Home
http://www.faz.net/-gyq-74ja2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Kennwort-Bewerbung Einstiegshilfe für Profisportler

Damit Leistungssportler einen leichteren Berufseinstieg haben, gibt es die Möglichkeit der Kennwort-Bewerbung. Durch das Kennwort sieht die Personalabteilung, dass es sich um einen Athleten handelt. Drei bekannte Unternehmen machen schon bei dem Projekt mit.

© ddp Vergrößern Susanne Hahn ist amtierende deutsche Meisterin im Marathon. Jetzt kümmert sie sich neben ihrer Sportkarriere um den Berufseinstieg.

Susanne Hahn hat einen langen Atem und braucht Ausdauer. Die 34 Jahre alte Sportlerin ist amtierende deutsche Meisterin im Marathon. Sie hat in Bonn Deutsch und Latein auf Lehramt studiert und das erste Staatsexamen in der Tasche, aber kein Referendariat. Nun kümmert sie sich neben ihrer sportlichen Karriere um ihren Berufseinstieg. „Im etwas gesetzteren Alter“, wie Hahn es formuliert. Der Grund: In ihrem bisherigen Leben nimmt der Sport einen großen Stellenwert ein und steht im Vordergrund.

Damit Leistungssportler einen leichteren Berufseinstieg haben, gibt es die Möglichkeit der Kennwort-Bewerbung. Dieses besondere Angebot bieten bislang die Deutsche Bank, die Telekom und der Außenwerbespezialist Ströer an, erklärt Dieter Hahn von der Deutschen Sporthilfe. Die Sportler können sich bei den Unternehmen mit Verweis auf die Sporthilfe bewerben. Dann sieht die Personalabteilung, dass es sich um einen Athleten handelt. Denn der fällt normalerweise durch das übliche Bewerbungsverfahren. Oft studieren die Sportler länger als der Durchschnitt oder sie haben nicht die geforderten Praktika. Häufig sind sie älter als andere Bewerber. „Die Kennwort-Bewerbung garantiert nur den Vorstellungstermin“, sagt Hahn. Danach durchlaufen die Bewerber das ganz normale Verfahren. Das Konzept soll ausgebaut werden und gilt für alle von der Sporthilfe geförderten Sportler. Es gibt keinen Unterschied zwischen Olympia-Sieger oder einem deutschen Meister.

„Die Sportler wollen eine Perspektive“

Bei der Unterstützung durch die Wirtschaft geht es neben dem Geld auch um die Bereitstellung von Praktikumsplätzen. „Die Sportler wollen nicht in erster Linie Geld, sondern eine Perspektive“, sagt Hahn. So schickt beispielsweise die Telekom ihre Experten der Personalabteilung und bietet Bewerbungstrainings an.

Fußballer sind in der Regel privilegierter als andere Sportler, wenn es um das Thema Berufseinstieg geht, heißt es. Bei der Telekom werden die besonderen Fähigkeiten der Athleten geschätzt. Sie seien strukturierte Menschen, die sich den Tag einteilen könnten. „Und sie sind es gewohnt, auf den Punkt hinzuarbeiten“, sagt ein Telekom-Sprecher. Sie hätten früh gelernt, sich selbst zu organisieren. Der Tagesablauf eines Spitzensportlers ist straff. Der 25 Jahre alte Schwimmer Steffen Deibler studiert seit 2008 in Hamburg Umwelttechnik. Aktuell ist er im neunten Semester. Nach den Sommerspielen in London steht für den Olympiateilnehmer wieder das Studium im Mittelpunkt. Trainiert wird trotzdem. Der Schwabe steht um 5.20 Uhr auf und startet mit dem Training um 6.15 Uhr. Von 8.30 bis 14 ist er an der Uni, von 16.30 bis 20 Uhr trainiert er wieder. „Das Jahr vor London habe ich fast gar nicht studiert“, sagt er. Deibler peilt die Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro an und rechnet damit, frühestens in zwei bis drei Jahren seinen Hochschulabschluss zu haben.

Gute Selbsteinschätzung

Bis Marathonläuferin Susanne Hahn ihren endgültigen Arbeitsplatz gefunden hat, kann es noch dauern. Sie macht erst einmal ein Praktikum in der Presseabteilung des Kölner Ströer-Konzerns. Die Olympia-Teilnehmerin von Peking und London möchte „in den Bereich Kommunikation hineinschnuppern“. Sie habe seit Sommer zahlreiche Bewerbungen geschrieben. „Eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch gab es nicht“, sagt die junge Mutter. Zu ihren Stärken zählt sie vor allem ihre Erfahrung im Ausland, die sie infolge der zahlreichen Wettkämpfe gewonnen hat. „Ich habe verschiedene Kulturen kennengelernt und bin es gewohnt, mich öffentlich zu präsentieren.“

Leistungssportler seien in der Selbsteinschätzung oftmals besser als der normale Bewerber, betont man bei Ströer: Das sei wichtiger als ein durchgestylter Lebenslauf. Das Unternehmen rechnet bei einer Ausweitung des Projekts der Kennwort-Bewerbung mit einem Schub von Interessenten.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ehemalige Leistungssportler Im Beruf erfolgreicher als Nicht-Athleten

Wer Sport auf höchstem Niveau betrieben hat, ist auch beruflich erfolgreicher. Das belegt eine Studie zweier Sportwissenschaftler. Die Gründe dafür liegen für sie auf der Hand. Mehr Von Ralf Dewenter und Leonie Giessing

17.02.2015, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
Überraschende Bewerbung Boston greift nach Olympia 2024

Eine weitere Stadt ist im Rennen um die Olympia-Austragung 2024. Boston im Bundesstaat Massachusetts wurde in den Vereinigten Staaten ausgewählt. Die Stadt ist damit direkter Konkurrent des deutschen Bewerbers Berlin oder Hamburg. Mehr

09.01.2015, 17:39 Uhr | Sport
Offener Brief an DOSB-Präsidenten Das Chaos ist komplett

Das von der Bundesregierung nach langem Streit für dieses Jahr geplante Anti-Doping-Gesetz soll ein grandioses Ablenkungsmanöver von Sport und Politik sein. Ein offener Brief an DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Mehr Von Sylvia Schenk und Stefan Brink

23.02.2015, 12:47 Uhr | Sport
Regenwald-Marathon 275 Kilometer durch die Grüne Hölle

Beim großen Jungle Marathon Rennen müssen die Athleten durch den brasilianischen Regenwald laufen. Nicht alle stehen die Quälerei durch. Mehr

15.10.2014, 14:03 Uhr | Sport
Hamburgs Sportsenator Neumann Ohne die Spiele erleben wir eine Monokultur

Hamburgs Sportsenator Michael Neumann ist überzeugt von einer positiven Wirkung Olympischer Sommerspiele auf die Gesellschaft und wirbt vor der Wahl zur deutschen Kandidatenstadt für den Sport als Vereinigungsfaktor: Mit dieser Öffnung geben wir dem Land ein Versprechen. Mehr Von Michael Reinsch

18.02.2015, 10:57 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.11.2012, 18:39 Uhr