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Inspiration für Studenten : Mit Ratten die Welt verbessern

  • -Aktualisiert am

Pionierarbeit: Sozialunternehmer Bart Weetjens erklärt Studentinnen sein Projekt „Hero Rat“. Bild: Marcus Kaufhold

Ein Mönch, der Landminen aufspüren lässt, eine blinde Forscherin, die allein durch Tibet reist: Von solchen Persönlichkeiten sollen sich Studenten der EBS inspirieren lassen. Reportage von einem besonderen Workshop.

          Riesenhamsterratten sind normalerweise nicht Gegenstand des Lehrstoffs an der EBS-Universität für Wirtschaft und Recht. Einige Zuhörer schauen dann auch skeptisch, als Bart Weetjens in der Bibliothek der Privathochschule von seinen tierischen Helden erzählt. Andere Studenten sind dagegen gleich begeistert von der Idee des Belgiers: Weetjens hat die Nager darauf trainiert, Landminen aufzuspüren.

          „Die Tiere sind in der Lage, explosive Stoffe zu erschnüffeln“, erklärt er. Haben die Ratten eine Mine gefunden, kratzen sie an ihr, ohne die Sprengfalle auszulösen. 1997 rief Weetjens das Projekt „Hero Rat“ ins Leben; seitdem hat er unzählige Ratten in wochenlanger Arbeit zu Minensuchern ausgebildet. Auch sonst versteht sich Weetjens auf mentale Ausdauerleistungen: Der Fünfzigjährige ist Zen-Mönch.

          Zu seinem Vortrag sind die EBS-Studenten gekommen, um sich inspirieren zu lassen – auch wenn nur die wenigsten ernsthaft erwägen dürften, in ein Zen-Kloster einzutreten oder Ratten für gemeinnützige Zwecke zu trainieren. „VIP-Curriculum“ heißt der einwöchige Workshop für zukünftige Führungskräfte, der auf dem Campus der Hochschule in Oestrich-Winkel stattfindet. „VIP“ steht in diesem Fall für „Very Inspiring People“, also für Menschen, die anderen als kreative Vorbilder dienen sollen. Indem sie solchen Anregern zuhören, sollen die Studenten Mut für eigene Projekte entwickeln – zum Beispiel für ein Startup-Unternehmen oder eine soziale Initiative.

          Mehr als 300 ausgebildete Ratten

          Bart Weetjens hat schon als Kind Nagetiere gezüchtet. „Ratten sind extrem schlau und verfügen über einen guten Geruchssinn“, erklärt der Sozialunternehmer. Außerdem haben die Tiere viele logistische Vorteile. Sie brauchten wenig Platz und Nahrung. Zudem würden sie selten krank. Derzeit besitzt „Hero Rat“ mehr als 300 ausgebildete Ratten. In Südamerika, Afrika und Südostasien werden sie eingesetzt, um große Landstriche von Minen zu säubern. Bisher sei kein Nager dabei getötet worden, berichtet Weetjens. „Die Tiere sind zu leicht, um eine Sprengfalle auszulösen.“

          Viele der 35 Studenten, die Weetjens zuhören, kommen aus dem Ausland. Halyna Stakhurska-Weihe zum Beispiel, die sich an der EBS zum Master of Business Administration ausbilden lässt, ist Ukrainerin. Was Weetjens berichtet, berührt sie auch persönlich: „Durch den Ukraine- Konflikt sterben in Osteuropa derzeit sehr viele Menschen – auch durch Landminen.“ Das Projekt des Belgiers gebe ihr Hoffnung, dass die Minen in der Ukraine bald sicher entfernt werden könnten.

          Kerstin Humberg hat die Workshop-Woche mit Honorarprofessor Andreas Heinecke organisiert. Die Trainerin für positive Psychologie will den Studenten in erster Linie vermitteln, wie wichtig es sei, eigene Ziele und Werte zu definieren und sich auch von Schwierigkeiten im beruflichen Leben nicht abschrecken zu lassen. „Die VIPs sollen den Studenten im persönlichen Dialog erläutern, was sie motiviert und welche Krisen sie in ihrem beruflichen Leben schon meistern mussten.“ Oft zeigten die Gespräche, dass Rückschläge auch Gutes bewirken könnten.

          Frauen in Vietnam und eine blinde Forscherin

          Während der Workshop-Woche absolvieren die Studenten ein straffes Programm. Der Tag beginnt mit einer Theoriestunde, in der sich die Teilnehmer theoretisch mit Management beschäftigen. Danach tauschen sie sich mit den Gastrednern aus. Die Studenten stellen deren Lebenswege vor und diskutieren danach gemeinsam über kritische Stationen. Zum Schluss werden in Gruppen persönliche Erfahrungen ausgetauscht. Eine Workshop-Teilnehmerin erzählt von ihren Erfahrungen als Frau in Vietnam. In ihrem Heimatland musste sie oft gegen Vorurteile kämpfen. Seitdem sie in Deutschland studiere, habe sie das Gefühl, gleichberechtigt und akzeptiert zu sein.

          Inspirierende Geschichten erzählen beim Workshop auch andere VIPs. Wellington Nogueira zum Beispiel präsentiert sein Projekt „Doctors of Joy“. Der Brasilianer hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Krankenhausaufenthalt für Kinder erträglicher zu machen. Dafür schlüpft er regelmäßig in ein Clown-Kostüm und bringt die jungen Patienten zum Lachen. Auch Sabriye Tenberken hat einen beeindruckenden Lebenslauf. Die Tibetologin erblindete im Alter von zwölf Jahren. 1997 reiste sie allein nach Tibet, wo sie ein Jahr später gemeinsam mit dem Niederländer Paul Kronenberg das Blindenzentrum „Braille Without Borders“ gründete. Behinderte werden in Tibet oft stigmatisiert. In ihrer Blindenschule will Tenberken Kindern helfen, ihren Alltag selbstbewusst und eigenständig zu meistern.

          Björn Maaß war zu Beginn des Workshops skeptisch, ob er von den Gastrednern viel werde lernen können. Doch im Lauf der Woche hat sich seine Meinung geändert. „Die positive Einstellung der VIPs hat auf mich abgefärbt“, sagt der 32 Jahre alte Masterstudent. Er habe vor, sich künftig mehr zu engagieren. Ein soziales Unternehmen zu gründen, kann sich Maaß aber nicht vorstellen: „Lieber möchte ich als normaler Unternehmer solche Projekte privat unterstützen.“

          Quelle: F.A.Z.

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