28.04.2009 · Warum funktioniert der Fahrkartenautomat nicht? Warum ist der Lichtschalter da wo der Türöffner sein sollte? Weil Menschen in Sachen Hightech noch so denken wie Neandertaler. Ingenieurpsyschologen entwerfen deshalb angepasstere Geräte.
Von Nina BrodbeckDer Mann ist sauer, stinksauer. Nervös hämmert er auf die Tasten seines Computers und starrt dann mit wirrem Blick auf den Bildschirm. Als sich dort nichts tut, lässt er seine Faust auf die Tastatur krachen. Dann drischt er auf den Monitor ein, bis der vom Schreibtisch stürzt. Ein wütender Tritt zum Schluss, und der Bildschirm ist vollends schrottreif. Der Ausraster des Mannes, von einer Überwachungskamera aufgezeichnet, ging als E-Mail-Anhang um die Welt, inzwischen hat das Filmchen Kultstatus. Es zeigt auf besonders drastische Weise, was passieren kann, wenn der Mensch vor der Technik kapituliert.
Weniger heftige Aggressionen sind für Computernutzer nichts Ungewöhnliches. Schon vor fünf Jahren hat die Sozialverhaltenswissenschaftlerin Marleen Brinks herausgefunden, dass jeder zweite Büroarbeiter regelmäßig frustriert ist, weil er sich mit Hard- und Softwareproblemen herumschlagen muss. Die vertane Zeit kostet viel Geld. Die Arbeitswissenschaftlerin Margeritta von Wilamowitz-Moellendorff schätzt den volkswirtschaftlichen Schaden auf mehrere Milliarden Euro. In den Niederlanden ist „technology related anger“ sogar als Berufskrankheit anerkannt. Typische Auslöser für den „Technikärger“ sind neben streikenden Computern und undurchdringlichen Websites die schier unbedienbaren Fahrkartenautomaten, die wahren Klassiker des Genres.
Die Gleichung „Vom Profi für den Profi“ geht nicht mehr auf
„Leider sind Ingenieure immer noch daran gewöhnt, bei der Entwicklung neuer Geräte vom System statt vom späteren Benutzer aus zu denken“, analysiert Hartmut Wandke die Fehlkonstruktionen. Der 59 Jahre alte Berliner leitet den Lehrstuhl für Ingenieurpsychologie und Kognitive Ergonomie an der Humboldt-Universität (HU). „Das mag früher funktioniert haben, als die meisten Systeme tatsächlich nur für Profis gemacht wurden, die vor der Bedienung entsprechende Ausbildungen und Schulungen durchlaufen haben.“ Bei Flugzeugcockpits sei das zum Beispiel auch heute noch der Fall, ebenso in der Medizintechnik oder bei Leitständen großer Anlagen. Doch seit die Technik den Alltag erobert hat, geht die Gleichung „Vom Profi für den Profi“ nicht mehr auf. Wer will schon ein Training absolvieren, um den DVD-Player zum Laufen zu bringen? „Usability“ heißt das neue Zauberwort, „Gebrauchstauglichkeit“: Technische Systeme sollen so geplant und gestaltet werden, dass sie auch von Otto Normalnutzern schnell, sicher und ohne Mühe beherrscht, gesteuert, überwacht und benutzt werden können. „Dafür muss ich aber eine Ahnung von menschlichen Wahrnehmungsprozessen haben“, sagt Wandke. „Davon, wie wir denken und Erwartungen bilden, wenn wir mit einem System interagieren.“
Das Wissen um psychische Prozesse und Strukturen wird an der HU im Fach Ingenieurpsychologie vermittelt. Belegen können es Studenten der Psychologie, die ihren Studienschwerpunkt auf die Arbeits-, Ingenieur- und Organisationspsychologie gelegt haben, aber auch Informatikstudenten - als Wahlpflichtfach. Schwerpunkt der Ausbildung ist die Analyse, Gestaltung und Bewertung von interaktiven Computersystemen und von Software. In jedem Semester setzen die Dozenten mit unterschiedlichen Projekten auf „learning by doing“. Spätere Arbeitgeber der Absolventen sind Softwarefirmen, Medizintechnikhersteller und Autobauer; manche machen sich aber auch als Usability-Berater oder als Organisationspsychologen selbständig.
„Es soll Spaß machen, ein Gerät zu benutzen“
Doreen Struve, die im Fach Ingenieurpsychologie promoviert, sieht ihre berufliche Zukunft zumindest gelassen. „Dadurch, dass ich sehr viel mit E-Learning und Usability gemacht habe, kann ich ganz gut etwas auf dem Arbeitsmarkt finden“, prognostiziert sie. Ähnlich sieht es ihre Kommilitonin Juliane Lindner. „Das Gebiet bietet so viele Möglichkeiten“, sagt die 26 Jahre alte Studentin, die gerade an ihrer Diplomarbeit schreibt. „Weil Technik ja immer mehr Bereiche einbezieht - Beruf, Freizeit, Haus, Garten.“ Ihre Zukunftsvision geht weit über Gebrauchstauglichkeit hinaus. „Emotional Design!“, schwärmt sie. „Es soll Spaß machen, ein Gerät zu benutzen. Damit kann man den Markt begeistern!“
Doreen Struve hat gemeinsam mit anderen Psychologen und Webdesignern ein Videotraining für Senioren entwickelt. „Herzlich willkommen zum Lernprogramm des Fahrkartenautomaten der BVG“, sagt der ältere Herr auf dem Monitor der 30 Jahre alten Doktorandin und lächelt freundlich dazu. „Mein Name ist Manfred Bergmann. Ich zeige Ihnen, wie Sie Fahrkarten ganz einfach, ohne fremde Hilfe am Automaten kaufen können.“ Struves Forschungsprojekt „Alisa“ untersucht, wie Ältere bei der Nutzung von interaktiven Systemen unterstützt werden können. Bedarf gibt es offensichtlich: Fünfzig Prozent Abbrüche und Neustarts, das hat das Alisa-Team herausgefunden, verzeichnet der Fahrkartenautomat der Deutschen Bahn am Berliner Hauptbahnhof. Und ältere Menschen müssen sich nicht nur mit der Bedienstruktur der Geräte, mit Tarifen und Zonen herumschlagen, ihnen fehlt häufig auch das Basiswissen über Computer: Wie starte ich ein Programm? Wie funktioniert ein Touchscreen? Was bedeuten das C und der Pfeil zurück?
Schritt für Schritt führt Manfred Bergmann deshalb seine Altersgenossen durch die Lektionen, er spricht langsam, mit ruhiger Stimme. „Wie Sie sehen, bin ich auch nicht mehr ganz so jung und habe immer recht hilflos vor dem Automaten gestanden.“ Die Worte sind bewusst gewählt. Struve und ihr Kollege Michael Sengpiel haben nämlich herausgefunden, dass der Lernerfolg größer ist, wenn multimediale Trainings personalisiert sind und sich die Lernenden mit ihrem virtuellen Trainer identifizieren können. Am Ende jeder Lektion gibt es eine Übungsaufgabe, Schwierigkeitsgrad steigend. „Sie möchten mit Ihrem Hund vom Alexanderplatz zum Spittelmarkt fahren. Das sind nur drei Stationen. Bitte kaufen Sie für Ihren Hund einen Fahrschein.“ Wer diese Aufgabe lösen kann, muss künftig nicht mehr am Kartenschalter Schlange stehen, sondern kann sich gelassen an die Automaten wagen.
Anpassung an die natürlichen Denk- und Handlungsweisen
Gute Beispiele schlechter Gestaltung gibt es aber nicht nur an der Bahnsteigkante. Die Berliner Ingenieurpsychologen finden eines gleich ein paar Schritte von Hartmut Wandkes Büro entfernt, am Ende des Flurs. „Unser gesamtes Nervensystem, unsere Sinnesorgane und Verarbeitungsprinzipien sind innerhalb von Jahrmillionen der Evolution entstanden“, erläutert der Professor auf dem Weg dorthin. Was nebeneinanderliegt, gehört zusammen - das ist eines der Prinzipien, nach denen wir uns heute noch instinktiv richten. Wandke macht vor einer geschlossenen elektrischen Tür halt, dahinter liegt ein verglaster Übergang, der den alten Teil des Gebäudes mit dem neuen verbindet. Wer hinüberwill, muss die Tür öffnen. Kein Problem, gleich neben der Tür ist ein Schalter angebracht. Doch wer ihn drückt, tappt prompt im Dunkeln. Was nebeneinanderliegt, sollte zusammengehören - aber der Knopf ist nicht der Türöffner, sondern ein Lichtschalter. Der Türöffner dagegen wurde an der Wand gegenüber montiert, entgegen der Laufrichtung und somit unsichtbar für alle, die den Flur entlanggehen.
„Das passiert jedem, der das erste Mal hier vorbeikommt“, sagt Wandke. „Unser Neandertalerhirn ist nun mal an eine natürliche Umgebung angepasst. Wenn ich also gedanklich noch mit Knüppeln hantiere, dann kann es gar nicht möglich sein, dass ich fünf Meter weiter etwas anfassen muss, um zum Beispiel einen Stein, der direkt vor mir liegt, aufzuheben.“ Die technische Entwicklung habe die Dinge jedoch voneinander entkoppelt, die angeborene Informationsverarbeitung reiche oft nicht mehr aus. Die Folgen sind unnötige Fehler und der Ärger über die Technik. Dabei könnte alles so einfach sein. Technische Systeme müssten bloß an unsere natürlichen Denk- und Handlungsweisen angepasst sein. „Das kommt schon noch“, macht der Professor Mut. „Solche Dinge ändern sich nun mal nicht von heute auf morgen.“ Für die Ingenieurpsychologen, da ist er sich sicher, wird es deshalb auch übermorgen noch genug zu tun geben.