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Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kosten des Studiums Examen mit Schuldenberg

15.10.2007 ·  Wer jetzt sein erstes Semester beginnt, ist arm dran: Neue Gebühren, höhere Mieten. Abhilfe versprechen Kredite. Doch Verbraucherschützer warnen: Wer nicht aufpasst, dem droht der Offenbarungseid.

Von David Meiländer
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Zwanzigtausend Euro Schulden. Bei manchem reicht diese Summe schon für die Privatinsolvenz. Für Andreas Frank dagegen sind die roten Zahlen der einzige Weg, um weiter studieren zu können. Monatlich 500 Euro Kredit will er von diesem Wintersemester an bis zum voraussichtlichen Studienende in dreieinhalb Jahren aufnehmen - macht 21 000 Euro. Das Geld bekommt der Geschichts- und Theologiestudent, der seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). "Eine andere Wahl habe ich nicht", sagt Frank. Er steht mit dieser Ansicht nicht allein. Die neuen Studienkredite vieler Banken sind zum beliebten Finanzierungsinstrument geworden, mit ihnen werden längst nicht nur Studiengebühren finanziert.

Dafür gibt es einen Grund: Die wirtschaftliche Situation der Studenten hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Wer zu diesem Wintersemester anfängt zu studieren, muss deutlich mehr für seinen Lebensunterhalt aufbringen als noch vor 16 Jahren - von den in vielen Bundesländern eingeführten Studiengebühren ganz abgesehen. Allein die Mieten für Studenten, die ein Drittel ihrer Ausgaben ausmachen, stiegen von 1991 bis zum vergangenen Jahr um mehr als 64 Prozent. Das sind immerhin acht Prozentpunkte mehr als auf dem gesamten Wohnungsmarkt, wie eine Studie des Deutschen Studentenwerks belegt. Dazu kommen Kosten für Kleidung, Lebensmittel und vieles mehr. Im Durchschnitt sind es rund 700 Euro im Monat. Posten wie Auto- und Krankenversicherung sind darin nur zum Teil enthalten. "Unsere Aufstellung berücksichtigt aus statistischen Gründen nur die notwendigsten Dinge", sagt Wolfgang Isserstedt, der an der Erhebung mitgewirkt hat.

Das Loch im Bafög

Getragen werden die Kosten zum großen Teil von den Eltern. 770 Euro hat der Durchschnittsstudent im Monat zur Verfügung - etwa die Hälfte davon steuert seine Familie bei. Ihr Anteil ist in den vergangenen Jahren beständig gestiegen, andere Einnahmequellen sind eher zurückgegangen. Dies wird nach den Erwartungen des Studentenwerks auch so bleiben. Konkret heißt das, dass für die Mehrbelastungen ihrer Kinder in erster Linie die Eltern herhalten müssen. Nicht alle können sich das leisten. Andreas Frank hat drei Geschwister, die schon aus dem Haus, aber noch unterhaltsberechtigt sind. "Viel Geld bleibt für mich nicht übrig", sagt der Vierundzwanzigjährige. 300 Euro geben seine Eltern ihm jeden Monat, das reicht gerade für die Miete. Zum Leben braucht er fast das Dreifache. Für das Bafög-Amt kein Grund, Unterstützung zu leisten, denn im Vergleich zu vielen anderen Familien verdienen die Franks nicht schlecht. Dass es trotzdem nicht reicht, um ihren Sohn adäquat zu finanzieren, spielt keine Rolle.

"Das ist ein gutes Beispiel für das Mittelstands-Loch bei der Bafög-Finanzierung. Es gibt einen Personenkreis, wo es zwar finanzielle Engpässe gibt, die sozialen Mechanismen aber trotzdem nicht greifen", erklärt Markus Schardin. Zweimal in der Woche hält der Schuldenberater in Düsseldorf eine Sprechstunde ab, um Studenten bei ihren finanziellen Problemen zu helfen. "Die Eltern haben per Gesetz eine Unterhaltsverpflichtung gegenüber ihren Kindern. Aber wenn sie etwa einen Immobilienkredit abzahlen müssen, ist dafür nicht genug Geld da", sagt er. Und für das Studium des Nachwuchses das eigene Haus zu verkaufen - dazu sei kaum jemand bereit.

Woher also nehmen, wenn nicht stehlen? Für 78 Prozent der Studenten führt der Weg zunächst über den Nebenjob. In der Regel arbeiten sie 10 Stunden in der Woche, meist als Aushilfskraft für 9 Euro die Stunde. 42 Prozent der Studenten sagen, ohne die Arbeit könnten sie ihren Lebensunterhalt nicht finanzieren. "Das verursacht natürlich einen enormen Leistungsdruck", sagt Schardin. Mit den Studiengebühren sei zugleich schnelles Studieren ein ökonomisches Muss geworden. "Weil viele die Mehrbelastung durch Mehrarbeit finanzieren müssen, dauert deren Studium aber noch länger." Die Folge: eine Menge Frustration. "Da haben es die, die nicht arbeiten müssen, wesentlich leichter", sagt Schardin.

Das gilt zum Beispiel für Kevin Becker, 23, der in Braunschweig Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Auch er bittet um Anonymität, ehe er sein Budget offenlegt: 830 Euro überweisen ihm seine Eltern pro Monat. Er zahlt davon Studiengebühren, Miete, Ernährung und hat sogar noch genug Luft, um 60 Euro in Berufsunfähigkeits- und Altersvorsorgeversicherung zu investieren. Das liegt auch an den geringen Lebenshaltungskosten in seiner Stadt. Mit 259 Euro Mietkosten im Durchschnitt liegt Braunschweig etwa in der Mitte der Miet-Rangliste. "Natürlich muss ich mich etwas einschränken, aber ich komme ganz gut aus", sagt Becker, dessen Vater eine Arztpraxis in der Nähe von Bonn betreibt. Er kann im Semester fünf bis sechs Klausuren schreiben, während Andreas Frank, der ebenfalls seit zwei Jahren studiert, noch nicht mal seine Zwischenprüfung geschafft hat.

Rauswurf aus der Kasse

Vor allem in den letzten Monaten war Frank weniger Student als Arbeitnehmer. "Ich bin bei meinen Eltern aus der Krankenkasse rausgeflogen, weil ich mehr als 350 Euro im Monat verdiene", sagt er. "Das hatte mir die Versicherung aber erst vier Monate später mitgeteilt, so dass ich meine Beiträge nachzahlen muss." Dazu kam noch ein Umzug, und zu allem Überfluss gab auch der alte Computer seinen Geist auf. "Also habe ich statt 15 Stunden 35 pro Woche gearbeitet, um alles wieder reinzuholen", berichtet er. "Das Problem war gar nicht, dass ich rein rechnerisch keine Zeit zum Studieren hatte. Es fehlte manchmal einfach die Kraft, um sich nach einer Acht-Stunden-Schicht noch mal vor die Bücher zu setzen."

Heute Prüfung, morgen Pleite

Auch in Zukunft müsste er, wenn er seinen Job bei einer Fastfoodkette behalten wollte, etwa 20 Stunden in der Woche arbeiten. "Deshalb habe ich mich für den Kredit bei der KfW entschieden, weil ich mich jetzt voll aufs Studium konzentrieren will", sagt Frank. So wie er haben es bis zum April dieses Jahres 23 000 Studenten in Deutschland gemacht, dazu kommen noch Darlehen von der Deutschen Bank, der Dresdner Bank oder den Sparkassen. Für Thomas Bieler, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale NRW, ist dies eine bedenkliche Entwicklung. "Die jungen Leute bauen sich große Schulden auf, im Einzelfall kann es ja bis zu 30 000 Euro gehen", sagt er. "Wer einen Beruf findet, der wird das relativ leicht zurückzahlen können, aber bei Arbeitslosigkeit sieht das ganz anders aus." Er rechnet damit, dass in einigen Jahren viele direkt vom Studium in die Privatinsolvenz gehen müssen. "Vor allem für die Geschäftsbanken ist das ein normaler Kreditvertrag", sagt er. "Wenn jemand die Raten nicht zahlen kann, werden die Banken alle Maßnahmen ergreifen, um ihr Geld wiederzubekommen - bis zur Zwangsvollstreckung."

Markus Schardin weiß, wie so etwas aussieht. Er hat fast täglich mit Leuten zu tun, die kurz vor der Pleite stehen. Trotzdem hält er die neuen Kreditangebote für eine gute Sache. "Viele könnten ohne sie überhaupt nicht studieren", sagt er. "Ich würde nur raten, sich vorher sehr gut zu informieren, denn nicht immer ist die KfW - auch wenn ihr Angebot human und fair ist - wirklich die beste Lösung." Andreas Franks Antrag aber ist schon verschickt. "Ich will vor allem wieder unabhängiger von meinen Eltern, aber auch von meiner Arbeit werden", sagt er. Sicherlich könne er auch mit weniger als 500 Euro monatlichem Kredit auskommen, die Auszahlungssumme nach den ersten Monaten werde er möglicherweise wieder verringern. Ganz streichen allerdings will er sie nicht, sagt er. "Man kann ja nicht immer leben wie ein Hund."

Quelle: F.A.Z., 13.10.2007, Nr. 238 / Seite C6
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