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Samstag, 11. Februar 2012
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KIT Badische Revolution

25.02.2010 ·  In Karlsruhe steht Deutschlands größte Lehr- und Forschungseinrichtung für Technik und Naturwissenschaft. Ganz bewusst nimmt das neue KIT den Vergleich mit dem berühmten MIT in den Vereinigten Staaten auf.

Von Sebastian Balzter
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Das Konjunkturpaket ist angekommen. Ein ganzer Kellerraum im Forschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft nördlich von Karlsruhe duftet nach der mannshohen Holzkiste, in der es geliefert wurde: Rund 600.000 Euro kostet das neue Mikroskop, das die Karlsruher Nanowissenschaftler bald in Gebrauch nehmen werden, um kleinste Teile künftig noch kleiner zu machen. „So teure Geräte muss man möglichst oft nutzen, damit sich die Anschaffung lohnt“, sagt Timo Mappes. Er ist erst 33 Jahre alt, leitet aber schon eine Forschergruppe, auch sie wird von der Neuanschaffung bald profitieren. Die „Young Investigator Group“ ist eines der Aushängeschilder der Stadt in Nordbaden, die sich selbst inzwischen als Deutschlands ingenieur- und naturwissenschaftliches Aushängeschild begreift.

KIT heißt die kurze Formel zu diesem hohen Anspruch. Hinter dem „Karlsruhe Institute of Technology“ steckt ein für deutsche Verhältnisse revolutionäres wissenschaftliches Projekt. Im vergangenen Oktober fusionierten die traditionsreiche Technische Hochschule in der Stadtmitte, die sich als Wiege des deutschen Bauingenieurwesens versteht, und das 1956 vor allem zur Kernforschung auf der grünen Wiese gegründete Helmholtz-Zentrum zur größten Forschungs- und Lehreinrichtung des Landes. Zusammen verfügen sie über einen Etat von 700 Millionen Euro und beschäftigen rund 8000 Menschen. Dass sie zum Teil vom Bund, zum Teil vom Land Baden-Württemberg finanziert werden, galt in der föderal strukturierten Hochschulwelt zuvor als unvorstellbar.

So fortschrittlich ist die Idee, dass sie in der Exzellenzinitiative des Bundes als „Zukunftskonzept“ ausgezeichnet wurde. Noch hat das Projekt mit einigen bürokratischen Kinderkrankheiten zu kämpfen, doch Horst Hippler, die aus der Uni stammende Hälfte des neuen Präsidenten-Duos, zählt schon jetzt eine lange Liste der Erfolge auf: Die Zahl der Studenten nimmt zu, angesehene Professoren folgen dem Ruf aus Karlsruhe, mit der ETH Zürich und der KTH Stockholm bildet das KIT nun das „European Institute of Innovation and Technology“, internationale Besuchergruppen geben sich die Klinke in die Hand. Mit namhaften Unternehmen wie BASF, Daimler, Siemens und Boeing bestehen Forschungskooperationen. „Die rennen uns die Bude ein“, sagt Hippler. „Und nehmen dabei auch richtig Geld in die Hand.“ Von 80 auf 130 Millionen Euro wuchs die Summe der eingeworbenen Drittmittel in den vergangenen drei Jahren.

„Das Angebot hier war so verlockend“

Timo Mappes kam der Karlsruher Aufschwung gerade recht. Als er sich nach dem Abitur für das Maschinenbaustudium entschied, fiel ihm die Entscheidung gegen Aachen und für Karlsruhe als Studienort noch schwer. Nach der Promotion war die Wahl einfacher. „Das Angebot hier war so verlockend“, berichtet er, „dass es Blödsinn gewesen wäre, wegzugehen.“ Seine Stelle kommt von der Uni, sein Büro gehört zum Forschungszentrum, für Vorlesungen über „Ausgewählte Kapitel der Optik und Mikrooptik“ für die Maschinenbaustudenten pendelt er ins Stadtzentrum - und verkörpert damit genau das Konzept, nach dem das KIT beiden Seiten nutzen soll: Den Helmholtz-Forschern ermöglicht es den direkten Kontakt zum wissenschaftlichen Nachwuchs, den Studenten Einblick in die Forschungspraxis. Großgeräte und Labore werden besser ausgelastet, die institutionelle Durchschlagskraft wächst.

Zusammen mit sieben Doktoranden aus verschiedenen Disziplinen - drei Physiker, drei Elektrotechniker und ein Mathematiker - arbeitet Mappus nun an einem „Lab-on-Chip“: Das Einweglabor im Miniaturformat soll in nicht allzu ferner Zukunft zum Beispiel zur Bestimmung des Blutwerten eingesetzt werden. In eine Plexiglasscheibe von der Größe eines Computerchips werden dafür mit einem Elektronenstrahlschreiber Kanäle gefräst, die nicht haarfein, sondern noch um ein Vielfaches feiner sind. Die Diagnose soll per Lasertechnik erfolgen, ein Teil des Verfahrens ist schon patentiert. Und Timo Mappes, der eigentlich gerne der Wissenschaft treu bleiben möchte, hat sich nebenher eine Ausgründung vorgenommen. „So ein Verfahren möchte man schließlich auch im Markt sehen.“ Die nötigen Managerqualitäten dafür hat er mit der Leitung der Forschergruppe ja schon trainiert.

Zaun, Schlagbaum und Sicherheitskontrolle

Zehn Kilometer trennen den „Campus Süd“ mit seinen im Lauf von vielen Jahrzehnten entstandenen Gebäuden am Rand des Karlsruher Schlossparks vom „Campus Nord“ des Helmholtz-Zentrums, zu dem ein Zaun, ein Schlagbaum und eine Sicherheitskontrolle den Zutritt erschweren - Tribute an das sensible Forschungsthema Kernkraft. Die geographische Distanz mag gering sein, Atmosphäre und Mentalität haben sich in den 50 Jahren des Nebeneinanderexistierens auseinanderentwickelt. Jetzt sollen sie sich angleichen, dafür sind Kleinigkeiten nicht minder wichtig als das große Ganze. „KIT-Allee“ wird, halb im Scherz, der neue beleuchtete Radweg genannt, der durch den Wald von Süd nach Nord führt; außerdem verbindet ein Shuttle-Bus die beiden Standorte tagsüber neuerdings im Stundentakt.

„Vorher musste man eine halbe Weltreise machen, um von hier nach dort zu kommen“, sagt Regina Hoffmann in ihrem Büro auf dem „Campus Süd“, in dem das Physikalische Institut untergebracht ist. Auch sie hat sich auf die Größenordnungen spezialisiert, vor denen das menschliche Auge kapituliert. Nano- und Mikrotechnik ist einer der vier Karlsruher Schwerpunkte, die anderen heißen Energie, Klima und Umwelt, Elementar- und Astroteilchenphysik. „Die Bilder faszinieren mich“, sagt die 36 Jahre alte Wissenschaftlerin selbst über ihre Motivation. „Dass man Atome wirklich sehen kann, statt sie nur theoretisch zu begründen.“

Wohlfühlfaktor Karlsruhe

Für ihr eigenes Forschungsprojekt „Nanocontacts“ hat Regina Hoffmann von der EU gerade die stolze Fördersumme von 1,5 Millionen Euro eingeworben. Für fünf Jahre ist ihre Stelle nun gesichert, außerdem kann sie von dem Geld vier wissenschaftliche Mitarbeiter bezahlen. Im Labor untersuchen sie, wie sich die Atome verteilen, wenn Strom über einen metallischen Kontakt fließt. 75 Nanometer Kantenlänge in der Realität werden zu 15 Zentimetern auf dem Bildschirm des Rastertunnelmikroskops. „Das ist Grundlagenforschung“, sagt Hoffmann. „Aber Anwendungsmöglichkeiten kann ich mir durchaus vorstellen. Etwa in der Halbleiterindustrie, wo die Zuleitungen immer kleiner werden.“

Ihr Pysikstudium hat sie in Karlsruhe und Grenoble mit einem deutsch-französischen Doppeldiplom abgeschlossen, danach in Basel promoviert, in Montreal geforscht - und zwei Kinder zur Welt gebracht. Dass sie nun nicht von den vermeintlich paradiesischen Bedingungen jenseits des Atlantiks schwärmt, sondern sich in Karlsruhe pudelwohl fühlt, kann KIT-Präsident Horst Hippler getrost der Liste hinzufügen, mit der er seine badische Revolution beschreibt. An Angriffslust mangelt es ihm nicht. Den Vergleich mit der Elitehochschule MIT, dem „Massachusetts Institute of Technology“, nimmt er mit der größtmöglichen Angriffslust auf: „Im Alphabet stehen wir ja schon vor den Amerikanern.“

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