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Kritik am Jurastudium : Das freie Denken kommt zu kurz

  • -Aktualisiert am

Blick auf das Fürstbischöfliche Schloss, seit 1954 Sitz und Wahrzeichen der der Westfälischen Wilhelms-Universität. Bild: dpa

Statt selbstständigem Denken und Handeln wird Jurastudenten immer öfter Papageienwissen gelehrt - und das im Massenbetrieb. Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Juristenausbildung.

          Ende Oktober erhielt ich eine E-Mail von einer Studentin. Die Vorlesungen liefen seit gut zwei Wochen, und nach fünf oder sechs Einheiten Bürgerliches Recht für Erstsemester hatte die Kommilitonin eine Frage. Es sei in einer Stunde ziemlich knapp um Stilrichtungen der Rechtswissenschaft im Wandel der Zeiten und um den geschichtlichen Hintergrund des Rechts gegangen. Im Hinblick auf das weitere Studium wolle sie fragen, inwieweit dieser Stoff, unabhängig von ihrem „interessegerichteten Handeln“, zukünftig eine „Voraussetzung“ sei.

          Ich war sprachlos. Denn das ist genau das Problem. Menschen kommen an die Universität, hoffentlich neugierig und mit Vorfreude auf ein Studienfach, das sie sich in den nächsten Jahren erschließen wollen. Aber nach nicht einmal einem Monat ist die anfängliche Offenheit schon verschwunden. Es zählt die Examensrelevanz, und das heißt die Verwertbarkeit in einer Klausur. Was soll ich als Hochschullehrer machen?

          In diesem Beitrag geht es um viererlei. Zunächst versuche ich, vermutlich vergeblich, Begeisterung zu wecken für Neugier frei von Prüfungszwängen, für ein studentisches Leben in ungezwungenem Bildungshunger. Danach folgt ein Blick auf den universitären Alltag. Drittens geht es um die unvermeidbaren Konsequenzen, die man aus dem offenbar nicht erreichbaren Ideal ziehen sollte. An vierter Stelle stehen kleinlaute Kompromissvorschläge.

          I. Der Anspruch: Begeisterung für Bildung

          Das klassische Bildungsideal aus dem neunzehnten Jahrhundert ist zu schön, um wahr zu sein. Bildung bezog sich damals nicht auf die Anhäufung von Faktenwissen oder Berufsfertigkeiten, sondern auf die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. Hier strebte man in möglichst vielen Bereichen nach Verfeinerung und Tiefe. Dafür waren Grundlagen unumgänglich, eben auch Einblicke in die Wissenschaft. Die Universität verfolgte deswegen vor allem drei Ziele: 1. Bildung statt Ausbildung. 2. Einheit von Lehre und Forschung. 3. Einsamkeit und Freiheit, aber in Gemeinschaft der Lernenden.

          Es ging beim Studium nicht in erster Linie um eine Berufsqualifikation. Genau das schuf der Universität erhebliche Freiräume. Sie war davon enthoben, sich immer und überall um die Verwertbarkeit und Anwendungsorientierung ihrer Inhalte zu bekümmern. Eine gewisse Praxisferne war insofern kein Vorwurf, sondern eine bare Selbstverständlichkeit. Das Leben war lang genug, die praktischen Erfahrungen konnte man später oder andernorts sammeln. Deswegen ging es auch nie um die reine Wissensvermittlung. Einheit von Forschung und Lehre sollte andeuten, dass die Professoren den Studenten nicht selbst angelesenen Stoff weitergaben, sondern Einblicke in ihre eigene Arbeit ermöglichten.

          Auf diese Weise sollten die Studenten exemplarisch sehen, wie man selbständig Probleme erkennt und löst. Viele Bereiche blieben notwendigerweise ausgespart und waren Gegenstand des Selbststudiums. Einsamkeit und Freiheit waren unvermeidbar mit Risiken verbunden. Wer morgens nicht aus den Federn kam, konnte einige Semester vertändeln und wurde schnell genug zum bärtigen Philister. Gedacht war an eine Gemeinschaft in Freiwilligkeit. Einige Gelehrte des frühen neunzehnten Jahrhunderts, darunter auch der große Jurist Friedrich Carl von Savigny, sprachen von symphilosophischer Geselligkeit. „Universitas“ heißt wörtlich „Einheit“ oder „Gesamtheit“ - von Lehrenden und Lernenden.

          Diese Gemeinschaft über Altersgrenzen und Statussymbole hinweg konnte Kräfte für neue Ideen freisetzen. In der Universitätsbibliothek Heidelberg schrieb man damals ein Zitat des Apostels Paulus in den Lesesaal: „Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“ In Münster liest man in Leuchtschrift, ebenfalls an der Bibliothek: „Gehorche keinem.“ Wäre das nicht ein Traum? Ohne Autoritätshörigkeit offen durchs Studium zu gehen, sich auf seinen eigenen Geist zu verlassen und nicht auf bloße Buchstaben? Anregungen holt man sich im Museum oder in der Oper, im Gespräch über Gott und die Welt, aber eben gerade auch bei der Lektüre aktueller Werke seiner eigenen Hochschullehrer. Ist das unerreichbar? Offenbar ja.

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