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Jura-Studium Staatsprüfung in zwei Portionen

 ·  Die Universität Mannheim führt einen Bachelor-Studiengang für Juristen ein. Das besondere: Die gefürchtete Erste Staatsprüfung wird aufgeteilt. Zusammen mit BWL-Kenntnissen haben die Absolventen beste Berufschancen, sagt die Universität.

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"Es ist kein starker Eingriff in das Jurastudium", sagt Carsten Schäfer, der Dekan der juristischen und volkswirtschaftlichen Fakultät der Universität Mannheim. Aus seiner Sicht erfordert sein Reformmodell für die Juristenausbildung "nur eine kleine Änderung" des Landesprüfungsrechts. Viele seiner Berufskollegen hingegen sehen darin den Anfang vom Ende des deutschen Einheitsjuristen. Die Universität Mannheim führt zum Wintersemester einen Studiengang "Unternehmensjurist" ein, der nach den Vorgaben des europäischen "Bologna-Prozesses" ein Jurastudium bis zum Bachelor- und Mastertitel ermöglicht.

Reformkonzepte nach den Bologna-Maßgaben gibt es für das Jurastudium zur Genüge, und Masterprogramme bietet inzwischen fast jede deutsche Fakultät an. Aber das Mannheimer Modell rührt an das erste Staatsexamen. 150 Erstsemesterstudenten - später können es bis zu 250 im Jahr sein - sollen sich in sechs Semestern das gesamte Zivilrecht und Grundlagen des Öffentlichen Rechts erschließen. Dazu kommt eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung, welche die angesehene betriebswirtschaftliche Fakultät in Mannheim übernimmt.

Werden Mannheimer Juristen bevorzugt?

Das Studienprogramm hätte wohl wenige Gemüter erregt, wäre nicht geplant, dass die Studierenden in der Abschlussprüfung auch die Zivilrechtsklausuren des Ersten juristischen Staatsexamens schreiben sollen. Wer besteht, der kann auf dem Arbeitsmarkt eine nichtregulierte juristische Tätigkeit aufnehmen, zum Beispiel als Unternehmensberater oder Versicherungsjurist. Oder er kann weiterstudieren und die restlichen Klausuren des Ersten Staatsexamens ablegen.

Zur Empörung der anderen baden-württembergischen Fakultäten dürfen die Mannheimer Juristen also künftig den gewaltigen Prüfungsstoff des Ersten Staatsexamens portionieren. Dagegen müssen ihre Studienkollegen an anderen Universitäten das Strafrecht, Öffentliche Recht und Zivilrecht samt den Nebengebieten und europarechtlichen Bezügen über neun Semester durch ständiges Wiederholen lernen und auf einmal bereithalten - in der Regel unterstützt durch kommerzielle Repetitorien.

Für die deutsche Juristenausbildung ist das Mannheimer Modell eine Revolution. Zwar ermöglichen auch Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen ihren Prüfungskandidaten, die Prüfung zu teilen. Allerdings liegen etwa in Nordrhein-Westfalen die Prüfungstermine nicht so weit auseinander wie in Mannheim, die mündliche Prüfung findet an einem Tag für alle Gebiete statt, und ein Teilabschluss ist nicht möglich.

Gefahr für die Marke Staatsexamen

Mit dem bisherigen Staatsexamen habe dieses Modell nicht mehr viel zu tun, sagt Burkhard Hess, der Dekan der Heidelberger Jura-Fakultät. "Man kann die juristische Materie nicht nach Belieben aufspalten." Vernetztes Denken sei der Schlüssel zu juristischem Sachverstand. Das Mannheimer Modell verschließe gerade den Blick auf die zahlreichen Querverbindungen, beispielsweise die Kausalitätslehre, die für Zivilrecht und Strafrecht gleich wesentlich sei. "Auch das Zivilprozessrecht ist nicht vermittelbar, ohne dass die Hörer Kenntnisse im Verfassungsrecht und Verfassungsprozessrecht haben", sagt Hess. Sechs Semester reichten nicht aus, um das Zivilrecht auf Examensniveau zu beherrschen, ist Hess überzeugt.

Folgt man der Kritik, haben es die Mannheimer entweder schwerer oder leichter als ihre Fachkollegen: Entweder gibt es Zugeständnisse in der Benotung, weil es nicht möglich ist, Zivilrecht in sechs Semestern zu begreifen. Das wäre der Abschied von der Chancengleichheit der anderen baden-württembergischen Prüflinge, die bald vor Gericht ziehen dürften. Oder es gibt keine Zugeständnisse bei der Prüfung, dann haben die Mannheimer es schwerer - und die privaten Repetitorien können sich auf einträgliche Geschäfte freuen. "Hätte es nicht ausgereicht, den Bachelor-Kandidaten universitäre Zivilrechtsklausuren zu stellen?", fragt Hess. Wie viele seiner Kollegen fürchtet er um die Marke Staatsexamen und das Ansehen des baden-württembergischen Einheitsjuristen.

Bessere Karrierechancen für Juristen

In Mannheim sind die Mahnungen und Kritiken bekannt. Das "Kartell" der baden-württembergischen Jura-Fakultäten sei nicht bereit, sich dem Wettbewerbsdruck zu stellen, sagt Dekan Carsten Schäfer. "Es ist aber kein Wesensmerkmal des juristischen Staatsexamens, dass alle Prüfungen gleichzeitig stattfinden." Entscheidend sei, dass der Staat die Prüfungshoheit besitze und für eine objektive Leistungskontrolle sorge. "Unser Titel ist weder ein Abbrecher-Zertifikat noch ein Jura-light-Abschluss."

Universitätsrektor Hans-Wolfgang Arndt fügt hinzu, der neue Bachelor-Titel sei der erste seiner Art, mit dem Juristen auf dem Arbeitsmarkt attraktive Berufschancen hätten. Sie könnten zwar nicht Anwalt, Richter oder Staatsanwalt werden, dafür hätten aber schon Banken und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Interesse an den Absolventen gezeigt, die zivilrechtlich voll ausgebildet seien und fundierte betriebswirtschaftliche Kenntnisse mitbrächten. "In Unternehmen sind Spezialisten für Wirtschaftsrecht gefragt, die brauchen kein Strafrecht, Baurecht oder Polizeirecht", sagt Arndt. "Der wichtigste Teil des Staatsexamens ist ohnehin das Zivilrecht."

Ziel des Programms sei es auch, Juristen wieder stärker in die Führungsetagen der Privatwirtschaft zu bringen, wo sich zunehmend Betriebs- und Volkswirte breitgemacht hätten. Man rechnet in Mannheim damit, dass nur etwa die Hälfte der Studierenden nach dem Bachelor noch das Rest-Staatsexamen macht. "Wir halten den Bewerbern diese Option vor allem offen, um ihnen Hemmungen vor dem Bachelor zu nehmen", sagt Arndt.

Nach fünf Jahren nur Abiturient mit Jura-Kenntnissen

Die Professoren verweisen auf die strengen Leistungskontrollen der Bachelor-Ausbildung. Dass jetzt ein großer Teil der Examenskandidaten jedes Jahr durchfällt, ist für sie der Beweis, dass sich die Studenten zu lange in trügerischer Sicherheit wiegen. Nach zwei oder drei verpatzten Staatsexamina stehen sie dann mit leeren Händen da: als Abiturienten mit Jura-Kenntnissen. Der Universität Mannheim gehe es aber nicht darum, erfolglose Jung-Juristen zu retten, sondern eher sich selbst, sagen manche deutschen Hochschullehrer. Seit Jahren steht die Frage im Raum, ob Baden-Württemberg an fünf Hochschulen Juristen ausbilden muss. 1998 nahm die Hochschulstrukturkommission Heidelberg und Mannheim aufs Korn, weil sie so nah beieinanderliegen und identische Studienangebote haben. Mannheim versuche nun, so heißt es, mit dem neuen Profil die eigene Existenz zu sichern.

"Druck von außen war nicht der Grund für unseren Vorstoß", sagt Rektor Arndt. Wenn überhaupt, habe die Juristenfraktion Druck von Seiten der Wirtschaftsfakultäten verspürt: Mannheim sei eine kleine Hochschule mit klarem Schwerpunkt in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Diese Kernkompetenz müsse und wolle man für die anderen Fakultäten nutzen. "Das Modell ist aber durchaus übertragbar auf jede andere Fakultät", sagt Arndt. Sollte es erfolgreich sein, so erwartet man in Mannheim, könne sich in Baden-Württemberg manches "verschieben".

Vorerst haben die anderen Fakultäten des Landes dies verhindert: Die Ausbildungsordnung, die im Frühsommer geändert werden soll, wird wohl lediglich eine "Lex Mannheim" enthalten. An den anderen juristischen Fakultäten wird es keine Teilprüfungen geben.

Quelle: F.A.Z., 27.03.2008, Nr. 72 / Seite 10
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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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