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Kunstvolle Lehre Der pädagogische Eros

 ·  Wissenschaftspräsentationen, die das Auditorium vom Hocker reißen: Die waren beim Gießener Wettbewerb „Performing Science“ gesucht. Den ersten Durchgang gewann eine Physikerin - indem sie sich um sich selbst drehte.

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Die Fliehkraft spielt für die Ausbildung von Physikern in Deutschland eine wichtige Rolle: Viele Talente gehen dem Fach verloren, weil sie vor zerstreuten, gelangweilten oder unverständlichen Dozenten aus Schulklassen und Hörsälen fliehen. Dass sie, als physikalisches Phänomen und nicht aus der Kalauer-Perspektive betrachtet, auch die entgegengesetzte Wirkung haben kann, zeigt Lydia Schulze Heuling von der Technischen Universität in Berlin. Für ihre „Rotationsperformance“ wurde die junge Physikerin am Wochenende in Gießen mit dem erstmals verliehenen „Performing Science“-Preis für wissenschaftliche Präsentation ausgezeichnet.

Als „Best Practice“-Wettbewerb hatten die Initiatoren rund um Professor Henning Lobin vom Gießener Zentrum für Medien und Interaktivität den Preis ersonnen, um den „Blick auf die performative Dimension wissenschaftlicher Präsentationsformen“ zu lenken, wie es in der Ausschreibung hieß. Lydia Schulze Heuling, eine Nachwuchswissenschaftlerin und Performerin, löste die Aufgabe mit vollem Körpereinsatz: Sie ließ vor Jury und Auditorium zunächst Arme und Locken kreisen, dann ihr über den Kopf geschlungenes T-Shirt – und erklärte dazu das Prinzip der Zentrifuge im Dialog mit ihrem Alter Ego, der von ihr selbst gegebenen, per Video eingespielten Physik-Dozentin mit Brille, Tafelkreide und Zeigestock. Eine Viertelstunde dauerte diese ungewöhnliche Vorlesung. Am Ende wusste man nicht nur, dass ein durch die Luft geschleudertes handelsübliches Baumwoll-T-Shirt bei 60 Umdrehungen in der Minute mit einem Gewicht von 230 Gramm und bei waschmaschinentauglichen 1400 Umdrehungen mit gut 3500 Kilogramm nach außen flieht, sondern auch, wie wenig trocken Physikunterricht sein kann. Um die Auswirkung eines größeren Gewichts des Hemds zu verdeutlichen, tunkte es Schulze Heuling in einen Eimer Wasser – der Effekt brachte manche Hörer in den ersten Reihen sogar dazu, den Regenschirm aufzuspannen.

Clash von Lebenswelt und Wissenschaft

Aber kann so tatsächlich eine Physikvorlesung aussehen? Die öffentliche Diskussion der mit Theater- und Wissenschaftsprofis besetzten Jury ließ dieses Problem nicht unbeachtet, strich aber heraus, was dennoch für den Spitzenplatz qualifizierte: die dialogisch-pädagogische Methode, der souveräne Umgang mit der Vermittlungsform des Expertengesprächs, die Konzentration auf ein einziges Thema, der demonstrierte Clash von Lebenswelt und Wissenschaft – und der Humor, mit dem Lydia Schulze Heuling ihr Fach und ihre Rolle selbst darstellte.

Aus der Hingabe des Wissenschaftlers solle eine individuelle Form der Präsentation entstehen, darauf einigten sich die Juroren in ihrem Gespräch schließlich. Vom „pädagogischen Eros“ sprach der Bielefelder Soziologe Jörg Bergmann. Darauf konnte sich auch einlassen, wer die Trennung von Hörsaal und Bühne strikt eingehalten sehen wollte. Dass beide sich in der Logik des Wettbewerbs einander annähern, dem trug die Doppelnatur des Preises selbst schon Rechnung: In der zweiten Kategorie wurden „Lecture Performances“ prämiert, künstlerische Annäherungen an Forschung und Wissenschaft also. Hier gewannen Otmar Wagner und Florian Feigl aus Berlin, die mit ihrer „Enzyklopädie der Performancekunst“ einen allumfassenden Katalog der Welt skizzierten, eine systematische Organisation von Materialien und Handlungen.

Nicht so sehr theaterreif als vielmehr denksportlich war der Beitrag, mit dem Werner Große vom Göttinger Bildungsinstitut IWF Wissen und Medien den zweiten Platz erzielte. „Zeit kippen“, so der Titel, ist ein Unterfangen, dass den Mathematiker nach eigener Aussage schon seit 20 Jahren umtreibt. Die Idee: Lässt sich die in einem Film gespeicherte Information über Zeit und Raum auch anders als üblich abrufen – nämlich so, dass der Betrachter das Geschehen nicht im zeitlichen, sondern im räumlichen Verlauf sieht, die Dimensionen also vertauscht werden? Man kann. „Ein 50-Kilobyte-Programm genügt“, offenbarte Große und zeigte als erstaunliches Ergebnis surrealistisch zerfließende Bilder, deren künstlerische Anmutung Große im Vergleich mit Salvador Dalís „Geist von Vermeer“ verdeutlichte. Die Präsentation verblüffte mit einfachen Mitteln und strikt eingegrenztem Material das Publikum derart, dass es erst beim Geständnis des Wissenschaftlers erleichtert durchatmete: „Ich kenne die Bilder seit anderthalb Jahren. Und ich kapiere sie manchmal.“

Knalleffekt eines Live-Experiments

Physik auf Platz eins, philosophische Mathematik auf Platz zwei, Chemie auf Platz drei: Siegfried Schindler aus Gießen stellte dafür unter Beweis, dass auch ordentliche Professoren vom Engagement für das eigene Fach zu anschaulichen Präsentationen gebracht werden können. Eine Kulturgeschichte des Stickstoffmonoxids führte Schindler vor, eine Mischung aus Wissenschaftskrimi, Anekdotensammlung, Film- und Musikeinspielungen und dem unausweichlichen, in diesem Fall aber fast lautlosen Knalleffekt eines Live-Experiments. Dass die teilnehmenden Geisteswissenschaftler gegen ihre Kollegen aus den Naturwissenschaften das Nachsehen hatten, mag in der Natur der Fächer liegen. Aber mit etwas Phantasie müsste sich auch kulturwissenschaftlicher Inhalt mit Methoden darstellen lassen, die mehr sind als ein virtuoses Ausloten der Möglichkeiten von Powerpoint.

Gute Forschung wird in Deutschland mit Milliarden gefördert, gute Lehre ist weniger prestigeträchtig. Immerhin, 3000 Euro und einen musealen Filmprojektor aus dem Fundus der Gießener Justus-Liebig-Universität durften die Gewinner der beiden „Performing Science“-Kategorien mit nach Hause nehmen. Das ist ein Anfang. Und nachdenklich machte der Wettbewerb, der nach dem Willen der Organisatoren zu einer Dauereinrichtung werden soll, allemal. Muss Wissenschaft bühnenreif werden, wenn sie im Infotainment-Zeitalter relevant und populär sein will? Gehört dazu auch, dass Wissenschaftler ihre persönliche Begeisterung zur Schau stellen? Wo verläuft die Grenzen zwischen Didaktik und Show? Der Test, in welcher Rotationsgeschwindigkeit die Wissenschaft dabei aus der Fassung gerät, hätte noch ein interessantes Nebenergebnis: So ließe sich die Masse des Fachs bestimmen. Ihr Auftritt bitte, Frau Schulze Heuling!

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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