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Keine einfachen Lösungen : Wieder Streit über das Turbo-Abitur

Schülerdemo vor dem Landtag in Düsseldorf 2015: Oberstufenschüler wollten sich seinerzeit nicht mit dem G8 abfinden. Jetzt kocht der Streit schon wieder hoch. Bild: dpa

Der Streit um das acht- oder neunjährige Gymnasium ist in Nordrhein-Westfalen neu entbrannt. Doch auch in anderen Ländern wird wieder verstärkt über die Rückkehr zum G9 diskutiert.

          Seit vielen Jahren wird in beinahe allen westdeutschen Bundesländern über das sogenannte Turbo-Abitur diskutiert. Niedersachsen ist mittlerweile wieder zum Abitur nach neun Jahren Gymnasialzeit (G9) zurückgekehrt. In Hessen hat die schwarz-grüne Landesregierung den Gymnasien und Kooperativen Gesamtschulen die Möglichkeit gegeben, zwischen G8 und G9 zu wählen. In Baden-Württemberg hat der Philologenverband kürzlich eine Online-Petition für die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 begonnen, die binnen weniger Tage mehrere tausend Unterstützer vorweisen konnte. Zu einer flächendeckenden Wahlfreiheit für alle Gymnasien wird es trotzdem nicht kommen, im grün-schwarzen Koalitionsvertrag ist lediglich von der Beibehaltung der Modellstandorte die Rede. Auch in Bayern gibt es Reformen. In Nordrhein-Westfalen dagegen hat sich die rot-grüne Landesregierung darauf festgelegt, am Abitur nach 12 Schuljahren festzuhalten. Gemäß den Empfehlungen eines „runden Tischs“, zu dem Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) Vertreter von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Kirchen, Lehrer- und Elternverbänden sowie von Elterninitiativen seit Mai 2014 mehrfach geladen hatte, soll das nordrhein-westfälische G8 durch eine Beschränkung der Hausaufgaben, des Lernstoffs und des Nachmittagsunterrichts erleichtert werden. Dafür hat das Land Rechtsvorschriften geändert; sie sind seit diesem Schuljahr in Kraft. Im kommenden Schuljahr wird der Stand der Reformen evaluiert.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Mitten in diesem Prozess ist die Diskussion über das Turbo-Abitur im bevölkerungsreichsten Bundesland dennoch neu entbrannt. Grund dafür sind mehrere Umfragen des Bildungsforschers Rainer Dollase im Auftrag der Landeselternschaft der Gymnasien NRW. Ihre Ergebnisse sind eindeutig: In zwei Online-Umfragen sprachen sich 88 Prozent der Eltern für die Rückkehr zum Abitur nach 13 Schuljahren aus; in einer zusätzlichen postalischen Umfrage nach Zufallsprinzip votierten 79 Prozent der Gymnasialeltern für G9. Die Resonanz auf die Umfragen war groß. Mehr als 50.000 Personen nahmen an den beiden Online-Befragungen teil. Die postalische Befragung hatte eine ungewöhnlich hohe Rücklaufquote von mehr als 56 Prozent - hier konnte Dollase 1310 Fragebögen auswerten.

          „Die Hoffnung der Schulministerin, das Thema Schulzeitverkürzung am Gymnasium mit Hilfe des runden Tischs zu befrieden, ist gescheitert“, sagt Udo Beckmann, der Vorsitzende des Verband Bildung und Erziehung (VBE). „Die Empfehlungen des Gremiums scheinen nicht zu tragen.“ Marcus Hohenstein, Sprecher einer Bürgerinitiative, die seit Jahren für eine Rückkehr zu G9 kämpft, prophezeit: „Wenn sich die Politik nicht bald bewegt, werden die Konsequenzen im Jahr 2017 auf dem Wahlzettel stehen.“ Eine parlamentarische Mehrheit gegen das Turbo-Abitur zeichnet sich aber auch nach den neuesten Umfragen nicht ab. Von den derzeit im nordrhein-westfälischen Landtag vertretenen Parteien votieren lediglich die Piraten für „eine Weiterentwicklung des Gymnasiums zu einem neuen G9“. Laut Dollase-Umfrage wünscht eine Mehrheit der Befragten aber „G9 wie früher“.

          „Bedenken und Ängste der Eltern ernst nehmen“

          Oppositionsführer Armin Laschet (CDU) spricht sich zwar dafür aus, „die Bedenken und Ängste der Eltern ernst zu nehmen“, vermeidet es im Gespräch mit dieser Zeitung aber, sich in der G-Frage festzulegen. Stattdessen holt er zur Generalkritik aus: Nach sechs Jahren Rot-Grün stehe das nordrhein-westfälische Schulsystem unter erhöhtem Anforderungsdruck. „Das trifft nicht nur auf die Gymnasien zu. Die schlechte Umsetzung der Inklusion, die mangelhafte Lehrerversorgung, der dramatische Unterrichtsausfall und eine bis heute nicht gelungene Umsetzung von G8 führen zu zunehmendem Ärger, Frust und teilweise sogar zur Wut vieler Eltern auf die Verantwortlichen.“

          Laschets Rundum-Angriff ist zugleich ein Ausweichmanöver. Das hat mit der Rolle der nordrhein-westfälischen CDU beim Turbo-Abitur zu tun. Nach der Jahrtausendwende war die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit in Nordrhein-Westfalen wie in vielen anderen westdeutschen Bundesländern weitgehend politischer Konsens. Die damalige rot-grüne Landesregierung entschied, dass die gymnasiale Oberstufe zwei statt drei Jahre dauern sollte. Nach dem Regierungswechsel von 2005 verlagerten CDU und FDP die Verkürzung dann aber von der Oberstufe auf die Sekundarstufe. Schon bald beschwerten sich Schüler, Eltern und Lehrer über den verdichteten Lehrplan und zu viel Nachmittagsunterricht. Der VBE nimmt die Dollase-Umfragen nun zum Anlass, an diesen Kardinalfehler zu erinnern. Abermals fordert der Verband, die Sekundarstufe I wieder von fünf auf sechs Jahre zu verlängern. Dies würde den Kindern mehr Zeit und obendrein auch deutlich bessere Möglichkeiten eines Schulformwechsels in der Sekundarstufe I verschaffen, argumentiert der Verband.

          Furcht vor dem Hin und Her

          Im Sommer 2010 kam es in Nordrhein-Westfalen zu einem Machtwechsel zurück zu Rot-Grün. In ihrer Funktion als Fraktionsvorsitzende der Grünen hatte Löhrmann G8 noch abgelehnt. Als sie nun Schulministerin wurde, bot sie allen mehr als 600 nordrhein-westfälischen Gymnasien an, im Rahmen eines Schulversuchs zu G9 zurückzukehren oder G8 und G9 parallel laufen zu lassen. Nur gut ein Dutzend Gymnasien entschied, an Löhrmanns Versuch teilzunehmen. Das hatte mit der an den Schulen auch heute noch weit verbreiteten Befürchtung zu tun, ein Hin und Her bringe mehr Unruhe als Nutzen. Es hing aber auch damit zusammen, dass Löhrmann den Gymnasien nur eine sehr kurze Bedenk- und Diskussionszeit gegeben hatte. Die Ministerin machte das Votum dennoch zur Grundlage ihrer Positionierung. Seither ist Löhrmann überzeugt, dass G8 „optimiert“ werden soll. Denn man dürfe nicht alle paar Jahre das ganze System auf den Kopf stellen.

          Freilich scheint die ehemalige Gymnasial- und Gesamtschullehrerin G8 heute auch als Instrument für ihre langfristigen schulpolitischen Ziele zu schätzen. Die Ministerin ist überzeugt, dass eine „Schule für alle“ die beste Schule ist. Dass ein Nebeneffekt der Debatte über das Turbo-Abitur der Gesamtschul-Gründungsboom ist, dürfte also ganz in ihrem Sinn sein. Jedenfalls weist sie in der Debatte über G8 immer wieder darauf hin, dass Eltern und Schüler doch die Wahl hätten: Während man an Gymnasien das Abitur nach 12 Jahren erreicht, führen (neben Berufskollegs und Sekundarschulen) die Gesamtschulen die Jugendlichen nach 13 Jahren zur allgemeinen Hochschulreife. Laut Dollase-Umfrage ist die Gesamtschule bei den Befragten allerdings noch weit unbeliebter als G8 - lediglich zwei Prozent sehen in ihr eine Alternative zum Turbo-Abitur.

          Im November 2014 schien die G-Frage in Nordrhein-Westfalen geklärt zu sein. Damals sprach sich der „runde Tisch“ mit großer Mehrheit dafür aus, am G8-System festzuhalten, es aber gründlich zu überarbeiten. Vereinzelt kritisierten damals schon Teilnehmer das Zustandekommen dieses Votums. Die damalige Führung der Landeselternschaft der Gymnasien votierte seinerzeit aber für G8. Die G9-Aktivisten um Hohenstein, die ebenfalls an den Gesprächen teilgenommen hatten, ließen sich davon nicht entmutigen. Ihnen gelang es in kurzer Zeit, 100000 Unterschriften für eine Volksinitiative zu sammeln. Der Landtag musste sich abermals mit der Sache befassen, abermals lehnte das Parlament im Frühjahr 2015 eine Rückkehr zu G9 mit breiter Mehrheit ab.

          „Wenn G8 scheitern sollte, müssen wir entsprechende Antworten finden“

          Bei den Sozialdemokraten hinterließen die vielen Unterschriften aber doch einen nachhaltigen Eindruck. Im vergangenen Sommer erinnerte die schulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Eva-Maria Voigt-Küppers, in einem Interview daran, dass die Schulpolitik zu den zentralen Wahlkampfthemen zählt. Offen sprach sie von einem Plan B: „Wenn G8 scheitern sollte, müssen wir entsprechende Antworten finden.“ Damals beeilte sich der SPD-Fraktionschef, die Worte Voigt-Küppers’ wieder einzufangen, um den Koalitionsfrieden nicht zu gefährden. Nach dem Dollase-Schock scheint das nun wieder die oberste Maxime zu sein. „Wichtig ist jetzt, keine Schnellschüsse zu machen. Wir müssen den guten Dialog des runden Tischs fortführen“, sagt Voigt- Küppers. Es sind dieselben Worte, die Löhrmann verwendet.

          Wie die Ministerin wollen sich auch Voigt-Küppers und ihre schulpolitischen Kollegen von den Grünen demnächst mit Umfrage-Autor Dollase und der Spitze der Landeselternschaft treffen. Der Wissenschaftler will dann eine umfassende Studie vorlegen, die er derzeit auf der Grundlage seiner Umfrage verfasst. Einfach so weiterzumachen wie bisher scheint für die zunehmend nervösen Sozialdemokraten unmöglich zu sein.

          Ministerin Löhrmann, die bei der Landtagswahl 2017 als Spitzenkandidatin der Grünen antreten will, steht ebenfalls vor einem strategischen Dilemma. Denn wie bei den Anhängern der SPD gibt es auch unter Grünen viele G8-Skeptiker.

          Einstweilen hofft Löhrmann, das Thema vertagen zu können. Die Gymnasien hätten die Weiterentwicklung von G8 mit großem Engagement angenommen, sagt die Ministerin im Gespräch mit dieser Zeitung. Der Prozess benötige nun Zeit, „und es ist auch ein Gebot der Fairness, dass wir sie den Gymnasien auch einräumen - mit dem Ziel, dass die Schülerinnen und Schüler Schritt für Schritt entlastet werden“. Im Mittelpunkt müsse die „Qualität des Lernens aus Schülersicht“ stehen. „Das möchte ich unter keinen Umständen durch überhastete Strukturveränderungen gefährden.“ Im kommenden Schuljahr werde evaluiert. „Wenn das Ergebnis dieser Untersuchung vorliegt, hat die nächste Landesregierung eine gute Beratungsgrundlage.“

          Das Anliegen wird wohl in den Wahlkampf getragen

          Die Piraten werfen der Landesregierung vor, sich vor einer Entscheidung zu drücken. Nichts ändere das von Rot-Grün aufgelegte „Erleichterungsprogramm“ an der grundlegenden Kritik, sagt die bildungspolitische Sprecherin der Piraten, Monika Pieper. „Die strukturellen Probleme können damit nicht behoben werden. Da braucht es auch keine Evaluation.“ Rot-Grün müsse den Elternwillen ernst nehmen, statt zu versuchen, das Thema in die nächste Legislaturperiode zu verschieben, um es aus dem kommenden Wahlkampf herauszuhalten. „Das wird nicht gelingen“, prophezeit Pieper.

          Die G9-Aktivisten um Marcus Hohenstein sind jedenfalls entschlossen, ihr Anliegen in den Wahlkampf zu tragen - mit einem Volksbegehren. Die CDU hat noch nicht entschieden, ob sie es unterstützen wird. Oppositionsführer Laschet scheut die Zuspitzung auf das eine Thema Turbo-Abitur. Er möchte im Wahlkampf lieber die gesamte rot-grüne Schulpolitik als „Problemthema“ darstellen. Auch der CDU-Vorsitzende weiß, dass es ein „G9 wie früher“ nicht geben kann. Zu sehr hat sich das System schon verändert - etwa durch die Einführung von Ganztagsangeboten. Es sei gründlich abzuwägen zwischen dem Wunsch, dass Schulen in Ruhe arbeiten können einerseits, und der durch eine Rückkehr zu G9 zwangsläufig verursachten Unruhe andererseits, sagt Laschet. „Neue Lehrpläne und neue Schulbücher, aber eben auch der an 165 Gymnasien eingeführte Ganztag sind hierbei nur einige Beispiele.“ Zudem kennt Laschet die Furcht des Philologenverbands NRW, bei einer Rückkehr zu G9 oder einer Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 könnten immer mehr Kommunen dazu übergehen, die Oberstufen von Gymnasien und Gesamtschulen zusammenzulegen. Die G8/G9-Konfliktlage ist hochkomplex. Einfache Lösungen gibt es nicht.

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