http://www.faz.net/-gyl-73pts
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 24.10.2012, 06:00 Uhr

Innovationsmethode „Design Thinking“ Testlabor für eine bessere Welt

Studenten vieler Fachrichtungen lernen am Hasso-Plattner-Institut „Design Thinking“, um nützlichere Produkte zu entwerfen. Der Weg darf mit Fehlschlägen gepflastert sein.

von
© Matthias Lüdecke Prototyp des Joghurtbecherspenders

Das rote Ikea-Sofa steht auf Rollen, die orangefarbenen Sitzwürfel sind so leicht, dass sie auch ein Kind verschieben könnte. Alles ist flexibel im Ruheraum der HPI School of Design Thinking des Hasso-Plattner-Instituts an der Universität Potsdam. Obwohl sich die Studenten der Innovationsmethode Design Thinking hier eigentlich entspannen sollen, nutzen sie den Ort oft, um ihren Ideen freien Lauf zu lassen. Sie wollen Produkte, Dienstleistungen und Konzepte entwerfen, die tatsächlich den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Dafür stapeln sie dann die Sitzwürfel, um eine Verkaufssituation an einer Ladentheke zu simulieren oder ein Abteil der Berliner S-Bahn. Schnell und unkompliziert, aber dennoch so echt wie möglich bauen sie die Umgebung nach, die sie verbessern wollen. „Einer macht dann die Fahrgeräusche“, sagt Ulrich Weinberg und fängt gleich selbst an. „Brrrrrrrrr“, brummt der Professor.

Die Absolventen kommen aus vielen Fachrichtungen

Martin Gropp Folgen:

Seit fünf Jahren leitet Weinberg den ein- bis zweisemestrigen Studiengang Design Thinking in Potsdam, der als akademische Zusatzausbildung angelegt ist. Seitdem haben er und seine derzeit 45 Dozenten rund 500 Studenten in der Endphase ihres eigentlichen Studiengangs beigebracht, möglichst originelle Lösungen für komplexe Problem zu entwickeln. Zu den Absolventen gehören Mediziner, Betriebswirte, Biologen, Psychologen, Religionswissenschaftler oder Juristen. Insgesamt durchliefen Studenten aus 75 Fachrichtungen und 22 Nationen den Lehrgang, der mit einem Zertifikat abschließt. Sie alle wollten lernen, kreativer zu sein.

Der Ansatz stammt aus den Vereinigten Staaten. Vor 21 Jahren entwickelten die Professoren Terry Winograd, Larry Leifer und David Kelley die Methode an der Stanford-Universität. Ihr Ansatz war, neue Waren oder Dienstleistungen nicht allein auf der Grundlage zu entwickeln, ob sie technisch und wirtschaftlich machbar sind. Stattdessen fragten sie: Was nützt den Anwendern und damit auch potentiellen neuen Kunden am meisten? Herausgefunden haben sie, dass bessere Lösungen dann entstehen, wenn Gruppen von vier bis sechs Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenarbeiten.

2005 gründeten die Professoren in Stanford mit Fördergeld des deutschen SAP-Gründers und Milliardärs Hasso Plattner die erste „D-School“. 2007 holte Plattner das Konzept an das nach ihm benannte und ebenfalls geförderte Institut in Potsdam. Hier lernen inzwischen 240 Studenten im Jahr, schöpferisch zu sein.

Kontrolliertes Chaos soll Kreativität schaffen

Dazu verwandeln sie ihren Arbeitsraum in ein Chaos. Bevor sich die Studenten etwa fragen, wie sie den Eincheck-Prozess am Flughafen verbessern oder den Lebensmitteleinkauf im Internet voranbringen können, wirkt alles noch steril: Im Raum stehen bauchnabelhohe Tische, daneben weiße Tafeln - beides auf Rollen. Dann kommen die Kreativen, schreiben mit farbigen abwaschbaren Filzstiften auf die Tafeln und Tische oder bekleben sie mit knallbunten Haftzetteln. Sie basteln mit Knetgummi, Karton, Schere, und Klebestift an den ersten Prototypen, oder bauen ihn mit Legosteinen.

“Im Arbeitsraum entsteht so ein physischer Informationsraum“, erklärt Weinberg. „Hier lernen sich die Studenten zu orientieren, auch wenn es erst einmal total unordentlich wirkt.“ So durcheinander bleibt es auch: In den Projektphasen sind die Reinigungskräfte der Schule angewiesen, auf dem Boden klebende Zettel auf keinen Fall wegzuräumen. Auf einem von ihnen könnte ja die alles entscheidende Idee stehen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Reste in Uni-Mensen Jäger des verschmähten Schnitzels

Die Verschwendung von Lebensmitteln ist auch an den Unis ein großes Thema. In den Mensen landen Tonnen davon ohne Not im Müll – aber Ideen wider die Wegwerf-Mentalität sprießen. Mehr Von Annika Janßen

18.08.2016, 13:42 Uhr | Beruf-Chance
Demonstrationen in Lima Straßenschlachten zwischen Studenten und Polizei in Peru

Fliegende Steine auf der einen, Tränengas und Gummigeschossen auf der anderen Seite - als peruanische Studenten in der Hauptstadt gegen Korruption an Universitäten demonstrierten, kam es zu Straßenkämpfen mit der Polizei. Mehr

09.08.2016, 15:07 Uhr | Gesellschaft
Ersteinschreibung Worauf Studenten bei ihrer Krankenversicherung achten sollten

Mit der Einschreibung an der Uni müssen sich einige Studenten erstmals selbst krankenversichern. Ob man das muss und wie das am günstigsten geht, hängt vom eigenen Alter, aber auch von dem Job der Eltern ab. Mehr Von Lara Müller

19.08.2016, 16:53 Uhr | Finanzen
Technik Ein Roboter spielt Tischfußball

Mithilfe eines gläsernen Bodens und einer Kamera gewinnt ein Computer im Tischfußball gegen einen Menschen. Und wer hat es erfunden? Genau: Schweizer Studenten. Mehr

19.08.2016, 18:42 Uhr | Wissen
Beliebte Studentenstädte Wo es sich am besten leben, lernen und feiern lässt

Wer bei der Wahl seiner Uni Freiheiten hat, wird für seine Entscheidung neben der Qualität der Lehre sicher auch die Attraktivität der Stadt bedenken. Welche deutschen Städte sind bei Studenten derzeit besonders beliebt? Mehr Von Eva Heidenfelder

17.08.2016, 05:17 Uhr | Beruf-Chance