Home
http://www.faz.net/-gyl-748b9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Kommunikationsplattform Soziales Netzwerk für Mediziner

Zwei junge Chirurgen haben im Internet eine Plattform für Ärzte gegründet. Kliniken suchen dort nach Ärzten, Ärzte nach Stellenangeboten, Studenten nach Nebenjobs oder Doktorandenstellen, Erstsemester nach Gleichgesinnten oder einfach nach Erfahrungsaustausch.

© dpa Für fast alle Berufsgruppen gibt es soziale Netzwerke. Nur für die Ärzte war das lange Zeit nicht der Fall.

Ihr Wohnzimmer gleicht einer Presselounge. Roman Rahimi und Matthias Wähmann sitzen auf einer schwarzen Ledercouch. Getränke und kleine Snacks sind vorbereitet. Im Hintergrund steht ein mannshohes Werbebanner, auf dem Wohnzimmertisch liegen lila Informationsbroschüren. Nur die Zeit ist für einen Interviewtermin ungewöhnlich: Freitagabend 21 Uhr. „Früher ging es leider nicht. Wir sind beide erst vor kurzem von unserem Dienst aus der Klinik gekommen“, sagt der 29 Jahre alte Wähmann. Seit Monaten gehen die beiden tagsüber ihrem Beruf als Assistenzärzte in der Chirurgie nach. In ihrer freien Zeit sind sie Geschäftsführer von Imedcon. „Imedcon ist ein soziales Netzwerk für Mediziner, eine Stellenbörse, eine Plattform zur Kommunikation und zum Wissensaustausch“, erklärt Rahimi.

Lucia Schmidt Folgen:

Vor fast drei Jahren hatten die beiden Freunde die Idee dazu. Er habe damals Examen gemacht und sei auf der Suche nach einer passenden Stelle in der Chirurgie gewesen, erzählt Wähmann. Dafür habe er sich durch die Internetseiten der Kliniken geklickt, in Personalabteilungen angerufen, auf Tipps von Bekannten gehört und das „Deutsche Ärzteblatt“ durchgeblättert.

Oft können die Ärzte wählen, wo sie hingehen wollen

Was in anderen Branchen seit Jahren selbstverständlich ist, ist für Mediziner noch ein unentdecktes Feld. „Headhunting 2.0 ist in den Personalabteilungen vieler Kliniken kein Thema“, sagt Wähmann. Dort suche man nach Personal, wie man es seit Jahrzehnten mache. „Das funktioniert aber nicht mehr, da sich die Bedingungen grundlegend geändert haben.“ Früher stapelten sich auf den Schreibtischen der Chefärzte Bewerbungen, die nach Bedarf aussortiert werden konnten. „Wer damals keinen Doktortitel hatte, kam beispielsweise schon von vorneherein nicht in die engere Auswahl“, sagt Rahimi. Doch mittlerweile können wegen des Ärztemangels oft nicht mehr die Kliniken und Praxen aussuchen, wen sie nehmen, sondern die Ärzte entscheiden, wo sie hingehen wollen.

Für die Generation Y - Ärzte, die nach 1980 geboren sind - spielen geregelte Arbeitszeiten, ausreichend Freizeit, eine Balance von Familie und Beruf, gute Fortbildungsmöglichkeiten und Teamarbeit eine entscheidende Rolle. „Kliniken müssen also mit attraktiven Angeboten selbst aktiv werden, um qualifizierten Nachwuchs zu erreichen. Denn das Beschaffen von Informationen über die Internetseiten der Kliniken oder soziale Netzwerke gehört für junge Leute zum Standard“, fasst Wähmann die Erwartungen an die Arbeitgeber zusammen.

Mehr zum Thema

Die Machtverhältnisse am Arbeitsmarkt haben sich zugunsten der Bewerber verändert. Nach dem „Deutschen Krankenhaus Institutsbarometer“ hatten rund drei Viertel der Kliniken im vergangenen Jahr Schwierigkeiten, ihre freien Stellen zu besetzen. 3800 Stellen im ärztlichen Dienst konnten 2011 gar nicht besetzt werden. Und Umfragen zeigen: Schon heute halten 40 Prozent der Mediziner im Internet oder auf Internetseiten von Kliniken nach neuen Stellen Ausschau.

Seit Mitte September sind die beiden Mainzer mit ihrem Portal online. Sie haben an ihrem Internetauftritt alles selbst gestaltet - das Logo, die Farben, den Slogan, die Texte. Zusammen mit Informatikern haben sie sich in die Technik eingearbeitet, das Layout gestaltet und Datenschutzrichtlinien umgesetzt. „Es ist, wie wenn man ein neues Haus baut und alles nach seinen Vorstellungen entwirft“, sagt Rahimi.

Sie haben sich alles selbst beigebracht und „einiges an Lehrgeld bezahlt“. Nach dem Konzept hinter ihrem „Start up“ gefragt, sprudelt es Antworten: neu, einzigartig, eine Herzenssache, dringend gebraucht, eine Marktlücke. „Es ist ein Portal, das auf die Mediziner zugeschnitten und von Medizinern gemacht ist.“

Skepsis gegenüber dem Internet

Imedcon will „Suchende mit Sucher verbinden“, ist Headhunting und Stellenbörse in einem. Sowohl Mediziner als auch Kliniken können sich in dem Portal ein Profil anlegen. Für die Mediziner ist dies kostenlos. Für die Kliniken kostet es je nach Größe des Unternehmens einen monatlichen Beitrag. Gesucht werden kann durch bestimmte Voreinstellungen nach fast allem: Kliniken nach Ärzten, Ärzte nach Stellenangeboten, Studenten nach Nebenjobs oder Doktorandenstellen, Erstsemester nach Gleichgesinnten oder einfach nach Erfahrungsaustausch.

Derzeit versuchen die Gründer Personalmanger und Klinikleitung von ihrer Idee zu überzeugen. Dabei warten sie oft stundenlang im Verwaltungstrakt der Krankenhäuser. „Viele dort stehen der Personalakquise im Internet skeptisch gegenüber. Eine große Anzahl der Klinikleiter stammt aus einer anderen Generation“, sagt Wähmann.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Medizinberufe Wenn die Tele-Krankenschwester hilft

Ein Tabletcomputer im Krankenbett. Pfleger, die sich per Internet kümmern. Ärzte, die im Netz über Diagnosen diskutieren. Wie die Digitalisierung auch in der Medizin Einzug hält. Und wie sie das Berufsbild dort verändert. Mehr Von Thiemo Heeg

02.07.2015, 06:30 Uhr | Beruf-Chance
Spontan-Aktion Berliner Ärzte impfen Flüchtlinge auf eigene Kosten

In Berlin grassieren die Masern. Mehrere Mediziner haben deswegen kurzerhand eine Impfaktion für rund 200 Flüchtlinge in einer Sammelunterkunft organisiert - unbürokratisch, ehrenamtlich und zunächst einmal sogar auf eigene Kosten. Mehr

07.03.2015, 10:56 Uhr | Gesellschaft
Ärzte warnen Nervenschäden durch enge Jeans

Ärzte in Australien haben zum ersten Mal beobachtet, wie Muskeln und Nervenfasern durch zu enge Jeans geschädigt werden. Eine Frau musste mehrere Tage im Krankenhaus bleiben, nachdem sie wegen der zu engen Hose ihre Füße nicht mehr spürte. Mehr

23.06.2015, 18:07 Uhr | Gesellschaft
Spanische Tapas Mehr als nur Häppchen

Sie gilt als kleiner Appetithappen für zwischendurch zum Wein oder Bier: die spanische Tapa. Mittlerweile ist der Snack so beliebt, dass sich selbst Chefköche daran probieren. Mehr

12.03.2015, 11:56 Uhr | Stil
Rheinland-Pfalz und Hessen Ländliche Regionen ärztlich unterversorgt

Die Kassenärztlichen Vereinigungen schlagen Alarm: Fernab der Städte fehlen zahlreiche Haus- und Fachärzte. Ein Internetportal soll nun kleinen Orten helfen, wieder einen Arzt zu finden. Mehr

26.06.2015, 15:07 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 08.11.2012, 17:10 Uhr