30.11.2006 · Wer glaubt, daß auf Jobmessen Jobs vermittelt werden, der irrt sich. Auf vielen Veranstaltungen geht es den Unternehmen nur um ihre Selbstdarstellung. Kein Wunder, daß das Interesse der Bewerber abnimmt.
Von Sabine Hildebrandt-WoeckelEin paar Monate noch und dann hat er das Studium geschafft. Da traf es sich gut, daß Anfang November in München die Hochschulkontaktmesse Hoko stattfand. Schick in Schale geworfen und mit hervorragend aufbereiteten Bewebungsunterlagen machte Harald Eder sich auf den Weg. Doch was der BWL-Absolvent dann vor Ort erlebte war alles andere als erfreulich. Nicht nur, daß an den Ständen attraktiver Firmen „Schlangen ohne Ende“ standen, auch die meisten anderen Aussteller waren an Eder nicht besonders interessiert. Wenn überhaupt, boten sie Praktika und Themen für Diplomarbeiten an. Über dieses Stadium aber ist er längst hinaus.
Andreas Eckhard, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Goethe-Universität in Frankfurt, wundert das nicht. Seit mehreren Jahren beobachtet er den Bewerbungs- und Rekrutierungsmarkt in Deutschland und kommt zu einem eindeutigen Schluß: „Jobmessen als Rekrutierungsinstrument verlieren immer mehr an Bedeutung.“ Nutzten 2002 immerhin noch 17 Prozent der von ihm befragten Firmen diesen Kanal zur Mitarbeitergewinnung, so sind es 2006 nicht einmal mehr zehn Prozent.
Die guten Ingenieure sind dann weg
„Früher haben wir mehr direkt rekrutiert“, bestätigt auch Michael Rösch, Leiter Personalmarketing und Recruiting bei der Bertrand AG, die Ergebnisse der Studie. Seit Ende der neunziger Jahre die ersten Jobmessen ihre Pforten öffneten, ist der Entwicklungspartner der Automobilindustrie mit dabei. Heute, so seine Einschätzung, hätten die meisten Unternehmen vor allem zwei Ziele: Erstens gehe es darum, Präsenz zu zeigen und ein positives Arbeitgeberimage zu transportieren und zweitens suche man möglichst frühzeitig den Kontakt zu qualifizierten Studenten. „Weil es in Zukunft immer weniger qualifiziertes Personal geben wird, ist es um so wichtiger, frühzeitig den Kontakt zu suchen.“
Eine Einschätzung, die Matthias Afting teilt, der bei der Deutschen Bahn AG die Personalstrategie verantwortet: „Wenn sie nicht rechtzeitig da sind, und angehende Ingenieure, sie nicht als potentiellen Arbeitgeber wahrnehmen, dann kriegen sie die später auch nicht mehr“, so lautet seine Erfahrung. Ziel ist es, Studenten ab dem vierten Semester für ein Praktikum und das Unternehmen Bahn zu begeistern.
Um gezielt Absolventen anzusprechen, besucht die Bahn dagegen vornehmlich Veranstaltungen im Ausland, wie der German MBA-Konferenz in New York oder Events am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. In Deutschland ist es allenfalls die regelmäßig im Sommer in München stattfindende „Talents“, auf der auch nach Aussagen anderer Firmen qualifizierte Absolventen gesucht und gefunden werden. An eigentlichen Vorstellungsgesprächen allerdings, erlebte wiederum Absolvent Eder, sind auch dort die wenigsten Aussteller interessiert. Und das, obwohl es immerhin die Möglichkeit vorterminierter Interviews gibt.
Richtige Bewerbungsgespräche sind nicht geplant
„Rekrutierungsgespräche direkt auf Jobmessen? Wie soll das denn gehen?“ Auch Wolfgang Lichius, Vorsitzender im Fachverband Personalberatung, beobachtet den Markt seit Jahren: So wie die meisten Messen derzeit ablaufen, seien richtige Bewerbungsgespräche weder räumlich möglich, noch von den Firmen überhaupt geplant. Lichius weiß, wovon er spricht, als Partner der Unternehmensberatung Kienbaum sucht er selbst seit Jahren auf dem Kölner Absolventenkongress das Gespräch mit interessanten Kandidaten. Ans Eingemachte aber, so sagt Lichius, geht es auf der ältesten und größten Jobmesse Deutschlands nicht. Und das ginge zumeist auch gar nicht: „Denn dafür sind gar nicht die richtigen Mitarbeiter vor Ort.“
Bahn-Mann Afting stimmt zu: „Vertreter der Fachabteilung, die gerade bei hochqualifizierten Spezialisten, das Know-how hinterfragen könnten, sind in der Regel nicht anwesend.“ Ein anderer Firmenvertreter wird noch deutlicher: „Da steht im besten Fall das Personalmarketing, im schlimmsten überhaupt nur das Marketing, von Rekrutierung haben die keine Ahnung.“
Was das dann heißt, hat Marcel Renc erlebt, der in diesem Sommer gleich mehrere Veranstaltungen besuchte – mit immer gleichem Ergebnis: Wenn die Firmenvertreter merkten, daß es Renc nicht um Praktika, sondern um einen Einstieg ging, kam fast gleichlautend die Antwort: „Schauen Sie doch mal auf unsere Website.“ Und dort, empört sich der 25jährige noch heute, habe sich dann mehr als einmal herausgestellt, daß die Firmen überhaupt keine freien Stellen hatten.
Entschieden wird dort nichts
Doch es gibt Ausnahmen: Alfred Quenzler, Leiter Personalmarketing bei der Audi AG, schickt sein Team grundsätzlich nur dann auf Messen, wenn es tatsächlich offene Positionen gibt. Alles andere, betont der Experte, halte er gerade auch aus Imagegründen „für vollkommen kontraproduktiv“. Und auch die Fachabteilungen sind bei Audi-Auftritten immer dabei. Das sei allein schon deswegen notwendig, um überhaupt die Fachfragen beantworten zu können, die gerade qualifizierte Kandidaten an das Unternehmen hätten.
Von direkten Bewerbungsgesprächen allerdings spricht auch Quenzler nicht. Die werden auch bei Audi erst im Nachgang geführt, dann nämlich wenn sich der Kandidat noch einmal online beworben hat. Alfred Quenzler sagt: „Um das Unternehmen wirklich kennen zu lernen, ist das Bewerbungsgespräch bei Audi vor Ort unverzichtbar.“ Jobmessen könnten nur ein erster Schritt sein, „entschieden wird dort noch nichts“. Allerdings: Umsonst, so bekräftigt Quenzler, sei der Messebesuch für Bewerber in keinem Fall. Anhand einer von Audi ausgegebenen Kontaktkarte wird der Bewerber dem Gesprächspartner zugeordnet und der Bewerbungsprozess im Unternehmen knüpft nahtlos an das Messe-Gespräch an.
Eder und Renc hatten solches Glück nicht. Einen Job aber haben beide mittlerweile dennoch in Aussicht. Sie haben einfach gleich den Onlineweg gewählt. Und auch mit dieser Entscheidung stehen sie keineswegs alleine. Nicht nur bei den Unternehmen, sondern auch bei den Bewerbern, so lautet ein weiteres Ergebnis der Uni Frankfurt, nimmt das Interesse an Jobmessen in der derzeitigen Form kontinuierlich ab. 2006 nutzten gerade einmal 5, 5 Prozent der Jobsuchenden die Möglichkeit Messe. Ein Jahr zuvor war ein noch ein Drittel mehr.