http://www.faz.net/-gyl-73pts

Innovationsmethode „Design Thinking“ : Testlabor für eine bessere Welt

Prototyp des Joghurtbecherspenders Bild: Matthias Lüdecke

Studenten vieler Fachrichtungen lernen am Hasso-Plattner-Institut „Design Thinking“, um nützlichere Produkte zu entwerfen. Der Weg darf mit Fehlschlägen gepflastert sein.

          Das rote Ikea-Sofa steht auf Rollen, die orangefarbenen Sitzwürfel sind so leicht, dass sie auch ein Kind verschieben könnte. Alles ist flexibel im Ruheraum der HPI School of Design Thinking des Hasso-Plattner-Instituts an der Universität Potsdam. Obwohl sich die Studenten der Innovationsmethode Design Thinking hier eigentlich entspannen sollen, nutzen sie den Ort oft, um ihren Ideen freien Lauf zu lassen. Sie wollen Produkte, Dienstleistungen und Konzepte entwerfen, die tatsächlich den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Dafür stapeln sie dann die Sitzwürfel, um eine Verkaufssituation an einer Ladentheke zu simulieren oder ein Abteil der Berliner S-Bahn. Schnell und unkompliziert, aber dennoch so echt wie möglich bauen sie die Umgebung nach, die sie verbessern wollen. „Einer macht dann die Fahrgeräusche“, sagt Ulrich Weinberg und fängt gleich selbst an. „Brrrrrrrrr“, brummt der Professor.

          Die Absolventen kommen aus vielen Fachrichtungen

          Seit fünf Jahren leitet Weinberg den ein- bis zweisemestrigen Studiengang Design Thinking in Potsdam, der als akademische Zusatzausbildung angelegt ist. Seitdem haben er und seine derzeit 45 Dozenten rund 500 Studenten in der Endphase ihres eigentlichen Studiengangs beigebracht, möglichst originelle Lösungen für komplexe Problem zu entwickeln. Zu den Absolventen gehören Mediziner, Betriebswirte, Biologen, Psychologen, Religionswissenschaftler oder Juristen. Insgesamt durchliefen Studenten aus 75 Fachrichtungen und 22 Nationen den Lehrgang, der mit einem Zertifikat abschließt. Sie alle wollten lernen, kreativer zu sein.

          Der Ansatz stammt aus den Vereinigten Staaten. Vor 21 Jahren entwickelten die Professoren Terry Winograd, Larry Leifer und David Kelley die Methode an der Stanford-Universität. Ihr Ansatz war, neue Waren oder Dienstleistungen nicht allein auf der Grundlage zu entwickeln, ob sie technisch und wirtschaftlich machbar sind. Stattdessen fragten sie: Was nützt den Anwendern und damit auch potentiellen neuen Kunden am meisten? Herausgefunden haben sie, dass bessere Lösungen dann entstehen, wenn Gruppen von vier bis sechs Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenarbeiten.

          2005 gründeten die Professoren in Stanford mit Fördergeld des deutschen SAP-Gründers und Milliardärs Hasso Plattner die erste „D-School“. 2007 holte Plattner das Konzept an das nach ihm benannte und ebenfalls geförderte Institut in Potsdam. Hier lernen inzwischen 240 Studenten im Jahr, schöpferisch zu sein.

          Kontrolliertes Chaos soll Kreativität schaffen

          Dazu verwandeln sie ihren Arbeitsraum in ein Chaos. Bevor sich die Studenten etwa fragen, wie sie den Eincheck-Prozess am Flughafen verbessern oder den Lebensmitteleinkauf im Internet voranbringen können, wirkt alles noch steril: Im Raum stehen bauchnabelhohe Tische, daneben weiße Tafeln - beides auf Rollen. Dann kommen die Kreativen, schreiben mit farbigen abwaschbaren Filzstiften auf die Tafeln und Tische oder bekleben sie mit knallbunten Haftzetteln. Sie basteln mit Knetgummi, Karton, Schere, und Klebestift an den ersten Prototypen, oder bauen ihn mit Legosteinen.

          “Im Arbeitsraum entsteht so ein physischer Informationsraum“, erklärt Weinberg. „Hier lernen sich die Studenten zu orientieren, auch wenn es erst einmal total unordentlich wirkt.“ So durcheinander bleibt es auch: In den Projektphasen sind die Reinigungskräfte der Schule angewiesen, auf dem Boden klebende Zettel auf keinen Fall wegzuräumen. Auf einem von ihnen könnte ja die alles entscheidende Idee stehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          AfD : Alice Weidel und das Lachen im Halse

          Die Reden der AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel sind entweder hämisch oder zornig. Das Gift ihres „Kopftuch-Mädchen“-Satzes hat vor Jahren jedoch ein anderer in die Debatte geträufelt. Ein Kommentar.

          Trumps Sicherheitsberater : Der Falke unter den Falken

          Trumps Nationaler Sicherheitsberater John Bolton hat sein Netzwerk aus rechten Politikberatern mit ins Weiße Haus gebracht. Sogar bei Personalfragen holt er sich Hilfe aus einem Büro in Washington. Sicherheitsexperten sind alarmiert.

          Steuererklärung ohne Belege : Schummelt es sich nun leichter?

          Eine Neuerung in der Steuererklärung sorgt für besonders viel Wirbel: Ab sofort müssen keine Belege mehr eingereicht werden. Was Finanzbeamte und Steuerzahler freut, könnten andere als die Einladung zum Tricksen verstehen.

          Hamburger gegen neuen Bahnhof : Ein neues Stuttgart 21?

          Die Bahn will den veralteten Kopfbahnhof Hamburg-Altona schließen und an anderer Stelle neu bauen. Dagegen formiert sich Protest. Anwohner warnen vor einer „riesigen Verschwendung von Steuergeldern“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.