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Veröffentlicht: 09.07.2014, 05:00 Uhr

Bürgerwissenschaft Wenn Laien nach den Sternen greifen

Plötzlich sammeln Laien Daten und stellen Fragen: Die Beteiligung normaler Bürger an Forschungsprojekten ist in der Wissenschaft gerade groß in Mode. Eine Revolution im Elfenbeinturm?

von Leonie Achtnich
© AP Früher war der Blick in die Sterne Wissenschaftlern vorbehalten. Heute können auch Laien dank moderner Technik Daten erheben.

In den Städten sieht man nachts kaum noch Sterne. Um wissenschaftlich zu untersuchen, warum sie verschwunden sind, wäre früher großer Aufwand nötig gewesen. Man hätte über lange Zeit von vielen Orten aus den Nachthimmel beobachten müssen. In Zeiten des Smartphones ist es viel einfacher geworden. Das Forschungsprojekt „Verlust der Nacht“ läuft seit einiger Zeit und wird von dem Physiker Christopher Kyba geleitet. Die Daten, die er auswertet, sammeln nicht einzelne Wissenschaftler, sondern viele Bürger. Eine Smartphone-App lenkt den Blick des Benutzers nachts zu den hellsten Sternen, fragt ab, welche sichtbar sind, und sendet die Daten an den zentralen Server. Kyba will mit Hilfe dieser Daten eine Landkarte des Nachthimmels erstellen, die die Veränderung der Lichtverschmutzung über lange Zeit hinweg sichtbar macht. „Ohne die Beteiligung von sehr vielen Menschen an vielen verschiedenen Orten könnten wir diese Daten nicht sammeln“, sagt er.

Das Projekt „Verlust der Nacht“ ist ein Beispiel für sogenannte Citizen Science oder Bürgerwissenschaft. Das bedeutet: Jeder Bürger kann sich an der Wissenschaft beteiligen. Oft geht es dabei um das Datensammeln, wie auch in Kybas Projekt. Die Beteiligung kann aber auch andere Formen annehmen: Bürger bringen Erfahrung oder privates Expertentum ein, tüfteln online an Problemstellungen oder stellen die Rechenleistungen ihrer Computer zur Verfügung. Darüber hinaus enthält Citizen Science aber auch einen Imperativ für die Wissenschaft selbst: Sie soll sich öffnen, Platz machen für Laien und den Dialog mit der Gesellschaft suchen. So jedenfalls stellt es sich Professor Johannes Vogel vor, der Generaldirektor des Naturkundemuseums Berlin, der Citizen Science in Deutschland vorantreibt. Die Idee ist nicht neu: Bevor der Beruf Wissenschaftler streng formalisiert wurde, haben es engagierte Bürger auch in der Wissenschaft weit gebracht - ein Beispiel ist der Evolutionsforscher Charles Darwin.

Vogel hat im vergangenen Jahr gemeinsam mit Institutionen wie Museen und Universitäten aus zehn EU-Ländern den Verein European Citizen Science Association gegründet. Der will Projekte aus ganz Europa vernetzen und Bürgerwissenschaft an den akademischen Einrichtungen verankern. Vogel sieht Citizen Science im Trend einer Öffnung der Wissenschaft zur Gesellschaft, einer „Demokratisierung“: Weniger abstrakt, interaktiver und verständlicher solle sie so werden. Für die Wissenschaftler ist ein Vorteil der Citizen Science klar: Sie bekommen eine große Menge an Daten. Um die Leute zum Mitmachen zu bewegen, muss die Wissenschaft wiederum ihre Vorhaben so schildern, dass sie allgemeinverständlich sind. Zumindest ist ein Publikum für die Publikationen geschaffen und eine Erwartungshaltung an Verständlichkeit.

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