Home
http://www.faz.net/-gyl-780j5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Interview Schwänzen ist respektlos

Der Vorsitzende des Philosophischen Fakultätentages, Tassilo Schmitt, fordert die Anwesenheitspflicht an der Hochschule. Allerdings: Nur dasitzen reicht ihm nicht aus. „Man muss sich aktiv einbringen“, sagt er.

© Mac Fotoservice Vergrößern Tassilo Schmitt ist Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages.

Herr Schmitt, gibt es noch eine Anwesenheitspflicht an den Unis?

Das ist in den Prüfungsordnungen sehr unterschiedlich geregelt. So würde niemand einem Mediziner die Approbation gegeben, wenn er nicht regelmäßig käme. In Fächern, wo die Laborplätze knapp sind, ist das nicht anders machbar. Aber Zeit ist ein knappes Gut! Generell herrscht Einigkeit darüber, dass man eine Anwesenheitspflicht nur für Übungen und Seminare einfordern kann, nicht für Vorlesungen.

Warum ist die Pflicht in den Geisteswissenschaften notwendig?

Studentenvertreter meinen, sie sei mit der Studierfreiheit nicht vereinbar. Dagegen steht formal sogar höher gewichtig die Lehrfreiheit des Dozenten. In den Geisteswissenschaften besteht der Kern eines Seminars ja aus dem Gespräch, hier sollen Methoden erprobt und eingeübt werden. Auch sollten alle Teilnehmer auf dem gleichen Stand sein. Wenn ständig jemand fehlt, kann man keine gemeinsame Grundlage voraussetzen. Diese zu erarbeiten und zu erweitern, liegt in der Verantwortung aller Beteiligten. Völlig inakzeptabel ist es, wenn Studenten ohne guten Grund Veranstaltungen versäumen und hinterher in der Sprechstunde um Einzelberatung bitten, um trotzdem für die Prüfung vorbereitet zu sein. Als Dozent nehme ich mir lieber Zeit für die, die sich aktiv engagieren.

Schwänzen denn wirklich so viele Studenten die Veranstaltungen?

Man hat den Eindruck, dass manche vor allem gegen Ende des Semesters einen großen Druck empfinden, um sich auf bestimmte Prüfungen vorzubereiten. Das geht dann zu Lasten anderer Veranstaltungen, und das geht so weit, dass sie nicht erscheinen, obwohl sie selbst im Seminar Beiträge abzuliefern hätten. Das ist mangelnder Respekt sowohl den Lehrenden als auch den Kommilitonen gegenüber.

Was halten Sie von der Regelung, Anwesenheit-Credits auf die Klausurnote anzurechnen?

Gar nichts. Nur Dasitzen bringt nichts, man muss sich aktiv einbringen. Das ist die klassische Unterscheidung zwischen notwendiger und hinreichender Bedingung: Es ist notwendig, dass man anwesend ist, aber nicht hinreichend. Man muss schon mitmachen.

Aber wie soll man in einem Seminar mit 100 Leuten mitmachen?

Da sind natürlich die Lehrenden und die Verantwortlichen in der Verwaltung gefragt. Man muss vernünftige Obergrenzen definieren und dann auch Klein-, Untergruppen und Tutorien bilden. Ein gutes Seminarziel kann mit zu vielen Teilnehmern natürlich nicht erreicht werden. Es kann natürlich nicht sein, dass sich Seminare von Vorlesungen nur dadurch unterscheiden, dass jetzt die Studenten es sind, die etwas vorlesen.

Mehr zum Thema

Das Gespräch führte Birgitta vom Lehn.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kritik an Herfried Münkler Asymmetrische Kriegsführung im Hörsaal

Studenten unterstellen einem Professor in einem Blog Rassismus und Sexismus. Der ist den Vorwürfen wehrlos ausgesetzt, denn auch wenn die Kritiker reden, wollen sie in der Anonymität bleiben. Mehr Von Mona Jaeger, Berlin

26.05.2015, 12:35 Uhr | Politik
Philippinische Tradition Studenten nackt gegen Korruption

In Manila, der Hauptstadt der Philippinen, haben dutzende Studenten gegen Korruption in der Politik protestiert, indem sie nackt über den Campus der Universität gelaufen sind. Dabei ist der Lauf gar nicht so ungewöhnlich, sondern gehört zur philippinischen Tradition. Mehr

12.12.2014, 16:09 Uhr | Gesellschaft
Attacken an Humboldt-Uni Unser Professor, der Rassist

Anonyme Gruppen wollen Wissenschaftler an der Humboldt-Uni in Berlin einschüchtern. Sie streuen üble Gerüchte im Netz, schon mehrere Dozenten haben ihren Zorn abbekommen. Was bedeutet das für eine Uni? Mehr Von Friederike Haupt

17.05.2015, 18:49 Uhr | Politik
Proteste gegen Bildungsreform Polizei stoppt Studentenprotest in Burma

Die Polizei in Burma hat mehrere Studenten festgenommen: Seit Tagen hatten sich Polizei und Studenten in der Stadt Letpadan gegenüber gestanden. Die Studenten protestierten gegen eine Bildungsreform. Mehr

10.03.2015, 17:30 Uhr | Politik
Hochschulen Wie aus Massen Klassen werden

Wenn fast alle studieren sollen, studiert am Ende keiner mehr. Universitäten werden zu Zertifikatagenturen für Studenten, die wieder zu Schülern werden. Mehr Von Stefan Kühl

14.05.2015, 22:49 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.04.2013, 15:00 Uhr