07.11.2007 · Notwendig oder nicht? An juristischen Repetitorien scheiden sich die Geister. Einige Professoren halten sie für überflüssig, viele Studenten glauben, nicht auf sie verzichten zu können.
Von Michael WittershagenRespekt haben sie alle, Respekt vor dem Examen. Deshalb kommen sie an drei Tagen in der Woche in diesen kleinen Seminarraum an der Zeil. „Jura Intensiv“, steht unten neben dem Eingang, über eine breite Wendeltreppe geht es drei Stockwerke nach oben. Auf den Tischen liegen Gesetzestexte und Kommentare, daneben Blöcke und Stifte. Die Studenten wollen Strukturen schaffen, dort wo Unordnung ist, wollen Gesetze verstehen und lernen, wie man sie anwendet. „In der Uni lernen sie das in der Regel nicht, weil die Professoren zumeist viel zu abstrakt unterrichten“, sagt Dirk Schweinberger. Seit zwölf Jahren arbeitet der Achtunddreißigjährige als Repetitor und bereitet angehende Juristen auf die erste und zweite Staatsprüfung vor.
In der letzten Reihe, direkt vor dem Fenster, sitzt Daniel von Gierke. Er studiert im zehnten Semester Rechtswissenschaft an der Frankfurter Universität. Er wisse noch nicht, wo er später einmal arbeiten wolle, sagt der Sechsundzwanzigjährige. Vielleicht in einer kleinen Kanzlei, vielleicht versuche er sich auch als Quereinsteiger. Eines aber wolle er auf keinen Fall: „Mit vier Punkten im Examen besteht man zwar, aber muss danach auch jedem Jobangebot hinterherrennen.“ Das möchte er sich nicht antun, und deshalb investiert er rund 2000 Euro in dieses zwölfmonatige Repetitorium. Geld, das später, wie er hofft, multipliziert wieder auf seinem Konto landen wird. Weil die Aussichten auf eine gutbezahlte Stelle mit jedem Punkt im Examen wachsen.
Inselwissen der Studenten
Mittlerweile hat sich ein dichtes Geflecht von Repetitorien in Deutschland herausgebildet. Marktführer sind dabei Alpmann Schmidt mit Sitz in Münster und das Juristische Repetitorium Hemmer, das vor mehr als dreißig Jahren in Würzburg gegründet wurde. In einigen Repetitorien werden unzählige Übungsklausuren geschrieben, was den Studenten eine gewisse Routine im Umgang mit den Fällen verschaffen soll. Anderswo beschäftigen sich Dozenten und Studenten zunächst mit den Gesetzen – die sollen sie so verstehen, dass sie sie letztlich auf alle denkbaren Fälle im Examen anwenden können.
Von einigen Lehrenden an den Universitäten wird die Arbeit der Repetitorien seit jeher mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Für Schweinberger, den Dozenten von „Jura Intensiv“, vollkommen zu Unrecht. „Wenn die Studenten zu uns kommen, haben sie ein gewisses Inselwissen. Mehr nicht.“ Die Professoren hätten eben immer ein Lieblingsthema, über das sie gern und ausführlich sprächen, allerdings vergäßen sie dabei mitunter die klausurrelevanten Aspekte, sagt er.
Schon Goethe und Bismarck waren beim Repetitor
Aus Sicht von Rainer Hofmann, Studiendekan im Fachbereich Rechtswissenschaft der Goethe-Universität, ist das vollkommen übertrieben. Die juristische Ausbildung in Deutschland und auch in Frankfurt sei gut, sagt er – und Repetitorien würden deshalb überhaupt nicht gebraucht. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass es hierzulande einfach eine gewisse Tradition hat, einen Repetitor zu besuchen.“ Schließlich war Goethe schon bei einem, und auch Bismarck bereitete sich mit Hilfe eines Repetitors auf sein Examen vor. Hofmann meint, dass es wohl vor allem das Geld sei, das die Studenten außeruniversitär zu mehr Leistung antreibe. „Wenn ich für den Unterricht was bezahle, dann bereite ich den Stoff intensiver vor und wiederhole ihn danach auch ordentlich.“
Auch wenn der Studiendekan keine gravierenden Mängel sieht, soll in Frankfurt mit Einnahmen aus den Studiengebühren die Examensvorbereitung der Rechtswissenschaftler verbessert werden. Im Gespräch sind laut Hofmann Kurse und zusätzliches Personal – jedoch keine neuen Professorenstellen.
Alexander Dorf mag sich trotzdem nicht auf das Lehrangebot der Uni verlassen. „Vor allem im Zivilrecht bekomme ich durch das Studium keine Struktur in mein Lernen hinein“, sagt der Vierundzwanzigjährige, der in Frankfurt im achten Semester Jura studiert. Der Stoff sei zu umfangreich und werde nicht so vermittelt, dass er etwas damit anfangen könne. Deshalb sitzt er nun neben Daniel von Gierke in der letzten Reihe des Repetitoriums und wird auch die nächsten zehn Monate kommen. „Natürlich fehlt durch die Studiengebühren Geld, aber man sollte nicht am Repetitorium sparen.“ Schließlich werde man dort auf die zentralen Probleme der jeweiligen Rechtsgebiete gezielt vorbereitet, was letztlich enorm viel Zeit spare.
Schwacher Mittelbau
Anderthalb Jahre dauert in der Regel die Vorbereitung auf das erste Staatsexamen. Dennoch fallen bundesweit etwa 30 Prozent der Studenten durch die Prüfungen. „Wer Schwierigkeiten hat, sich über einen so langen Zeitraum zu organisieren und zu motivieren, ist in einem Repetitorium sicher gut aufgehoben“, sagt Jürgen Oechsler. Der Professor für Bürgerliches Recht und Wirtschaftsrecht an der Universität Mainz hat selbst kein Repetitorium besucht, gleichwohl aber ein sehr gutes Examen abgelegt. „Das ist eine Charakterfrage.“
Letztlich aber wohl nicht nur das. Oechsler hat auch ein organisatorisches Problem an den deutschen Hochschulen ausgemacht, in denen oft der Mittelbau schwach besetzt sei. Es fehle an Kursen oder Tutorien, die die Theorie aus den Vorlesungen für Klausuren und Hausarbeiten anwendbar machten. „So etwas müsste eigentlich die Universität leisten. Im Endeffekt aber machen es seit Jahren die Repetitorien.“