15.01.2008 · Lange war das Abitur der Schlüssel zu den Hochschulen. Jetzt will die Bundesregierung die Unis stärker für Berufstätige öffnen. Noch aber ist die Rechtslage sehr unübersichtlich.
Von Sven Astheimer und Sebastian BalzterDen Bruch in ihrer Bildungsbiographie hat Anette Göbel selbst verursacht. 39 Jahre war sie alt, als sie sich für ein Studium entschied. "In meiner Lebensplanung war das lange Zeit ganz sicher nicht vorgesehen", beschreibt sie die Vorgeschichte dieser Entscheidung. Nach der mittleren Reife hatte sie eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin gemacht, war berufstätig bis zur Geburt ihres zweiten Kindes, widmete sich danach sieben Jahre ganz ihrer Familie.
Zum Sommersemester 2002 dann schreibt sie sich an der Universität Siegen für Sozialpädagogik ein und legt dort schon viereinhalb Jahre später ihre Diplomprüfung ab. Jetzt absolviert sie ihr Anerkennungsjahr im Büro der Gleichstellungsbeauftragten der Universität.
"Das Studium war für mich ein tolles Sprungbrett", sagt sie heute, hörbar zufrieden mit ihrem "dritten Bildungsweg" - statt zum nachgeholten Regelschulabschluss, zu dem Erwachsene auf dem Zweiten Bildungsweg gelangen, führte er sie zum Hochschulexamen.
Studenten ohne Abitur sind Exoten
In Deutschland kommen dorthin auf diese Weise nur sehr wenige Frauen und Männer: Das Statistische Bundesamt zählte im Wintersemester 2006/07 ganze 9700 "Beruflich Qualifizierte" an Deutschlands Hochschulen - knapp 0,8 Prozent aller Studenten.
Auf diesem Niveau dümpelt die Quote schon seit Jahren, Studenten ohne schulische Hochschulreife sind Exoten. Geht es nach den Plänen der Bundesregierung, dann soll sich das bald ändern. Am Mittwoch hat das Kabinett eine "Qualifizierungsinitiative" beschlossen, als Antwort auf die Lage am Arbeitsmarkt für Hochqualifizierte: Bis 2014, so steht es in dem Papier, könnten Deutschland eine halbe Million Akademiker fehlen.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) fordert deshalb mehr Durchlässigkeit im Bildungswesen: "Wer Mechatroniker ist und genügend Berufserfahrung gesammelt hat, der muss auch die Chance erhalten, eine Hochschule zu besuchen." Die Botschaft aus Berlin hört Joachim Koch-Bantz wohl, allein ihm fehlt der rechte Glaube daran. "Papier ist geduldig", sagt der Referatsleiter für Hochschulpolitik im DGB-Bundesvorstand zu den Plänen aus dem Ministerium.
„Wir sind noch keinen Schritt weiter“
Die dreijährige duale Ausbildung sollte gleichwertig mit der Hochschulreife sein, das fordern die Gewerkschaften seit je. Auf eine entsprechende Empfehlung an die Regierung habe sich auch der Bundesausschuss für berufliche Bildung geeinigt - anno 1976. "Wir sind noch keinen Schritt weiter", zieht Koch-Bantz nach gut 30 Jahren Bilanz. Am Widerstand der akademischen Berufsverbände und der Hochschulen seien alle Bemühungen gescheitert.
Doch jetzt spielt den Reformern außer der demographischen Entwicklung und dem Bologna-Prozess, der die Praxisrelevanz des Hochschulstudiums stärken soll, auch der Fachkräftemangel in die Karten - und damit haben sie die Unternehmen auf ihrer Seite. Der deutschen Volkswirtschaft gingen 2006 fast 20 Milliarden Euro an Wertschöpfung oder 0,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verloren, weil offene Stellen nicht besetzt werden konnten.
Kein Wunder, dass Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) an Länder und Hochschulen appelliert, "das Bildungssystem durchlässiger zu gestalten". Auch Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) will mehr Studenten ohne Abitur an die Hochschulen zu bringen. "So können wir kurzfristig etwas gegen den Fachkräftemangel tun", hofft er. Vor allem geht es um die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, nach denen die gefragten Mint-Qualifikationen benannt sind.
Aufstiegsstipendien für 1000 Nichtabiturienten
Aber auch in vielen anderen Fächern ist der Nachwuchsmangel programmiert. Die OECD hat in ihrer Studie "Bildung auf einen Blick" festgestellt, dass nur 20 Prozent eines Jahrgangs in Deutschland einen akademischen Abschluss erreichen, im OECD-Durchschnitt sind es 36 Prozent. Die große Koalition will die Quote steigern, im Hochschulpakt finanziert sie zusammen mit den Ländern 90 000 zusätzliche Studienplätze.
Um gezielt den Anteil der Nichtabiturienten in den Hörsälen zu erhöhen, setzt das Bildungsministerium auf ein neues "Aufstiegsstipendium" in Höhe von 650 Euro je Monat, das unabhängig vom Einkommen der Eltern gezahlt werden soll; die Bezieher müssen es später auch nicht zurückzahlen. Starten soll das Programm schon in diesem Jahr mit zunächst rund 1000 Teilnehmern, später ist eine Erweiterung auf rund 3000 geplant. Außerdem soll ein Wettbewerb die Hochschulen dazu anregen, ihre Angebote zur wissenschaftlichen Weiterbildung von Berufstätigen zu verbessern.
Arbeitgeber, Wirtschaftsverbände und Kammern wollen die Regierung dabei unterstützen. Denn auch sie haben bislang gute Erfahrungen mit Studenten ohne schulische Hochschulreife gemacht. In Untersuchungen seien keine Leistungsunterschiede erkennbar gewesen, sagt Irene Seling, Bildungsexpertin der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände.
Unübersichtliche Hochschulszene
Wer praktische Berufserfahrung habe, besitze oft eine höhere Motivation für ein Studium. Weitere Aspekte fügt Anette Göbel hinzu: "Ich habe sehr gezielt und strategisch studiert, schon wegen meines Alters. Und ich hatte den Eindruck, einen besseren Überblick als die jüngeren Kommilitonen zu haben", berichtet sie. "Dafür hatten diese vielleicht Vorteile im kognitiven Bereich."
Die Arbeitgeberverbände hoffen, dass sich von den rund 500 000 Absolventen einer beruflichen Ausbildung im Jahr mittelfristig rund ein Fünftel für ein Studium entscheiden werden. Dass dieses Ziel noch in sehr weiter Ferne liegt, dürfte nicht zuletzt an der rechtlichen Unübersichtlichkeit liegen: Der Hochschulzugang ist von Land zu Land, in manchen Fällen sogar von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich geregelt.
Die "synoptische Darstellung" der einschlägigen Paragraphen, den die Kultusministerkonferenz zusammengestellt hat, ist 40 dichtbedruckte Seiten stark - von Mindestalter und Propädeutika, Notenschnitt und dem Nachweis besonderer Kenntnisse, von Ergänzungs- und Einstufungsprüfungen ist darin die Rede. Auf viele wirkt das abschreckend. "Die Informationslage ist unglaublich komplex", räumt Achim Meyer von der Heyde, der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, ein. "Viele Bewerber wissen gar nicht, dass sie ohne Abitur überhaupt studieren können - und wenn doch, dann wissen sie nicht, wie und wo konkret das geht."
Deutsche Zeugnisgläubigkeit
Handwerksmeister etwa, die sehr oft besagte Mint-Qualifikationen mitbringen, müssen in Hamburg ein Beratungsgespräch absolvieren, in Bayern und Thüringen zunächst eine Probephase überstehen, ehe sie zu einem ihrer Vorbildung entsprechenden Studiengang zugelassen werden. "Nur in Hessen und Niedersachsen haben Handwerksmeister einen uneingeschränkten und allgemeinen Hochschulzugang", sagt Hanns-Eberhard Schleyer, der Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks.
"Das Abitur darf nicht der Königsweg zur akademischen Bildung sein", kritisiert er die seiner Meinung nach weit verbreitete Zeugnisgläubigkeit. In vielen Regionen müssten die Vorbehalte gegenüber Studierwilligen ohne formale Hochschulreife aber noch abgebaut werden.
Diese Vorbehalte äußern sich freilich kaum in offener Kritik an den Reformplänen. Sie zeigen sich eher in den Verzögerungs- und Verwässerungstaktiken, den Befindlichkeiten und Verhandlungssackgassen des Bildungsföderalismus - wie sonst etwa wären die in manchen Bundesländern gültigen Regelungen zu begründen, nach denen Berufstätige erst dann ein Studium aufnehmen dürfen, wenn sie mindestens drei Jahre in dem betroffenen Land gewohnt haben?
Gleich ins zweite Semester einsteigen
Ein weiteres Beispiel: Das Netzwerk "Wege ins Studium" ist eine zentrale Anlaufstelle für Berufstätige mit Studieninteresse. Ihm gehören die Agentur für Arbeit, der Bundeselternrat, das Bildungsministerium, das Deutsche Studentenwerk, die Hochschulrektorenkonferenz und der DGB an - die Kultusminister der Länder aber, die über die Regelung des Hochschulzugangs letzten Endes zu entscheiden haben, kooperieren nur fallweise.
Umstritten ist so auch noch, wie beruflich erworbene Kompetenzen im Studium angerechnet werden. Auch dazu läuft derzeit eine Initiative des Bildungsministeriums, "Ankom" ist der Projekttitel. In Anette Göbels Fall war es so: Nach mündlichen und schriftlichen Eingangsprüfungen in Psychologie, Recht und Erziehungswissenschaften konnte sie sich das erste Fachsemester sparen und gleich ins zweite einsteigen.
An ihrem Bildungsziel endgültig angekommen aber glaubt sie sich auch nach dem Diplom noch nicht. "Ich bin gespannt, was da noch kommt." Das gilt auch auf anderer Ebene: Im Herbst wollen die Regierungschefs aus Bund und Ländern im Einzelnen erklären, wie aus der Qualifizierungsinitiative mehr als ein Papiertiger werden soll.
Ohne Abi studieren?
Michael Retz (MRetz)
- 15.01.2008, 11:31 Uhr
Ohne Abi studieren?
Michael Retz (MRetz)
- 15.01.2008, 11:31 Uhr
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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