13.08.2010 · Viele schimpfen auf die Studienreform. Dabei hat sich nach Auskunft der Hochschulforscher im Studium kaum etwas geändert. Die Studenten selbst halten die Reform sogar oft für richtig, sagt Martin Winter vom Institut für Hochschulforschung Wittenberg.
Sie haben die Auswirkungen der Bologna-Reform auf die Studienpläne untersucht. Mit welchem Ergebnis?
Wir haben uns die Fächer Chemie, Maschinenbau und Soziologie an drei Standorten angeschaut. Tatsächlich war, abgesehen von den rein formalen Strukturen, kein tiefgreifender Wandel festzustellen. Hinsichtlich der Inhalte und Lehrformen hat sich am meisten bei den Soziologen getan, die jetzt mehr Projektarbeit verlangen und einige Bindestrich-Fächer zu Modulen zusammengefasst haben. Viel stärker als die Reform wirkt in dieser Hinsicht der personelle Wechsel, vor allem durch die Neubesetzung von Professuren.
Angeblich hat aber die Arbeits- und Prüfungsbelastung der Studenten zugenommen. Können Sie das bestätigen?
Das ist nach unseren Ergebnissen unterschiedlich: In der Chemie sind es mehr Lehrveranstaltungsstunden, im Maschinenbau gleich viele, in der Soziologie sogar weniger als vor der Reform. Auch in repräsentativen Befragungen von Studenten ergibt sich kein einheitliches Bild.
Über die Inflation der Prüfungen klagen dagegen sogar die Lehrenden.
Ja, aber auch hier fällt der Vergleich schwer. Wie rechnet man etwa die Belastung durch eine Hausarbeit in den Lernaufwand vor einer Prüfung um? Übrigens halten die Studenten mehrheitlich die Reform insgesamt für richtig, die Dozenten sind hier etwas skeptischer.
Ist die Schärfe der Diskussion über die Reform angesichts dieser Resultate überhaupt gerechtfertigt?
Man sollte das wohl etwas relativieren. Um eine Jahrhundertreform handelt es sich jedenfalls nicht, schon eher um eine Vierteljahrhundertreform - so ähnlich wie die Einführung der Magisterstudiengänge in den 60er Jahren. Eine deutliche formale Zäsur stellt die Reform allerdings schon dar. Außerdem fällt sie zusammen mit einem Mentalitätswandel - sowohl bei den Studenten als auch bei den Dozenten.
Wie drückt sich dieser Wandel aus?
Die Studenten orientieren sich stärker an den Anforderungen des Berufslebens, an den Leistungsvorgaben, an Prüfungen und an formalen Vorgaben wie der Regelstudienzeit. All das wird heute wichtiger genommen als früher.
Ist das nicht auch eine Folge der Reform, die von vielen als von oben übergestülpt wahrgenommen wird?
Das trifft nicht unbedingt zu. Die von uns befragten Fachbereiche berichteten uns beispielsweise, sie hätten keine engen Vorgaben von den Landesregierungen und Hochschulleitungen bekommen. Vielmehr hatten sie bei der Umstellung auf die neuen formalen Strukturen große inhaltliche Freiheit. Aus einigen Aussagen von Lehrenden spricht aber ein mangelndes Vertrauen in die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft der Studenten. Man glaubt deshalb, starre Vorgaben machen zu müssen. So kam es mancherorts zu einer Art Übererfüllung der Studienreform.
2010 ist das Zieljahr der 1999 vereinbarten Reform. Ist sie tatsächlich am Ende?
Die meisten Studiengänge sind umgestellt. Was jetzt kommt, ist weniger Bologna 2.0 als vielmehr die Detailarbeit. Eine Revolution im Sinne einer Neustrukturierung oder inhaltlichen Neuausrichtung erwarte ich aber nicht. Maschinenbau bleibt Maschinenbau - und das ist ja vielleicht auch ganz gut so.
Verzerrte Darstellung
Jörn C. Wilhelmi (GrussausSydney)
- 13.08.2010, 04:59 Uhr
Bologna ist nur der Gipfel...
Michael Völkel (RauesHolz)
- 13.08.2010, 05:00 Uhr
kaum was verändert...
Andreas Nathan (ANathan)
- 13.08.2010, 09:31 Uhr
Die Diskussion über Bologna ist übertrieben“
Hans-Ulrich Grefe (Ha_Ulrich)
- 13.08.2010, 14:38 Uhr
Nicht überraschend
Thorsten Haupts (ThorHa)
- 13.08.2010, 15:34 Uhr