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Kontroverse Debatte : Die Regelstudienzeit - Fluch oder Segen?

Die Zeit läuft: Studenten können sich von der „Regelstudienzeit“ ganz schön unter Druck gesetzt fühlen. Bild: dpa

Kritiker sprechen von einem Beschleuniger für Studienabbrüche, Befürworter von einer wichtigen Hilfe zur Orientierung: Die Regelstudienzeit ist höchst umstritten. Zeit, sie abzuschaffen?

          Bleibt den Studenten nicht genug Zeit zum Studieren? Die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts sehen ganz danach aus. Demnach wurden im Prüfungsjahr 2014 - ähnlich wie schon 2010 und 2012 - nur 40 Prozent aller Hochschulabschlüsse in der Regelstudienzeit erworben. Als Regelstudienzeit wird die Zeit bezeichnet, die idealtypisch für ein Studium im Durchschnitt benötigt wird. Im Hochschulrahmengesetz festgelegt, war der ursprüngliche Zweck der Regelstudienzeit auch, den Studenten das entsprechende Lehrangebot zu gewähren, auf das sie für den Abschluss ihres Studiums innerhalb der vorgegebenen Frist angewiesen sind. Die genaue Semesterzahl der Regelstudienzeit hängt von den Studiengängen und der jeweiligen Prüfungsordnung ab. So oder so: Nicht Muße zum tiefgehenden Studium, sondern Hektik und gedrängte Stundenpläne scheinen heute den Alltag der Studenten zu bestimmen.

          Seit der Bologna-Reform werden flächendeckend insgesamt zehn Semester Regelstudienzeit veranschlagt, darunter sechs Semester für den Bachelor- und vier für den Masterabschluss. Abhängig von der Prüfungsordnung, hat die Überschreitung der Regelstudienzeit in den meisten Fällen jedoch nicht sofort unmittelbare Konsequenzen für den weiteren Studienverlauf; Prüfungen können oftmals auch zwei oder drei Semester später abgelegt werden - und genau das scheint bei mehr als der Hälfte aller Studenten ja auch der Fall zu sein, wie die Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen.

          Die Studentin Tanja von der Universität Mainz überrascht das kaum. Die Regelstudienzeit gehe von utopischen Voraussetzungen aus. Dass das Studium bis zur vorgegebenen Frist abgeschlossen werden kann, erfordere Rahmenbedingungen, die sowohl in den Universitäten als auch in der eigenen Lebenssituation oftmals nicht gegeben seien. „Wenn die Unis wirklich sicherstellen würden, dass alle Studienleistungen auch immer abgelegt werden können, wäre die Regelstudienzeit ein sinnvolles Instrument“, erklärt Tanja, die sich im 6. Semester ihres sozialwissenschaftlichen Masterstudiums befindet - und ihren wirklichen Namen lieber nicht in der Zeitung sehen möchte. Die Realität sehe meistens jedoch anders aus, sagt sie: „Überschneidungen bei Seminaren oder schlicht die Tatsache, dass gewisse Lehrveranstaltungen nur alle zwei Semester angeboten werden, zeigen, dass die Regelstudienzeit fast immer ein gutgemeintes theoretisches Konstrukt ist.“

          Koppelung mit Bafög gilt als größtes Problem

          Als besonders problematisch wird vor allem von Studenten die Koppelung der Regelstudienzeit mit dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög) gesehen. Wird die Regelstudienzeit überschritten, droht die sofortige Einstellung der Bafög-Zahlung. Die Empörung im „Freien Zusammenschluss der StudentInnenschaften“ (fzs) ist deshalb groß: Die Regelstudienzeit führe auf diese Weise zu einem „Studienabbruchprogramm“ und sei ein „Instrument für soziale Selektion im Studium“, behauptet Ben Seel, Masterstudent der Politischen Theorie an der Universität Frankfurt und Mitglied im Vorstand des fzs. Besonders hart treffe es Studenten, „die sich sozial engagieren, Angehörige pflegen, Kinder erziehen oder arbeiten müssen“.

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