Home
http://www.faz.net/-gyl-780j5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 22.04.2013, 15:00 Uhr

Interview Schwänzen ist respektlos

Der Vorsitzende des Philosophischen Fakultätentages, Tassilo Schmitt, fordert die Anwesenheitspflicht an der Hochschule. Allerdings: Nur dasitzen reicht ihm nicht aus. „Man muss sich aktiv einbringen“, sagt er.

© Mac Fotoservice Tassilo Schmitt ist Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages.

Herr Schmitt, gibt es noch eine Anwesenheitspflicht an den Unis?

Das ist in den Prüfungsordnungen sehr unterschiedlich geregelt. So würde niemand einem Mediziner die Approbation gegeben, wenn er nicht regelmäßig käme. In Fächern, wo die Laborplätze knapp sind, ist das nicht anders machbar. Aber Zeit ist ein knappes Gut! Generell herrscht Einigkeit darüber, dass man eine Anwesenheitspflicht nur für Übungen und Seminare einfordern kann, nicht für Vorlesungen.

Warum ist die Pflicht in den Geisteswissenschaften notwendig?

Studentenvertreter meinen, sie sei mit der Studierfreiheit nicht vereinbar. Dagegen steht formal sogar höher gewichtig die Lehrfreiheit des Dozenten. In den Geisteswissenschaften besteht der Kern eines Seminars ja aus dem Gespräch, hier sollen Methoden erprobt und eingeübt werden. Auch sollten alle Teilnehmer auf dem gleichen Stand sein. Wenn ständig jemand fehlt, kann man keine gemeinsame Grundlage voraussetzen. Diese zu erarbeiten und zu erweitern, liegt in der Verantwortung aller Beteiligten. Völlig inakzeptabel ist es, wenn Studenten ohne guten Grund Veranstaltungen versäumen und hinterher in der Sprechstunde um Einzelberatung bitten, um trotzdem für die Prüfung vorbereitet zu sein. Als Dozent nehme ich mir lieber Zeit für die, die sich aktiv engagieren.

Schwänzen denn wirklich so viele Studenten die Veranstaltungen?

Man hat den Eindruck, dass manche vor allem gegen Ende des Semesters einen großen Druck empfinden, um sich auf bestimmte Prüfungen vorzubereiten. Das geht dann zu Lasten anderer Veranstaltungen, und das geht so weit, dass sie nicht erscheinen, obwohl sie selbst im Seminar Beiträge abzuliefern hätten. Das ist mangelnder Respekt sowohl den Lehrenden als auch den Kommilitonen gegenüber.

Was halten Sie von der Regelung, Anwesenheit-Credits auf die Klausurnote anzurechnen?

Gar nichts. Nur Dasitzen bringt nichts, man muss sich aktiv einbringen. Das ist die klassische Unterscheidung zwischen notwendiger und hinreichender Bedingung: Es ist notwendig, dass man anwesend ist, aber nicht hinreichend. Man muss schon mitmachen.

Aber wie soll man in einem Seminar mit 100 Leuten mitmachen?

Da sind natürlich die Lehrenden und die Verantwortlichen in der Verwaltung gefragt. Man muss vernünftige Obergrenzen definieren und dann auch Klein-, Untergruppen und Tutorien bilden. Ein gutes Seminarziel kann mit zu vielen Teilnehmern natürlich nicht erreicht werden. Es kann natürlich nicht sein, dass sich Seminare von Vorlesungen nur dadurch unterscheiden, dass jetzt die Studenten es sind, die etwas vorlesen.

Mehr zum Thema

Das Gespräch führte Birgitta vom Lehn.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kurdische Universität Dohuk Aufbruch im Schatten des Krieges

Im kurdischen Teil des Iraks liegt nicht alles in Trümmern. An der erstaunlich modernen Universität von Dohuk plant man mit deutscher Hilfe den Wiederaufbau. Mehr Von Einhard Schmidt-Kallert

10.02.2016, 15:16 Uhr | Feuilleton
Kleidungsstück für Flüchtlinge Mantel verwandelt sich in Zelt oder Schlafsack

Britische Designstudenten haben ein Kleidungsstück für Flüchtlinge entwickelt, das sich verwandeln kann. Der Mantel, den die Studenten des Royal College of Art entworfen haben, kann sich in ein Zelt oder einen Schlafsack verwandeln. Außerdem ist er reißfest, wasserdicht und atmungsaktiv. Um in die Massenproduktion zu gehen, haben die Studenten eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Mehr

10.02.2016, 17:08 Uhr | Gesellschaft
Mobilgeräte an der Uni Kuli schlägt Computer

Sind Smartphones und Tablets an Hochschulen Fluch oder Segen? Kritiker malen ein düsteres Bild und klagen über geistig abwesende Studenten. Dabei verweisen sie auf erstaunliche Zahlen. Mehr Von Deike Uhtenwoldt

12.02.2016, 05:54 Uhr | Beruf-Chance
Amerika Trump zieht Solo-Show durch

Der umstrittene republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump hat seine Drohung wahr gemacht und die letzte Fernsehdebatte mit seinen Rivalen vor dem Vorwahl-Auftakt in Iowa boykottiert. Gut eine Viertelstunde nach Beginn der Debatte in Des Moines trat Trump knapp fünf Kilometer entfernt bei einer von ihm organisierten Veranstaltung zur Unterstützung von Armeeveteranen auf. Mehr

29.01.2016, 14:33 Uhr | Politik
Sicherheitskonferenz Der Terminplan

Syrien und die Flüchtlingskrise werden die bestimmenden Themen der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz vom 12. bis 14. Februar sein. Doch es geht auch um China, Afrika, die Menschenrechte und die Zukunft der Kriegsführung. Mehr

11.02.2016, 17:00 Uhr | Politik