20.08.2007 · Im Kampf um die Super-Studenten warten die Universitäten Freiburg und Konstanz mit einem neuen Coup auf: Alle Studenten, die einen höheren Intelligenzquotienten als 130 besitzen, werden von den Gebühren befreit.
Von Kilian TrotierSo sehen sie also aus, die ersten zarten Versuche des neuen Wettbewerbs in der deutschen Hochschullandschaft. Als Objekt der Begierde gelten die potentiellen Top-Studenten der Zukunft. Sie sollen mit der nun zur Verfügung stehenden Wettbewerbswaffe „Erlass der Studiengebühren“ an die jeweiligen Bildungseinrichtungen gelockt werden. Da aber - ähnlich wie im Sport - der weitere Werdegang von Bildungstalenten nur bedingt vorhersagbar ist, nutzen die Hochschulen unterschiedliche Methoden, um zielsicher die schlausten, intelligentesten und besten Kandidaten aus der großen Bewerbersuppe herauszufischen.
Vier Verfahren haben sich dabei bislang etabliert. Einige Hochschulen wie etwa die Universität Tübingen greifen auf den Numerus clausus des Abiturzeugnisses zurück und befreien alle Neuankömmlinge, die einen überdurchschnittlich guten Schulabschluss haben, für einige Semester von den Studiengebühren. Andere Bildungseinrichtungen, beispielsweise die Universität Passau, vertrauen ebenso auf eine Fremdbeurteilung der Leistungsfähigkeit und sehen von einer finanziellen Belastung der Stipendiaten der elf großen Begabtenförderungswerke ab. Interne Bewerbungsverfahren für die begehrten pekuniären Freifahrtscheine gelten unter anderem an der Universität Saarbrücken als das probateste Mittel, die hochbegabte Spreu vom Weizen zu trennen. Zu guter Letzt, etwa in Hamburg, haben sich einige Hochschulen der klassischen Methode der Leistungsbelohnung entsonnen: Sie ermöglichen den besten Studenten in den jeweiligen Fachbereichen ein gebührenfreies Studium.
„Mensa“-Ergebnis entscheidend
Damit hat sich das kreative Potential der Hochschulen aber noch nicht erschöpft. In der vergangenen Woche traten die baden-württembergischen Universitäten Freiburg und Konstanz mit dem neusten Coup im Kampf um die Super-Studenten an die Öffentlichkeit. „Alle Studenten, die einen höheren Intelligenzquotienten als 130 besitzen, werden von den Gebühren befreit“, lautet ihre Parole. Die Testergebnisse des Hochbegabtenvereins „Mensa“ gelten als maßgebend. Ob die in ein Punktesystem gegossene Intelligenz auch wirklich in dem spezifischen Studienbereich des Einzelnen zur Entfaltung kommt, interessiert ebenso wenig wie persönliche Eigenschaften der Bewerber jenseits der Testbefunde.
Die deutschen Hochschulen haben sich damit in einen Wettbewerb um die besten Studenten begeben, der Gefahr läuft, eine zentrale Aufgabe der Bildungseinrichtungen - durch den Hochschulabschluss zu ermitteln, welche Studenten in den verschiedenen Fachbereich die absolute Leistungsspitze bilden und als hochbegabt angesehen werden können - unsystematisch vorwegzunehmen. Nicht im Studium selber soll, etwa durch strenge Prüfungen, ermittelt werden, wer begabt ist. Vielmehr wird die Auslese vorverlagert.
Jahrelang haben die Universitäten gefordert, sich ihre Studenten selbst aussuchen zu dürfen. Am Freiburger und Konstanzer Verfahren entspricht das Bemühen, potentielle Top-Studenten durch ein Anreizsystem der finanziellen Belohnung an die jeweiligen Institute zu locken, diesem Grundgedanken der Hochschulautonomie. Aber im selben Moment, in dem sie ihm zu entsprechen versuchen, delegieren beide Universitäten die Entscheidung darüber, was Begabung ist, auch schon wieder weg: an ein abstraktes und desozialisiertes Testverfahren, dessen Anforderungen nichts mit denen der Universität zu tun haben. Alle ausgelagerten Hochbegabtenfindungsvarianten, die einen allgemeinen Intelligenztest als Kriterium akzeptieren, tragen insofern der Bildungsaufgabe von Hochschulen keinerlei Rechnung.