13.02.2008 · Der Bachelor-Abschluss ist nicht in Bologna erfunden worden. Es gibt ihn im Original: Was deutsche Universitäten sich vor einer Studienreform besser angeschaut hätten - ein Erfahrungsbericht aus der McGill Universität in Kanada.
Von Kilian TrotierLässt man die großen Bildungsdebatten der vergangenen Jahre in Deutschland Revue passieren, drängt sich unweigerlich der Eindruck auf, der Bachelor sei in Bologna erfunden worden. Seitdem 1999 die für die Hochschulen zuständigen Minister der europäischen Länder in der altehrwürdigen italienischen Universitätsstadt die bislang umfassendsten Hochschulreformen der abendländischen Geschichte auf den Weg gebracht haben, stehen die Reformschrauben in Deutschland nicht still - und der Bachelor ist immer und überall nur mit seinem Zwillingsbruder "Bologna-Prozess" anzutreffen.
Das ist aber nur aus inländischer Perspektive so. Wie viele andere Studenten aus meiner Generation habe ich zwei Semester an einer ausländischen Hochschule verbracht. Ich habe gehört, dass sich dieser Schritt während des Bachelor-Studiums nicht unerheblich erschwert, aber das ist eine andere Geschichte. Mein Ziel war die McGill University, Montreal, Kanada.
Debatten über Sinn oder Unsinn gibt es nicht
Der Bachelor ist an der McGill-Universität ungefähr ähnlich selbstverständlich wie die beiden Sprachen in der Stadt. Er existiert, und niemand stellt dies ernsthaft in Frage. Seit der Gründung der Universität im Jahr 1821 werden die Studenten durch das zweigestufte Studiensystem geschleust. Debatten über den Sinn oder den Unsinn der Bachelor- und Masterordnung gibt es nicht. Der angenehme Effekt der routinierten Unaufgeregtheit ist, dass all die Ressourcen, die an den deutschen Universitäten derzeit noch durch die Umstrukturierungen gebunden werden, direkt den Studenten zugutekommen.
Was das konkret bedeutet, ist ebenso simpel wie erholsam für einen im Systemumbau gefangenen deutschen Studenten. Keine Neuerungswellen überrollen die Studenten noch kurz vor Semesterbeginn, keine frisch programmierten Computersysteme werden hektisch in letzter Minute installiert. Stattdessen mahlen die Universitätsmühlen zwar nicht immer in der Geschwindigkeit, die sich die Studenten am liebsten wünschen, aber beharrlich nach altbewährtem Muster.
Nun ist die Tatsache, dass sich die Universität gerade nicht in einem tiefgreifenden Umbau befindet, noch kein Gütesiegel an sich. Diese Situation mag zwar eine für mich neue und damit gleichsam wohltuende Erfahrung gewesen sein, sie soll aber nicht den Blick auf das eigentliche wissenschaftliche Konzept der McGill-Universität verstellen.
Bachelor gehört seit 150 Jahren zum Inventar
Wie also sieht der Bachelor an einer Hochschule aus, an der er seit rund einhundertfünfzig Jahren zum festen Inventar gehört? Mit vier Jahren dauert das Regelstudium bis zum ersten berufsqualifizierenden Abschluss ein Jahr länger als in Deutschland. Die Studenten müssen insgesamt 120 Credit Points in wenigstens einem Haupt- und einem Nebenfach sammeln. Die an deutschen Universitäten neu installierten "soft skills", die den Studenten Handwerkszeug für die berufliche Zukunft vermitteln sollen, tauchen hier auf keinem Stundenplan auf. Die dadurch gewonnene Zeit wird allein durch das Fachstudium in Anspruch genommen.
Vier Kurse muss jeder Vollzeitstudent pro Semester belegen, fünf werden empfohlen. Wer sich mehr zutraut, kann sich gleich zu Beginn seines Studiums für das "honors program" einschreiben. Die Studenten legen darin ihren Studienschwerpunkt eindeutig auf einen Fachbereich und belegen in diesem überdurchschnittlich viele Kurse. Noten, die schlechter sind als B minus, was in Deutschland einer 2,7 entspricht, werden im "honors program" nicht angerechnet. Wer viel erreichen möchte, hat mithin die Möglichkeit dazu, er muss nur dementsprechend mehr Kurse unter höherem Leistungsdruck bestehen. Als Lohn winkt nach einem sehr guten Bachelor der direkte Sprung auf die Doktorandenebene. Ein Master ist dann nicht mehr vonnöten.
Studiren im „multi-track system“
Allein wegen der unterschiedlichen Anforderungsprofile - das englische Zauberwort dafür heißt "multi-track system" - existiert an der McGill University keine im Gleichschritt zum Bachelor marschierende Studentenkohorte. Jeder Student muss zwar ein Mindestmaß an Credit Points erlangen, alle weiteren Ambitionen werden hier aber konstruktiv gefördert und nicht unterdrückt. Dazu gehört auch das Engagement außerhalb des eigentlichen Studiums. Die Identifikation mit der eigenen Universität ist wie an fast allen amerikanischen Hochschulen deutlich höher als in Deutschland. Ein Wechsel der Universität während des Studiums? An der McGill-Universität ein Ereignis mit hohem Seltenheitswert. Hobbys wie Theater, Musik und vor allem Sport werden allesamt im universitären Rahmen ausgelebt, integriert in einen schon sehr eng gesteckten Stundenplan.
Dieses Engagement für und in der Universität mag auch im Auswahlverfahren der Studenten begründet sein,. Bewerben sie sich doch allesamt mit großem Aufwand an der Universität und empfinden es daher eher als Ehre denn als Pflicht, an dieser Hochschule studieren zu dürfen. Die finanzielle Komponente trägt sicherlich ebenso zur engen Verbundenheit der Studenten mit ihrer Universität bei. Da die Regionalregierung die Universität dazu verpflichtet, den Studenten aus Québec ein möglichst günstiges Studium zu offerieren, können diese für den niedrigen Betrag von 1668 Dollar pro Jahr studieren. Aus anderen Regionen stammende Kanadier und internationale Studenten müssen hingegen tiefer in die Tasche greifen: Während Nicht-Québécois aus Kanada 5000 bis 6000 Dollar aufbringen müssen, bezahlen ausländische Studenten, die fast zwanzig Prozent aller Studierenden ausmachen, je nach Programm gar 12 000 bis 15 000 Dollar für ein Jahr. Damit ist das Studium an der McGill-Universität zwar günstiger als an vielen US-Eliteuniversitäten, ohne ein Stipendium kann der Betrag gerade für ausländische Studenten jedoch häufig nur schwer gestemmt werden.
Ein Malus: Druck durch die finanzielle Belastung
Die Konsequenz: Wer derart in sein Studium investiert, hat ein gesteigertes Interesse daran, die bestmögliche Ausbildung für seinen späteren Lebensweg zu erhalten. Der Druck, der durch die finanzielle Belastung aufgebaut wird, ist die negative Seite der Medaille. Im normalen, häufig auch an der Oberfläche verharrenden Universitätsalltag ist davon jedoch nur wenig zu spüren. Auffällig ist vielmehr die Zielstrebigkeit, mit der die Studenten ans Werk gehen. Wer hier anfängt zu schludern, kommt nicht einmal bis ans Ende des ersten Semesters. Das merkten auch wir ausländischen Studenten schnell.
Vier Kurse habe ich in meinem ersten Semester gewählt: zwei in Geschichte, einen in deutscher Literatur und einen in Catholic Studies. An meiner deutschen Universität hatte ich bis dahin immer mehr Seminare und Vorlesungen belegt, aber der Arbeitsaufwand - und das wird bereits bei der Vergabe der Semesterpläne deutlich - ist nicht zu vergleichen. Mein erster Kurs war eine "Einführung in die europäische Geschichte". Die Anforderungen: Teilnahme an Tutorien (Bewertung der mündlichen Leistungen: zehn Prozent der Endnote), Analyse eines Essays (fünfzehn Prozent), Hausarbeit mit zuvor einzureichender kommentierter Bibliographie und einem Vorgehenskonzept (vierzig Prozent) und ein Schlussexamen (35 Prozent), das sich als eine Art zweite Hausarbeit über zehn Seiten entpuppte.
Die Profile der anderen drei Kurse sahen nicht viel anders aus. Bis auf die abschließenden Examina mussten alle Anforderungen während der Zeit von drei Monaten, länger dauert ein Semester nicht, erfüllt werden - jede Arbeit war an einem von Beginn an feststehenden Datum abzugeben. Zeitmanagement lernt man so automatisch, auch ohne ein zusätzliches Seminar im Bereich der "soft skills".
An der McGill-Universität werden alle Kurse pro Woche dreistündig unterrichtet, und allein durch diese Intensität ist es möglich, in einem Semester in der "Einführung in die deutsche Literatur" eine Vielzahl von Werken zu behandeln, von Novalis' "Hymnen an die Nacht", E. T. A Hoffmans "Sandmann" und Büchners "Woyzeck" über Fontanes "Effi Briest" und Thomas Manns "Tod in Venedig" bis zu Gedichten von Eichendorff, Rilke und aus der Trümmerliteratur. Ein wahrer Parforceritt durch die Epochen. Zeit zum Luftholen bleibt da nur wenig.
Vom Überblickswissen ins Spezielle
Mit akribischem und langatmigem wissenschaftlichen Arbeiten, wie es bereits im ersten Semester eines Magisterstudiums gelehrt wird, hat das nichts zu tun. Dergleichen strebt die McGill-Universität aber auch gar nicht an. Sie verfolgt vielmehr ein Konzept, das vom Überblickswissen ins Spezielle geht, von den Zusammenhängen zu den Feinheiten des jeweiligen Studieninhalts. In Geschichte wird daher anstelle eines selbst zusammengestellten Flickenteppichs aus kleinen Häppchen der Weltgeschichte zunächst eine generelle Übersicht geboten, bevor es in die Tiefen einzelner historischer Ereignisse geht. Mein Programm lautete diesem Schema folgend: Einführung in die europäische Geschichte bis zur Renaissance, internationale Beziehungen von 1750 bis 1950 und der Zweite Weltkrieg, Letzteres bei Peter Hoffmann, dem Verfasser der Standardbiographie über Claus Schenk Graf von Stauffenberg.
Hausarbeiten, in denen nur Sekundärliteratur zusammengetragen und wiedergegeben wird, gelten als unzureichend. Eine selbständig erarbeitete These ist hingegen mehr als die halbe Miete. Mit dieser im Rücken kann man es dann schon einmal bei nur drei oder vier Literaturverweisen belassen. Das Studenten-Professoren-Verhältnis verbessert sich mit fortschreitender Studierdauer merklich. Sitzen in den großen Einführungsveranstaltungen noch zweihundert Studenten in den Hörsälen, reduziert sich die Zahl schnell um ein Zehnfaches. Meinen zweiten Catholic-Studies-Kurs habe ich mit fünf Kommilitonen bestritten.
Anspruchsvoller Unterricht in kleinen Gruppen
Das Konzept der McGill-Universität ist damit umrissen: intellektuell anspruchsvoller Unterricht in möglichst kleinen Gruppen, hohe Leistungsstandards, um das Potential der Studenten voll auszuschöpfen, und eine breitgefächerte Allgemeinbildung als Grundlage für die folgende Vertiefungsphase. Man mag nun einwenden, dass sich ein ähnliches Vokabular auch in nahezu jeder Sonntagsrede deutscher Universitätspräsidenten über das neu installierte Bachelor- und Mastersystem wiederfindet. Das stimmt sicherlich, und vielleicht erreichen die einheimischen Hochschulen trotz der bekannten Kinderkrankheiten in naher Zukunft ja auch wirklich diese Qualitätskriterien.
Daran gezweifelt werden darf aber dennoch, denn ein, wenn nicht gar der entscheidende Unterschied bleibt weiterhin bestehen. Wer an der McGill-Universität eine hervorragende akademische Ausbildung genießen will, muss dafür bezahlen (oder jemanden finden, der dies für ihn tut). Erst das finanzielle Rückgrat ermöglicht Rahmenbedingungen, die Studenten das ideale Umfeld für die Entfaltung ihrer Talente bietet. Diese Grundvoraussetzung mag man beklagen. Ändern wird sie sich dadurch aber nicht.