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Jura-Studium : Der Repetitor aus der Konserve

  • -Aktualisiert am

Als das Internet noch nicht erfunden war Bild: fotolia.com

Die herkömmlichen Repetitoren bekommen immer mehr Konkurrenz. Der neue Trend elektronischer Angebote geht zur bildlichen Darstellung juristischer Sachverhalte. Das soll das Lernen leichter machen.

          Seit Generationen pilgern Jurastudenten zum Repetitor. In speziellen Wiederholungskursen büffeln sie fürs Staatsexamen. Doch die kostenträchtige Nachhilfe herkömmlicher Art bekommt immer mehr Konkurrenz. Die traditionell bilderscheue Jurisprudenz ist auf dem Wege ins Multimediazeitalter und experimentiert mit neuen Lernformen, vom Schaubild in der Vorlesung bis zum interaktiven Lernprogramm.

          Film ab in einem E-Repetitorium: Ein junges Paar streitet am Flussufer. Es geht um das Kind der Frau aus erster Ehe, das den Mann in der Beziehung stört. Plötzlich ertönt vom Wasser her ein Hilferuf des Kindes. Doch die Mutter rührt sich nicht, mag der Sohn eben sterben, wie der Partner es gewollt habe. Er, durch eine Armbinde an der Rettung gehindert, verlässt schockiert den Schauplatz. Szenenwechsel: Auf den dramatischen Fall folgt der juristische Kommentar von Autor Klaus Dürkop. Am Schreibtisch erläutert er die verschlungene Rechtslage beim „unechten Unterlassungsdelikt“, bringt Merksätze und Strichzeichnungen ins Bild.

          „Das Besondere ist, dass das Lernen durch die Spielfilme auch etwas Unterhaltungscharakter bekommt und dadurch sehr viel länger und nicht so angestrengt gelernt werden kann.“ So warb der Anwalt und Repetitor kürzlich vor Studenten für das Programm. Auch dass die Teilnehmer „sehr schnell in den Wiederholungsprozess kommen und dadurch die Inhalte besser behalten“, mache das E-Learning effektiv. Mit Testfragen können die Nutzer ihr Verständnis überprüfen. Eine Skala, die sich von Rot nach Grün ändert, zeigt den Lernfortschritt an. „Das Erlernen und Begreifen von komplexen Rechtsgebieten wie zum Beispiel dem allgemeinen Teil des Strafrechts ist so in ein bis zwei Wochen möglich“, verspricht der Jurist Dürkop, der unter dem Motto „Recht schnell“ in Köln firmiert.

          Vom Sachsenspiegel zum E-Repetitorium

          Didaktische Internetprogramme wie dieses sind für die Jurisprudenz ein Novum. „Herkömmliche juristische Information besteht aus Text und nur aus Text“, sagt der emeritierte Bochumer Rechtssoziologe Klaus Röhl, der als Vordenker und kritischer Begleiter der Visualisierung gilt. Mittelalterliche Bilderhandschriften wie der berühmte „Sachsenspiegel“ bildeten nur eine Episode in der ansonsten „ikonophoben“ Rechtsgeschichte. Doch sei die Fixierung auf das Wort in heutiger Zeit zu einer „Zugangsbarriere“ geworden, betonen Röhl und sein Koautor Stefan Ulbrich in ihrem Buch „Recht anschaulich“. Es führt breit gefächert in die Visualisierung in der Juristenausbildung ein, von der Theorie über die Bildpädagogik bis zu Anwendungsfeldern und Urheberrecht.

          Fallbeispiele, die juristische „Lebenssachverhalte“ ins Bild setzen - ob mit Film, Foto oder Cartoons -, sind nur ein Teilbereich: Auf dem „Internationalen Rechtsinformatik Symposion“ (IRIS), das im Februar in Salzburg stattfand, ging es in Workshops zur Rechtsvisualisierung vor allem um „Strukturbilder“: Wie lassen sich Rechtsnormen und juristische Zusammenhänge veranschaulichen? Welche Bildtypen sind geeignet? Die Züricher Rechtswissenschaftlerin Colette Brunschwig entwickelt figurative Bilder, die sich zum Teil an historische Abbildungen anlehnen, wenn etwa die Bindungswirkung eines Vertragsabschlusses mit einem Band zwischen zwei Personen symbolisiert wird. Daneben werden an Universitäten „logische Bilder“ wie Diagramme zur Veranschaulichung rechtlicher Zusammenhänge entwickelt. Besonders beliebt, berichtet Florian Holzer, der an den Universitäten in Würzburg und München zum Thema Visualisierung forscht, sind baumartige Strukturen. „Wahrscheinlich deshalb, weil die Baumstruktur ein universell einsetzbares Über-Unterordnungsverhältnis impliziert.“ Doch ließen sich aus Sprachmetaphern der Juristerei noch spezifischere Bilder ableiten, etwa Gebäudestrukturen („rechtsfreier Raum“, „einräumen“), Getriebe („miteinander verzahnte“ Aspekte, „Paragraph x läuft hier leer“) oder Wasser („Rechtsquellen“).

          Dem Nachholbedarf entsprechend sind die Visualiserungsbemühungen breit gefächert: Neben pragmatischen Anleitungen für Power-Point-Präsentationen im Hörsaal („Was auf der Folie zu sehen ist, muss erläutert werden“) und schlichten optischen Mitteln wie Kreisen, Pfeilen und Kästen, gibt es zum Beispiel 3-D-Mind-Mapping-Entwürfe, ein Internet-Tutorium mit virtueller Gerichtsverhandlung, ein Forschungsprojekt, bei dem Studenten Lernfälle multimedial aufbereiten und einzelne interaktive Lernprogramme bis hin zu kommerziellen Angeboten eines „Legal Information Design“ nach amerikanischem Vorbild für den Hör- oder Gerichtssaal. „Es wird viel experimentiert“, fasst Holzer zusammen. Mancher Skepsis zum Trotz plädierte er in Salzburg dafür, den vorhandenen „Bilderregen“ - mit entsprechender Bildkompetenz - für das Recht zu nutzen.

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