes Scharl, "hier sind EDV und Hightech eingekehrt. Nur wer die naturwissenschaftlichen Zusammenhänge versteht, kann Düngemittel richtig einsetzen."

Damit nicht genug: Als Folge der Suche nach neuen Energien werden immer mehr Bauern Energiewirte, die in die Erzeugung von Bioenergie investieren. Deren Wirtschaftlichkeit hängt von politischen Vorgaben ab, wie etwa von der Besteuerung von Biodiesel. Die Branche gilt als boomend. Agrarwissenschaftler, die sich beruflich umorientieren wollen, können aber auch bei Versicherungen, Behörden, Landwirtschaftsämtern und in der Forschung arbeiten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.07.2007, Nr. 30 / Seite V11
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