23.12.2006 · Studentische Unternehmensberatungen erleben einen Boom: Angehende Akademiker wollen Erfahrungen sammeln und Kontakte zu Unternehmen knüpfen. Kunden schätzen den unbefangenen Blick von außen.
Von André Schmidt-CarréDie Berater der Green Finance Consulting haben dieses Jahr ihren ersten Boom erlebt – dabei sind sie alle noch Studenten. Neben dem Lernen für die Uni arbeiten sie als Unternehmensberater, und unter den Kunden finden sich große Namen. „Wir beraten verschiedene Unternehmen aus der Finanzbranche, darunter die Commerzbank und Cortal Consors“, berichtet Mitgründer und Vorstandsmitglied Yassin Hankir. Bereits im ersten Jahr ihres Bestehens haben die Frankfurter zehn Projekte bearbeitet und ihren Kunden 500 Beratertage in Rechnung gestellt. Green Finance wurde Anfang 2005 von Wirtschaftsstudenten der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität gegründet. Aus den anfänglich sieben Beratern sind inzwischen 40 Mitarbeiter geworden.
Das Geschäft mit der Beratung von Unternehmen wächst in Deutschland nach mehreren Flaute-Jahren wieder kräftig. Und davon profitieren auch studentische Anbieter wie Green Finance Consulting oder die alteingesessene VIA in Dortmund. Allein im vergangenen Jahr haben Unternehmensberater in Deutschland 13,2 Milliarden Euro umgesetzt, eine Steigerung um mehr als sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr, belegen Zahlen des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater. Am stärksten profitieren kleine Beratergesellschaften, zu denen auch studentische Consultants zählen. Hier arbeiten Wirtschafts- und Informatik-Studenten neben ihrem Studium.
Studenten schätzen die Uni-Spinoffs als Möglichkeit, Praxis-Erfahrungen zu sammeln. In Projekten können angehende Absolventen den Berater-Alltag kennen lernen, Kontakt zu möglichen Arbeitgebern knüpfen und sich so fit für den Arbeitsmarkt machen.
So viele Gründungswillige wie nie zuvor
Inzwischen gibt es in Deutschland rund 70 studentische Beraterfirmen. Während die Nachfrage nach ihren Leistungen steigt, professionalisieren sich die Consultants zunehmend – zum Beispiel mit einer Mitgliedschaft im Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen (BDSU). „Allein in diesem Jahr haben sich acht studentische Unternehmensberatungen nach den Aufnahmekriterien erkundigt“, sagt BDSU-Vorstandsvorsitzende Sabine Eckardt. In der Vergangenheit interessierten sich nur ein bis zwei Studenten-Beratungen jährlich für eine Mitgliedschaft.
Parallel dazu ist das Interesse an vielen Universitäten und Fachhochschulen gestiegen, an denen bisher keine studentischen Berater aktiv sind. „Wir haben dieses Jahr so viele Anfragen von gründungswilligen Studenten bekommen wie noch nie“, sagt Eckardt.
Auch die Frankfurter Green Finance Consulting hat einen Ansturm erlebt. Potenzielle Neueinsteiger bewerben sich hier wie auf dem klassischen Arbeitsmarkt: Der schriftlich eingereichte Lebenslauf ist dabei ebenso unumgänglich wie die Teilnahme an einem eintägigen Assessment Center, bei dem die Bewerber einen fiktiven Auftrag bearbeiten und eine Präsentation halten müssen. „Wir wollen herausfinden, ob die Chemie zwischen uns und den Bewerbern stimmt“, erklärt Green-Finance-Berater Hankir. Wer es über die ersten Hürden schafft, muß sich im nächsten Schritt in internen Projekten bewähren, bevor er zum Kunden darf.
Ein Frühstücksdirektoren-Posten ist der Berater-Job nicht: In den Semesterferien arbeiten die Studenten Vollzeit für ihre Kunden, während des Semesters sind zwei Tage pro Woche Pflicht. Die Arbeitsbelastung ist also hoch – nicht anders als bei den großen Vorbildern McKinsey und Boston Consulting. Die versuchen immer wieder, Kontakte zu den Studenten-Beratern zu knüpfen, um Kandidaten kennen zu lernen. „Für die großen Berater zählt vor allem der Recruitingaspekt“, sagt Hankir
Professionell beim Kunden vorstellen können
Die Green-Finance-Gründer kamen über Hochschulwettbewerbe zum Berater-Geschäft, bei denen Unternehmen einzelne Projekte an Studenten-Teams vergeben. Als die Kunden weitere Aufträge in Aussicht stellten, wollten die Wirtschaftswissenschaftler aber nicht gleich die Uni hinschmeißen: „Eine studentische Unternehmensberatung war genau die richtige Lösung“, berichtet Hankir.
Die Beratungsleistungen studentischer Consultants sind in den vergangenen Jahren immer umfangreicher und professioneller geworden, sagt Sabine Eckardt vom BDSU. Der Verband hat diesen Prozeß unterstützt, indem er Qualitäts-Standards für seine Mitglieder entwickelt hat. Die Wünsche der Kunden standen dabei ganz oben auf der Agenda. So sollen Studenten-Berater zum Beispiel nicht nur beeindruckende Power-Point-Präsentationen erstellen können, sondern sie auch professionell beim Kunden vorstellen können.
Mindestens 50 Beratertage pro Jahr
Schon die Mitgliedschaft beim BDSU zählt in der Branche als Qualitätsmerkmal, denn nicht jede studentische Unternehmensberatung wird aufgenommen. Mindestens drei Projekte müssen zuvor abgeschlossen und dokumentiert sein, und die Studenten müssen mindestens 50 Berater-Arbeitstage pro Jahr nachweisen. Eine Mindestanzahl der beschäftigten Beratern gibt es nicht, faktisch liegt die Untergrenze aber bei rund 15 Mitarbeitern. Damit das Niveau der Leistungen erhalten bleibt, bekommen alle Mitglieder regelmäßig Besuch vom Verband. „Wir auditieren unsere Mitglieder einmal im Jahr“, sagt Vorstandschefin Eckardt.
Manche Teams lassen sich sogar mehrmals im Jahr freiwillig und unangekündigt vom Verband prüfen – zum Beispiel die Berater der Dortmunder VIA. „Qualitätsmanagement ist wichtig, um an Aufträge zu kommen“, erklärt Stephan Kraus, Medienwissenschaftler und bei VIA für Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. „Wir wollen klar machen, daß wir kein Spaßverein sind.“
Über jeden Auftrag wacht ein Controller
Diese Professionalität hat sich ausgezahlt: Die studentische Beratung besteht seit 1992 am Markt. Aktuell sind 30 Mitarbeiter aktiv, hinzu kommen 19 Anwärter. Die Studenten kommen auch aus den umliegenden Hochschulen in Bochum und Gelsenkirchen, die Uni Dortmund stellt Räume und Infrastruktur zur Verfügung.
Bei ihrer Arbeit versuchen die studentischen Berater, möglichst unbefangen an Aufgaben heranzugehen. „Unsere Kunden wollen frischen Ideen“, sagt Kraus – und hoffen, daß Studenten anders denken als etablierte Consultants. Doch Frische ist nicht unbedingt mit Unerfahrenheit gleichzusetzen: Normalerweise sind Projekte mit drei bis fünf Studenten besetzt, und mindestens der Teamleiter hat schon Erfahrungen bei anderen Aufträgen gesammelt. „Außerdem gibt es für jeden Auftrag einen Controller, dem die Mitglieder regelmäßig Bericht erstatten“, erklärt Kraus.
Konzept geht in die dritte Runde
Der VIA-Berater schätzt an seiner Arbeit, daß ihn immer wieder neue Aufgaben erwarten. Jüngst haben die Dortmunder den Zuschlag für ein Marketingkonzept eines Handelsunternehmens erhalten, das sich um ein Senioren-Sortiment aus Gehhilfen und Telefonen für eine ältere Zielgruppe dreht.
Ihren Erfolg messen die studentischen Berater auch daran, ob Kunden sie nach einem ersten Auftrag wieder engagieren. In Dortmund ist das schon oft passiert: Er kürzlich beauftragte ein Chemiekonzern die studentischen Berater, ein Versicherungs-Konzept zu erstellen. Das Projekt geht damit bereits in die dritte Runde.