14.08.2008 · Viele Studenten an amerikanischen Colleges und Universitäten geraten in finanzielle Schwierigkeiten. Mehr und mehr Banken ziehen sich aus dem Geschäft mit Studienkrediten zurück. In Deutschland ist davon keine Rede.
Von Claus Tigges, WashingtonKurz vor Beginn des neuen akademischen Jahres an vielen amerikanischen Colleges und Universitäten sind viele Studenten und Studentinnen in finanziellen Schwierigkeiten. Sie wissen noch nicht, wie sie die Gebühren für die kommenden Semester bezahlen sollen, weil mehr und mehr Banken sich aus dem Geschäft mit Studienkrediten zurückziehen oder es zumindest deutlich einschränken. Falls sich keine Geldquellen auftun lassen, wird manch einem Studierenden nichts anders übrig bleiben als das Studium zu unterbrechen.
Schon in den vergangenen Monaten haben rund zwei Dutzend Banken die Vergabe von Studienkrediten unter dem Eindruck einer schwachen Wirtschaft und der Turbulenzen an den Finanzmärkten ganz oder teilweise eingestellt. Nun hat auch die Wachovia-Bank angekündigt, keine Darlehen mehr an College-Studenten zu vergeben, wegen „des schwierigen Umfelds“, wie eine Sprecherin sagte. Damit zeichnet sich ein Ende jener Entwicklung ab, die das Volumen von Studienkrediten in Amerika in den vergangenen zehn Jahren von knapp 2 auf mehr als 17 Milliarden Dollar hat anschwellen lassen. Viele Studierende haben Kredite aufgenommen, weil die staatlichen Zuschüsse und private Stipendien nicht mit den schnell steigenden Studiengebühren vieler staatlicher und privater Universitäten und Colleges Schritt gehalten haben. Im vergangenen akademischen Jahr bezahlten Studierende an bundesstaatlichen Colleges durchschnittlich 6185 Dollar Gebühren, rund 6,6 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Private Colleges verlangten im Schnitt 23.712 Dollar, 6,3 Prozent mehr als im akademischen Jahr 2006/2007. Dabei handelt es sich jeweils nur um die Studiengebühren; Unterbringung und Verpflegung sowie Unterrichtsmaterial kommen noch hinzu.
Stagnierende oder gar sinkende Realeinkommen
Der leichtere Zugang zu Krediten in den vergangenen Jahren hat erheblich dazu beigetragen, dass eine wachsende Zahl junger Amerikaner den Traum vom Studium verwirklichen konnte. Nach Angaben des Bildungsministeriums in Washington schlossen 2006 rund zwei Drittel aller High-School-Absolventen nahtlos eine Ausbildung an einem College an. 1980 waren es weniger als die Hälfte. Das könnte sich nun ändern, zumal vielen amerikanischen Haushalten stagnierende oder gar sinkende Realeinkommen zu schaffen machen. Allerdings weist eine Reihe von Universitäten in diesen Tagen darauf hin, dass noch längst nicht alle Töpfe für Stipendien und andere Zuschüsse leer geschöpft seien. Studierende sollten angesichts der Zurückhaltung der Banken in der Kreditvergabe nicht den Mut verlieren und das Gespräch mit den Universitäten suchen, heißt es vielfach.
Die Studierenden sind freilich nicht die einzigen, die in diesen Tagen Mühe haben, an geliehenes Geld zu kommen. Wie die Notenbank Federal Reserve (Fed) berichtet, haben in den zurückliegenden drei Monaten viele Kreditinstitute die Bedingungen für die Vergabe von Darlehen an Konsumenten und Unternehmen verschärft. Das gilt nicht nur für Hypothekendarlehen, sondern beispielsweise auch für Kreditkarten und Automobilkredite. Kleineren und mittelgroßen Unternehmen fällt es schwerer, Investitionskredite zu erhalten. Kreditsachbearbeiter in zahlreichen Banken sagten der Fed, bis zum Jahresende sei eine weitere Verschärfung der Kreditvergabe zu erwarten.
Diese Entwicklung wird auch in Europa mit einiger Besorgnis verfolgt. Axel Weber, der Präsident der Deutschen Bundesbank, sagte, es sei fraglich, ob mit den jetzigen Verwerfungen im Finanzsystem schon alles verarbeitet sei, oder ob weitere Finanzmarktsegmente infiziert würden. „Da gibt es einige Bereiche, die wir mit Sorge beobachten, etwa die steigenden Ausfallraten bei amerikanischen Konsumenten- oder Studentenkrediten“, sagte Weber.
Keine Einschränkung in Deutschland
In Deutschland ist nach Angaben mehrerer Banken bislang keine Einschränkung der Studienkredite zu beobachten. „Bei uns hat sich nichts verändert“, sagte eine Sprecherin der Deutschen Bank der F.A.Z. Die Konditionen seien seit der Einführung des Studienkredits im Oktober 2005 gleich geblieben. Es sei im Zuge der Finanzmarktkrise auch nicht schwieriger geworden, an einen Kredit heranzukommen. Die Deutsche Bank verlangt keine Sicherheiten, macht aber eine Bonitätsprüfung. Der Zinssatz liegt in der Auszahlungsphase bei 4,99 Prozent, in der Rückzahlungsphase sind die Zinsen „marktüblich“. Auch die staatseigene Förderbank KfW, nach eigenen Angaben Marktführer im Bereich Studienkredite in Deutschland, hat ihre Kreditvergabe nicht erschwert. „Die Vergabe von Studentenkrediten ist von der Finanzmarktkrise nicht betroffen. Da haben wir nichts eingeschränkt“, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Die KfW bietet seit April 2006 ihren Studienkredit an, der besonders niedrige Vergabehürden hat. Er wird über Banken, Sparkassen und Studentenwerke ausgelegt und wurde bis heute rund 42.000mal in Anspruch genommen. Fast 70 Prozent der Studenten haben sich für einen Darlehensbetrag von unter 600 Euro monatlich entschieden, hat die KfW festgestellt. Im Durchschnitt haben die Studienkreditnehmer einen monatlichen Darlehensbetrag von 477 Euro gewählt. (hap.)
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