Marie ist acht Jahre alt und traut sich erst nicht. Doch nun will sie es wissen: Ihr Finger geht in die Luft. „Warum muss man den Kopf operieren?“, fragt sie die Neurochirurgin Kirsten Schmieder von der Uniklinik Mannheim. Das könne unterschiedliche Gründe haben, antwortet diese. Wenn man sich nicht gerade verletzt habe, sei der Grund in den meisten Fällen, dass Sachen aus dem Kopf entfernt werden müssten, die da eigentlich nicht hingehörten.
Wäre Marie älter und schon Studentin, dann wäre die Antwort komplizierter ausgefallen. Doch in einer Kinderuni muss die Dozentin kindgerecht erklären. Denn vielleicht, aber nur ganz vielleicht, legt sie so den Grundstein für Maries spätere medizinische Karriere. Mit Marie sitzen noch 150 andere wissbegierige Kinder im großen Hörsaal der Uniklinik. Tausend weitere haben Eintrittskarten für die acht anderen Veranstaltungen ergattert, die derzeit an der Uniklinik in Mannheim im Rahmen der Kinderuni stattfinden. Die Zeit haben die Kinder, denn in Baden-Württemberg sind noch Ferien.
Das Angebot in Mannheim unterscheidet sich von dem anderer Kinderunis. Während die Kinder anderswo aus einem Fächerspektrum wählen können, wird hier nur ein Themengebiet behandelt: die Medizin. Die kleinen Studenten können so nicht nur von Wissen erfüllte Uniluft schnuppern, sondern gleichzeitig Berührungsängste mit Medizin und Krankenhäusern abbauen. Ein Blick zu den siebzig anderen deutschen Kinderunis zeigt hingegen eine große Themenvielfalt. Die Uni Münster zum Beispiel erklärt, „wie die Welt in den Computer kommt“, die Uni Saarbrücken fragt, „wie fit eigentlich Fußballprofis sind“, und die Uni Bonn weiß, wie man Gold findet. Die erste Kinderuni fand 2002 in Tübingen statt. Rasch verbreitete sich die Idee in Deutschland; bei Eltern und Kindern fand sie viel Anklang. Die Vorlesungen finden oft in den Sommerferien statt. Sie werden von Kindern im Alter zwischen 8 und 12 Jahren besucht.
Eine echte Herausforderung für Dozenten
Doch kann eine Kinderuni die Schule bestenfalls nur ergänzen. Denn die meisten Veranstaltungen sind als Vorlesungen konzipiert: „Gerade in diesem Alter ist das reine Zuhören aber keine effektive Praxis“, sagt Christian Bethke vom Berliner Institut für Frühpädagogik. Über Mitmachen werde Wissen besser verankert. „Zudem brauchen die Kinder einen gewissen Erfahrungsschatz, um die Inhalte verstehen zu können“, erklärt der Pädagoge. Für einige könnten die Vorlesungen sogar abschreckend sein, wenn sie das Gefühl hätten, nichts verstanden zu haben.
Auch Klaus Wingen vom Uniklinikum Mannheim weist auf Grenzen hin. Die Referenten hielten die Vorlesungen freiwillig während der Arbeitszeit. Ein regelmäßiges, zum Beispiel wöchentliches Angebot sei deshalb nicht möglich. Auch sei es nicht einfach, eine Vorlesung für Kinder zu konzipieren. Die kindgerechte Aufarbeitung der Inhalte könne für die Dozenten eine echte Herausforderung sein, sei doch das kindliche Verständnis für Trepanation oder Radiographie begrenzt. Gelinge es jedoch, den Kindern die Inhalte zu vermitteln, dann könne ihr Interesse am Verstehen der Welt geweckt werden, sagt Wingen und nennt Beispiele: Man könne ihnen sagen, dass das Gehirn ein Safe sei, aus dem man möglichst nichts rausnehmen solle, und dass Röntgen nichts anderes sei als das, was bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen passiere.
In der Vorlesung in Mannheim hat Yassin noch eine Frage: „Muss man das eigentlich selbst bezahlen, wenn man am Kopf operiert wird?“ Die Professorin beruhigt ihn: „Das zahlt die Kasse.“
