Das rote Ikea-Sofa steht auf Rollen, die orangefarbenen Sitzwürfel sind so leicht, dass sie auch ein Kind verschieben könnte. Alles ist flexibel im Ruheraum der HPI School of Design Thinking des Hasso-Plattner-Instituts an der Universität Potsdam. Obwohl sich die Studenten der Innovationsmethode Design Thinking hier eigentlich entspannen sollen, nutzen sie den Ort oft, um ihren Ideen freien Lauf zu lassen. Sie wollen Produkte, Dienstleistungen und Konzepte entwerfen, die tatsächlich den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Dafür stapeln sie dann die Sitzwürfel, um eine Verkaufssituation an einer Ladentheke zu simulieren oder ein Abteil der Berliner S-Bahn. Schnell und unkompliziert, aber dennoch so echt wie möglich bauen sie die Umgebung nach, die sie verbessern wollen. „Einer macht dann die Fahrgeräusche“, sagt Ulrich Weinberg und fängt gleich selbst an. „Brrrrrrrrr“, brummt der Professor.
Die Absolventen kommen aus vielen Fachrichtungen
Seit fünf Jahren leitet Weinberg den ein- bis zweisemestrigen Studiengang Design Thinking in Potsdam, der als akademische Zusatzausbildung angelegt ist. Seitdem haben er und seine derzeit 45 Dozenten rund 500 Studenten in der Endphase ihres eigentlichen Studiengangs beigebracht, möglichst originelle Lösungen für komplexe Problem zu entwickeln. Zu den Absolventen gehören Mediziner, Betriebswirte, Biologen, Psychologen, Religionswissenschaftler oder Juristen. Insgesamt durchliefen Studenten aus 75 Fachrichtungen und 22 Nationen den Lehrgang, der mit einem Zertifikat abschließt. Sie alle wollten lernen, kreativer zu sein.
Der Ansatz stammt aus den Vereinigten Staaten. Vor 21 Jahren entwickelten die Professoren Terry Winograd, Larry Leifer und David Kelley die Methode an der Stanford-Universität. Ihr Ansatz war, neue Waren oder Dienstleistungen nicht allein auf der Grundlage zu entwickeln, ob sie technisch und wirtschaftlich machbar sind. Stattdessen fragten sie: Was nützt den Anwendern und damit auch potentiellen neuen Kunden am meisten? Herausgefunden haben sie, dass bessere Lösungen dann entstehen, wenn Gruppen von vier bis sechs Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenarbeiten.
2005 gründeten die Professoren in Stanford mit Fördergeld des deutschen SAP-Gründers und Milliardärs Hasso Plattner die erste „D-School“. 2007 holte Plattner das Konzept an das nach ihm benannte und ebenfalls geförderte Institut in Potsdam. Hier lernen inzwischen 240 Studenten im Jahr, schöpferisch zu sein.
Kontrolliertes Chaos soll Kreativität schaffen
Dazu verwandeln sie ihren Arbeitsraum in ein Chaos. Bevor sich die Studenten etwa fragen, wie sie den Eincheck-Prozess am Flughafen verbessern oder den Lebensmitteleinkauf im Internet voranbringen können, wirkt alles noch steril: Im Raum stehen bauchnabelhohe Tische, daneben weiße Tafeln - beides auf Rollen. Dann kommen die Kreativen, schreiben mit farbigen abwaschbaren Filzstiften auf die Tafeln und Tische oder bekleben sie mit knallbunten Haftzetteln. Sie basteln mit Knetgummi, Karton, Schere, und Klebestift an den ersten Prototypen, oder bauen ihn mit Legosteinen.
“Im Arbeitsraum entsteht so ein physischer Informationsraum“, erklärt Weinberg. „Hier lernen sich die Studenten zu orientieren, auch wenn es erst einmal total unordentlich wirkt.“ So durcheinander bleibt es auch: In den Projektphasen sind die Reinigungskräfte der Schule angewiesen, auf dem Boden klebende Zettel auf keinen Fall wegzuräumen. Auf einem von ihnen könnte ja die alles entscheidende Idee stehen.
Das Chaos ist Prinzip - und erwünscht. In ihm entwickeln die angehenden Design-Denker in verschiedenen Schritten erste Ideen und Projekte. Die Innovationzeiträume im Kurs reichen von einer Stunde bis zu zwölf Wochen, je nachdem, ob die Studenten im ersten oder zweiten Semester sind. Doch egal, wie viel Zeit die Studenten haben, der Ablauf bleibt immer gleich: Am Anfang steht ein Problem. Auf dem Weg zu dessen Lösung versuchen die Studenten zuerst das Problem zu verstehen. Dann beobachten sie, wie es bisher in der Realität gelöst wird. Sie nehmen einen Standpunkt zum Problem ein, möglicherweise auch einen neuen, bisher unbeachteten. Davon ausgehend entwickeln sie Lösungsansätze, gestalten einen Prototypen und testen diesen ganz am Ende.
Vor dem Arbeitsraum stehen einige Objekte, die auf diese Weise entstanden sind. Zum Beispiel ein Kasten mit Plexiglasröhren, in denen hintereinander Joghurtbecher stecken. Der Becherspender ist die Idee für ein neuartiges Kühlregal, an dem der Kunde nicht den am längsten haltbaren Joghurt von ganz hinten herausfischt. Der Spender soll selbstgesteuert die Produkte nach ihrer Haltbarkeit herausgeben, außerdem Energie sparen und dafür sorgen, dass weniger Milchprodukte verfallen.
Der „Noodle-Booster“ ist dagegen eine umgebaute Plastikflasche mit Griff, in der der Anwender in Zukunft seine Nudelsuppe direkt kochen soll. Über das schräg oben angebrachte Mundstück soll er auch unterwegs daran nippen können, ohne sich das Hemd zu besudeln. Vom Elektroanschluss per USB-Kabel ist noch nichts zu sehen - aber es ist die Idee, die zählt.
Alle diese Entwürfe sind im Team entstanden - das ist eine der elf Regeln, die im Arbeitsraum an der Wand hängen. Andere Vorgaben sind: „Denkt nutzerorientiert“, „Ermutigt wilde Ideen“ oder „Scheitert früh und oft“.
Obwohl die Studenten also Fehlschläge produzieren sollen, bleibt es meistens nicht dabei. Dass viele der Ideen auch tatsächlich in die Realität umgesetzt werden, dafür sorgen Kooperationen mit Unternehmen. In den langen Projektphasen treten sie mit konkreten Aufgabenstellungen an die angehenden Design-Thinker heran. In den vergangenen fünf Jahren zählten etwa die Post, und die Telekom, aber auch die Deutsche Bahn dazu.
Design-Denker sind gefragt
Die Potsdamer Design-Denker sind gefragte Leute. Viele der Absolventen arbeiten nach der Ausbildung mit der Innovationsmethode in Unternehmen wie Nokia oder SAP. Manche haben sich auch selbständig gemacht wie Robin Mehra. Der Volkswirt aus Berlin war einer der ersten Absolventen und hat kurz nach seinem Abschluss eine eigene Agentur gegründet. Heute beraten er und seine Partnerin Bettina Michl Unternehmen und veranstalten Workshops. „Die Unternehmen haben verlernt, den Kontakt zu Kunden und potentiellen Kunden herzustellen“, sagt Mehra. „Design Thinking kann ihnen dabei helfen, schneller zu verstehen, wie die Gesellschaft sich weiterentwickelt.“
Ausbildungsleiter Weinberg beobachtet auch, dass seine Absolventen nicht nur neue Entwicklungen schneller wahrnehmen, sondern auch selbst zu ihnen beitragen. Deshalb integrieren inzwischen andere Universitäten Elemente des Design Thinkings in ihre Lehrpläne. „Wir wünschen uns, dass unsere Studenten wieder dahin zurückkehren, wo sie herstammen“, sagt Weinberg. „Und dort dann den Gedanken des Design Thinkings weiterverbreiten.“
- Die Zusatzausbildung in der D-School in Potsdam ist derzeit kostenfrei. Die Studenten müssen an zwei Tagen in der Woche anwesend sein. Die Unterrichtssprache ist Englisch.
- Die Ausbildung beginnt mit dem „Basic Track“, der erste Grundlagen vermittelt. Im zweiten Semester beginnt der „Advanced Track“, in dem auch Projekte mit externen Partnern durchgeführt werden. Ein neuer „Basic Track“ startet in jedem Hochschulsemester.
- Die Potsdamer D-School bildet nicht nur Studenten zu kreativen Querdenkern aus. Auch Berufstätige und Führungskräfte können dort die Methode in Workshops oder Coachings lernen.
- Mehr Informationen unter: www.hpi.uni-potsdam.de/studium/d_school.html
- Auch andere Universitäten im deutschsprachigen Raum lehren inzwischen Design Thinking, etwa die Universität St. Gallen in der Schweiz und die Jacobs Universität Bremen.
