15.02.2007 · Der Doktortitel zahlt sich nicht immer aus: Auf der Vorstandsebene und in der exklusiven Wirtschaftsberatung ist er förderlich, in der Chemie erforderlich. Doch selbst Ärzte kommen längst ohne Promotion aus.
Von Josefine JanertAls Gymnasiast besuchte Marcus Kottmann einen Leistungskurs in Chemie. "Ich wollte nach dem Studium ins Management eines Unternehmens einsteigen", sagt der 37-jährige. Die Chemie begeisterte ihn, doch schon bald stand für ihn fest: Monatelang im Labor zu forschen und dabei weitgehend auf sich gestellt zu sein, ist seine Sache nicht. Daher gehört Kottmann zu den wenigen Chemikern seines Jahrgangs, die nach dem Diplom nicht promovierten. Statt dessen schrieb er sich an der Ruhr-Universität Bochum für das Fach Arbeitswissenschaft ein. Nur etwa jede zehnte Chemiker verzichtet auf die Dissertation. Jobs gibt es trotzdem - etwa bei Firmen, die Software für die Chemieindustrie entwickeln, im Marketing von Lebensmittelkonzernen oder in der IT-Beratung. Berufseinsteiger ohne Doktortitel haben sogar "den Vorteil, dass sie jünger sind als ihre Fachkollegen, die erst noch drei bis dreieinhalb Jahre in eine Promotion investieren", sagt Karin Schmitz von der Gesellschaft Deutscher Chemiker. In kaum einem anderen Fach findet man prozentual gesehen so viele Promovierte wie in der Chemie. Das liege daran, dass viele Absolventen ihre Karriere traditionell in den Forschungsabteilungen der Chemiebetriebe begännen, erklärt Schmitz. Für diese Arbeit benötigen sie tatsächlich eine wissenschaftliche Ausbildung. Aber die liegt nicht jedem - siehe Marcus Kottmann.
Doktortitel hilft auf den Chefsessel
Lohnt sich ein Doktortitel? Von der Chemie einmal abgesehen, ist er nur in wenigen Bereichen ausdrücklich erforderlich. Selbst Ärzte, die früher fast alle eine Promotion begannen, geben sich inzwischen ohne zufrieden. Laut Statistischem Bundesamt reichten im Jahr 2005 immerhin noch knapp 7200 Human- und tausend Zahnmediziner eine Promotion ein. Insgesamt waren in diesem Jahr deutschlandweit 26.000 Dissertationen erfolgreich.
Ob sie sich auf dem Arbeitsmarkt auszahlen, hängt vor allem von der Branche und der Position ab, die der Bewerber anstrebt. Wer Professor an einer Hochschule werden will, wissenschaftlicher Archivar oder Museumsdirektor - der braucht eine Promotion. Außerdem kann sie "in der exklusiven Wirtschaftsberatung und auf Vorstandsebene von Vorteil sein", meint Adecco-Sprecherin Tanja Siegmund. Der Personaldienstleister besetzte im vergangenen Jahr rund 10 000 Stellen, ein Drittel davon mit Hochqualifizierten. "Nur ein geringer Teil davon war promoviert", sagt Siegmund.
Auf die Frage, ob sie gezielt nach Bewerbern mit einem "Dr." vor dem Namen suchen, winken manche Personalverantwortliche ab. Die Persönlichkeit entscheide, nicht der Titel, meint Marion Dressler von der Deutschen Bank. "Wer promoviert ist, bekommt auch nicht automatisch mehr Geld", sagt sie. Die Dissertation sei allerdings "sehr willkommen, wenn ein besonderer fachlicher Bezug besteht". Vor oder während der Arbeit an der Dissertation Kontakt zu einem Unternehmen aufbauen - das ist überhaupt die beste Möglichkeit, um rasch den Einstieg ins Berufsleben zu finden. Denn wer sich für drei oder vier Jahre hinter dem Schreibtisch oder im Labor vergräbt, verliert oft den Anschluss.
Für IT-Fachleute kein Muss
Für Geistes- und Sozialwissenschaftler ist diese Phase womöglich noch gefährlicher als für andere, denn ihr Studium gilt ohnehin als wenig berufsbezogen. "Trotzdem lohnt sich die Promotion als subjektives Bildungserlebnis, wenn man sich dadurch persönlich herausgefordert fühlt", sagt Ulrike Job. Sie leitet an der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Hamburg die "Arbeitsstelle Studium und Beruf". "Aus wirtschaftlicher Sicht bringt sie einen meist wenig voran, da man sich für mehrere Jahre dem Arbeitsmarkt entzieht", sagt die promovierte Sprachwissenschaftlerin. "Während man an der Dissertation arbeitet, kann man in der Regel höchstens eine halbe Stelle besetzen."
Abgesehen von Chemie und Biologie gibt es bei den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern recht wenig Promotionen. "Außer in der Forschung ist sie für IT-Fachleute auch kein Muss", sagt Stephan Pfisterer von Bitkom, dem Branchenverband der Informationswirtschaft. In den Vertriebsabteilungen werde der Titel sogar "oft eher als sperrig und hinderlich angesehen". Im der IT-Beratung könne sie hingegen "den Aufstieg sinnvoll unterstützen und damit auch zu einem höheren Einkommen beitragen", meint Pfisterer. Allerdings dürften Berufsanfänger nicht damit rechnen, dass ihnen wegen des Titels sofort ein wesentlich höheres Gehalt gezahlt werde.
Der Arbeitsmarkt für Ingenieure ist zur Zeit so gut, dass "viele Hochschulen sogar Probleme haben, ihre Doktorandenstellen zu besetzen", sagt Antje Lienert vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Auch hier gilt: Wer forschen will, sollte eine Doktorarbeit schreiben. Im Jahr 2005 haben laut Statistischem Bundesamt 40 000 Personen ihr Ingenieurstudium erfolgreich beendet; nur 2300 promovierten. Viele Arbeiten wurden im Bereich Maschinenbau und Verfahrenstechnik eingereicht. Er zieht auch die meisten Studienanfänger an. Mit 46 059 Euro im Jahr kann ein junger Ingenieur rechnen. Für den Doktor gibt es rund 10 000 Euro extra. "Die Differenz relativiert sich jedoch im Lauf der Karriere", heißt es in einem Papier des VDI.
Auf Top-Ebene zahlt sich der Titel aus
Ganz gleich, was sie studiert hat: Ist die Führungskraft erst einmal auf der ersten Leitungsebene angekommen, hat also eine Stelle direkt unterhalb der Geschäftsführung, zahlt sich der Doktortitel finanziell dauerhaft aus. Laut der Vergütungsstudie der Unternehmensberatung Kienbaum über Leitende Angestellte bekommt ein Universitätsabsolvent mit Promotion 144.000 Euro im Jahr, ohne Doktor nur 131.000 Euro.
Wohl in allen Fächern ist es sinnvoll, unmittelbar nach dem Studium zu promovieren. Im Jahr 2005 wählten 87 Prozent aller frisch diplomierten Chemiker diesen Weg. Wer seine Doktorarbeit in späteren Jahren und berufsbegleitend schreibt, "muss erst einmal den Kontakt zur Universität wiederherstellen und einen Betreuer finden", sagt Karin Schmitz von der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Das ist nicht immer einfach, zumal viele Akademiker dann auch schon eine Familie gegründet haben. Vermutlich wird Marcus Kottmann im Fach Chemie keine Dissertation mehr einreichen. Immerhin hat er ein zweites Diplom - als Arbeitswissenschaftler. An der Ruhr-Universität Bochum hält er Seminare über Managementtheorien. Auch das Chemieexamen nütze ihm dabei, sagt Kottmann: "Gelegentlich rede ich mit Vertretern der Pharmaindustrie. Die akzeptieren mich, denn ich spreche ihre Sprache."