Home
http://www.faz.net/-gyq-12ipm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Jura-Repetitoren Einpauker für 44 Wochen

22.05.2009 ·  Bezahlte Privatlehrer sind in keinem Fach so verbreitet wie bei den Juristen. Fast alle Studenten gehen vor dem Examen zum Repetitor. Für viele ist er ein Schleifer, manchen wird er zum Freund.

Von Kristin Kruthaup
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wenn Frank Steinbeiß und Georg Pohl heute nebeneinander sitzen, kann man nicht mehr erkennen, wer von ihnen einmal der Schüler und wer der Lehrer war. Sie sind ungefähr gleich alt und auf eine ähnliche Weise sportlich gekleidet. Heute sind sie Kollegen. Als sie sich 1994 kennenlernten, waren sie es noch nicht. Ein ganzes Jahr haben die beiden miteinander verbracht, phasenweise hat Steinbeiß Pohl in dieser Zeit öfter gesehen als seine guten Freunde. Denn Frank Steinbeiß war damals Jurastudent und Georg Pohl sein Repetitor im Strafrecht.

Ein Repetitor ist ein Lehrer, der das Wissen wiederholt, das zum Bestehen eines Examens notwendig ist. 70 bis 80 Prozent aller Jurastudenten bereiten sich heute mit solchen Privatlehrern auf die Erste Juristische Prüfung vor, die großen Anbieter wie Alpmann Schmidt, Hemmer und die Beck Akademie sind an fast jeder juristischen Fakultät vertreten. Bis zu 100 Studenten sitzen in ihren Kursen; je nach Paket kostet sie die Teilnahme bis zu 250 Euro im Monat.

Unis sehen Repetitoren zuweilen kritisch

Von vielen Universitäten werden die Repetitoren kritisch gesehen; nur oberflächlich vermittelten sie den Stoff, heißt es. Die Examenskandidaten dagegen können seit jeher nicht ohne sie. Ihnen kommt es darauf an, nicht durch das Staatsexamen zu fallen. Dieses Risiko ist in kaum einem anderen Fach so groß wie in den Rechtswissenschaften, und nirgendwo sonst sind die beruflichen Perspektiven der Absolventen so eng an eine einzige Note geknüpft.

Eine entsprechend lange Tradition hat das Repetitorwesen in den Rechtswissenschaften. In Preußen verbreitete es sich von Beginn des 18. Jahrhunderts an, als sich die Beamtenschaft formierte und Staatsexamina eingeführt wurden. Schon Goethe hatte einen Repetitor, der österreichische Schriftsteller Franz Grillparzer war selbst einer, der spätere Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger auch. Und Kurt Tucholskys Pseudonyme Theobald Tiger und Peter Panter stammen von seinem Repetitor Martin Friedlaender, der in seinen Unterlagen nicht die Personen A und B sich in komplizierte Rechtsstreitigkeiten verheddern ließ, sondern ihnen tierische Kunstnamen gab.

Werden die Examensnoten wirklich besser?

Ob der private Rechtsunterricht tatsächlich zu einer besseren Examensnote führt, darüber gibt es kaum belastbare Untersuchungen. Zwei Befragungen von Heidelberger Examenskandidaten aus den Jahren 1991 und 1997 legen eher das Gegenteil nahe. Danach schnitten jene besonders gut ab, die sich ohne Bezahl-Unterricht und ausschließlich mit universitären Angeboten vorbereiteten. „Das war aber ein Stück weit eine Scheinkorrelation“, schränkt Holger Stroezel der als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Heidelberg damals an der Untersuchung beteiligt war. „Das Ergebnis kann man auch so interpretieren, dass von vorneherein die Schwachen zum Repetitor gehen.“

Frank Steinbeiß jedenfalls wollte auf jeden Fall einen kommerziellen Repetitor. Von der Universität fühlte er sich nicht ausreichend vorbereitet. Und ganz alleine zu lernen, das traute er sich nicht zu. Zu groß war seine Angst, nicht richtig einschätzen zu können, welche Materie in welchem Schwierigkeitsgrad im Examen abgefragt werden würde. „Zu Hemmer gingen damals kollektiv die Wessis und wir Ossis eben kollektiv zu Alpmann Schmidt“, begründet Steinbeiß die Entscheidung, die er 1994 traf. Ein Jahr lang saß er dann vier Tage in der Woche im Unterricht: montags Zivilrecht, dienstags Strafrecht mit Georg Pohl, mittwochs öffentliches Recht, donnerstags die Nebengebiete, immer morgens von 8 Uhr bis 10.15 Uhr, insgesamt vierundvierzig Wochen lang. Die Stunden hatten alle eine ähnliche Struktur: Zu Beginn fragten die Repetitoren zur Wiederholung das Wissen der Teilnehmer ab, dann gaben sie eine Einführung in das neue Thema, zum Schluss wurde gemeinsam ein Fall gelöst.

„Irgendwie mulmig“

Steinbeiß war einer der ersten Studenten, die sich nach dem Ende der DDR an der Universität Potsdam eingeschrieben hatten. Er gehörte auch zum ersten Jahrgang, den Georg Pohl, damals ganz frisch als Repetitor bei Alpmann Schmidt, unterrichtete. Dass die meisten Studenten wie der gebürtige Brandenburger aus dem Osten, er selbst dagegen aus Paderborn in Nordrhein-Westfalen stammten, spielte für Pohl keine geringe Rolle. Ihm sei es „irgendwie mulmig“ zumute gewesen, berichtet er noch heute, als er im Kurs den Mauerschützen-Fall besprach.

Veranstaltungsort war die Truman-Villa in Babelsberg, wo der amerikanische Präsident während der Potsdamer Konferenz 1945 wohnte. „Oftmals mieten die Repetitorien Räume von der Kirche“, berichtet Pohl. „Da konnten wir in Potsdam aber nichts finden, und so landeten wir dann im zweiten Stock der Villa.“ Im Erdgeschoss residierte eine Segelschule, später wurde dort die ZDF-Krimireihe „Sperling“ gedreht. Vermutlich haben die Studenten oft sehnsüchtig nach draußen geguckt, wenn es um den Unterschied zwischen Täterschaft und Teilnahme an einer Straftat ging.

In Jeans und Holzfällerhemd

Steinbeiß gefiel an Pohl von Anfang an, dass er nur neun Jahre älter war als er selbst und immer in Jeans und Holzfällerhemd zum Unterricht kam. Dazu gesellte sich bald Respekt. „Natürlich testet man so einen Reptitor erst mal aus“, sagt er. Als in einer der ersten Stunden ein Problem drankam, das Steinbeiß gut aus einer Hausarbeit kannte, fragte er Pohl nach den abwegigsten Konstellationen. Als Pohl souverän antwortete, waren die Fronten geklärt. Bis heute erlebe er dieses Austesten seiner Kompetenzen in fast jedem Kurs aufs Neue wieder, berichtet Georg Pohl. „Fachliche Lücken darf man als Repetitor nicht haben“, sagt er. „Sonst wird das ein Horrorjahr.“ Dann gibt er das Kompliment seines einstigen Repetenten zurück: Für ihn seien 1994 Frank Steinbeiß und sein Sitznachbar namens Sobotta manches Mal der Rettungsanker gewesen. „Wenn im Kurs mal nichts voranging, gab es immer noch das Gesamtpaket Steinbeiß/Sobotta.“ Offenbar haben beide Seiten viel richtig gemacht in jenen Monaten, zur Mitte des Kurses organisierten die Studenten sogar eine Rap-Party. „Von Anonymität waren wir irgendwann weit entfernt“, sagt Steinbeiß.

Auch bei Derya Hoffmann und ihrem Repetitor Karl E. Hemmer konnte von einem unpersönlichen Dienstleistungsverhältnis nach ein paar Wochen keine Rede mehr sein. Als Hoffmann 2003 anfing, sich in Würzburg auf die Erste Juristische Prüfung vorzubereiten, hatten schon ihre Zwillingsschwester und ihr Ehemann bei Hemmer gesessen. Sie wusste folglich schon, was in der ersten Stunde drankommen würde. Zwölf Monate lang saß sie dann selbst in Hemmers Kurs. „Natürlich baut man in dieser Zeit eine Beziehung zu seinem Lehrer auf“, sagt sie. Während der Examensvorbereitung sei er ein Schwerpunkt in ihrem Leben gewesen. „Er hat den Rhythmus bestimmt, in dem ich arbeitete.“ Zum Ende hin sei er ihr damit auch auf den Wecker gefallen. „Ich bin gerne zu Hemmer gegangen“, sagt sie dennoch. Von einer Hassliebe will sie nicht sprechen.

Manche schicken Postkarten

Auch Karl E. Hemmer, der inzwischen seit drei Jahrzehnten als Zivilrechtsrepetitor arbeitet und das Repetitorium Hemmer gegründet hat, wiegelt ab. „So weit geht das nicht. Die Beziehung ist ja primär eine fachliche.“ Aber manchmal sei er eben doch nicht bloß Wissensvermittler, sondern auch Psychologe. „Einige nimmt man schon mal nach der Stunde zur Seite und sagt ihnen, dass sie nicht so hart mit sich selbst sein sollen.“ Private Kontakte zu seinen Teilnehmern entstehen hin und wieder auch. „Dann wird man zur Hochzeit eingeladen“, berichtet Hemmer. „Andere schicken noch Jahre später Weihnachtspostkarten, und gelegentlich lernt man im Laufe der Zeit ganze Familien kennen.“

So werden manche Repetitoren erst im Nachhinein mehr als bloße Dienstleister für ihre Repetenten - Monate nach dem Examen, wenn die Noten da sind und sie ein Stück weit für Erfolg oder Misserfolg mitverantwortlich gemacht werden. Frank Steinbeiß und sein Kurs haben ihrem Repetitor Georg Pohl zum Abschluss des Kurses sogar ein Geschenk gemacht: ein T-Shirt, auf das sie das Bild des Kurses drucken ließen. Das Geschenk überreichten sie ihm auf einem Fest, mit dem sie das Ende des Repetitoriums feierten. Frank Steinbeiß hat diese Party als eher traurige Angelegenheit in Erinnerung. „Es war der letzte Abend, an dem alle zusammen in einem Boot saßen.“ Danach ist jeder seinen eigenen Weg gegangen.

Geht's auch ohne?

- Wer nicht zum kommerziellen Repetitor gehen möchte, findet gute Tipps zur Examensvorbereitung auf eigene Faust in den Büchern „Examen ohne Repetitor“ von Achim Berge, Christian Rath und Friederike Wapler aus dem Nomos-Verlag und „Jurastudium erfolgreich. Planung - Lernstrategie - Zeitmanagement“ von Barbara Lange aus dem Verlag Heymanns.

- Wer sich für die Geschichte des Repetitoriums interessiert, findet mit dem Buch „Die Entstehung und Entwicklung des juristischen Privatunterrichts“ von Stephan Lueg, erschienen im Verlag Peter Lang, einen guten Einstieg.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen