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Informeller Talentwettbewerb Netzwerk Wissenschaft

22.08.2008 ·  Der akademische Austausch findet nicht erst nach dem Examen statt: Auf studentischen Konferenzen üben die Professoren von übermorgen schon mal, wie man die richtigen Kontakte knüpft.

Von Dorte Huneke
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Was sie denn dort sollten, wollten ihre Kommilitonen von Tatjana Glaß wissen. Die 27 Jahre alte Studentin der Politikwissenschaft gehört zum Organisationsteam von "Transforma Reloaded08", einer Konferenz von Studenten für Studenten an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg. Die Frage nach dem Sinn und Zweck der Veranstaltung, die in diesem Sommer zum Thema "Krise der Konflikte" stattfand, verlangte Pionierarbeit von ihr. "Weil es interessant ist, Spaß macht und weit über die üblichen Seminare hinausgeht", antwortete sie. "Außerdem gibt es keine Hierarchien, dafür aber Gelegenheit zum Netzwerken. Und man kann anderen präsentieren, woran man arbeitet."

Im angelsächsischen Sprachraum ist das Konzept der Studierendenkonferenzen seit langem etabliert. In Deutschland dagegen entdecken Studenten diese Form des wissenschaftlichen Austauschs erst seit einigen Jahren. In Magdeburg hat sie sich aus dem Studentenforum des "Transdisziplinären Forums Magdeburg" entwickelt, einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz. Während diese "Mutterveranstaltung" mangels Engagements eingestellt wurde, hielt der akademische Nachwuchs aus Anglistik, Politikwissenschaft, Soziologie, Friedens- und Konfliktforschung seine Veranstaltung am Leben. "Wir wollten die Chance nutzen, ein eigenes Format für Studierende aufzubauen", sagt Tatjana Glaß.

Ausdauer und Fingerspitzengefühl

Sie selbst stellte auf der "Transforma Reloaded 08" ihre eigene Arbeit zur europäischen Nachbarschaftspolitik vor. Für sie und die elf anderen Organisatoren war aber schon die Vorbereitungsphase eine wichtige Lehre. "Hauptsächlich waren wir erstaunt, wie groß der administrative Aufwand ist - also wie lange es dauert, Anträge zu stellen und Fördermittel einzuwerben", berichtet Glaß. Ausdauer und Fingerspitzengefühl seien notwendig gewesen, um die notwendigen Mittel zu erhalten, ein Jahr sei dafür fast zu kurz gewesen. Das Kultusministerium von Sachsen-Anhalt, die Hochschulgremien und der Förderverein hätten sich dagegen überraschend großzügig gezeigt. Das vierstellige Budget für die erste Auflage der Konferenz war genug, um ein Abendprogramm zu planen und den 70 Teilnehmern ihre Fahrtkosten zu erstatten. Die Einladungen waren an Institute und Fachschaften in ganz Deutschland gegangen, unter anderem aus Chemnitz, Tübingen und München reisten tatsächlich Teilnehmer an; ihre Übernachtungsmöglichkeiten organisierten sich die Studenten privat.

Die Sitzungen fanden in zwei Seminarräumen und mit einem Moderator statt, mal hatte er seinen Hochschulabschluss oder Doktortitel schon, mal nicht. "Diese Kompetenzen zu stärken, dass Studenten sich präsentieren können, nicht nur in einem normalen Seminarkontext, das ist ein Stück weit unser Ziel", sagt Mathias Buhtz, auch er gehörte zum Organisationsteam. Die Referenten haben außerdem die Möglichkeit, ihre Vorträge in einem Sammelband zu veröffentlichen - eine akademische Übung mit Breitenwirkung.

Diskussionen beim Essen sind häufig die interessanteren

"Man probiert aus, wie das, woran man arbeitet, ankommt", sagt Anil Jain, einer der Referenten. "Insbesondere wenn man an exotischeren Themen arbeitet, hat man an der eigenen Uni in der Regel wenig Gesprächspartner." Der 38 Jahre alte Sozialwissenschaftler aus München sprach in Magdeburg unter dem Titel "Widerspruch - Widerstreit - Widerstand" über Transformationsprozesse postindustrieller Gesellschaften. Neben dem fachlichen Austausch sei auch der Wert des Freizeitprogramms nicht zu unterschätzen. "Die Diskussionen abends beim Essen sind häufig sogar die interessanteren."

Damit die Studentenkonferenzen nicht mit anderen akademischen Terminen kollidieren, finden sie meistens in den Semesterferien oder, wie in Magdeburg, am Semesterende statt. "Leider gab es aber ein großes Festival an diesem Wochenende", erklärt Tatjana Glaß, warum nicht noch mehr Teilnehmer gekommen sind. Zudem war die Teilnahme nicht verbindlich geregelt, die Organisatoren wussten bis zuletzt nicht, wie viele tatsächlich kommen würden. "Das müssen wir beim nächsten Mal anders machen", sagt Glaß.

Anderswo sind die Anmeldekriterien schon jetzt strenger: Für die European Students' Conference (ESC) an der Berliner Charité, die im September zum 19. Mal stattfindet, werden aus rund 1000 Bewerbern 250 Teilnehmer ausgewählt. "Es geht um die Forscher von morgen", sagt die Medizinstudentin Shirin Levasseur, eine der Organisatorinnen. Bemerkenswert ist, dass die meisten Bewerber nicht aus Deutschland kommen. "Die Nachfrage aus dem Ausland ist extrem viel größer", berichtet Levasseur, die für die Bewerber-Betreuung zuständig ist. Unter anderem aus Pakistan, Afrika und Iran kommen die Teilnehmer in diesem Jahr, auch Osteuropa ist zahlreich vertreten. Dort erkenne man das große Potential, das die Konferenz biete, glaubt Levasseur. "Die Deutschen sehen das möglicherweise nicht - oder sie brauchen es nicht." Dabei gibt es in Berlin außer der Gelegenheit zum wissenschaftlichen Netzwerken und Austauschen die Chance auf das Stipendium "Charité Allianz Research Award", das zwei Jungforschern für ein Jahr das Forschen in einem Berliner Labor ermöglicht. So wird die Konferenz auch noch zum Talentwettbewerb.

Das ESC-Organisationsteam wird jedes Jahr neu zusammengestellt. Zwar müssen sich so erst einmal alle in ihre Aufgaben einarbeiten, räumt Shirin Levasseur ein. "Der Vorteil ist aber, dass jedes Jahr auch neue Ideen entwickelt werden." Auch sie betont, wie wichtig der Faktor Zeit für die Vorbereitung sei. "Um Fördermittel muss man sich frühzeitig bemühen. Denn Firmen haben Jahrespläne." Ideal seien deshalb mindestens zwölf Monate Vorlauf, gerade wenn Teilnehmer aus dem Ausland einfliegen und entsprechend viel Geld eingeworben werden müsse. 2000 Poster und Flyer hat das ESC-Team für die Werbung ins In- und Ausland verschickt. "Wir nutzen alle Kanäle, ziehen alle Register, die wir ziehen können", sagt Levasseur. "75 Prozent meiner Arbeit läuft jedoch übers Internet. Das ist das Medium Nummer eins."

„Global 21“ diesmal in Istanbul

Einen ähnlich weltläufigen Anspruch verfolgt das ursprünglich an der University of Yale in den Vereinigten Staaten gegründete internationale Netzwerk Global 21, ein Zusammenschluss studentischer Autoren internationaler Politikmagazine an zehn prestigeträchtigen Universitäten in aller Welt. In diesem Jahr veranstaltete das Netzwerk seine erste gemeinsame Konferenz von Studenten für Studenten in Istanbul. "Es gibt Sichtweisen, die in der öffentlichen Diskussion als selbstverständlich gelten", sagt Özgür Bozçaga. Der 23 Jahre alte Student der Politikwissenschaften an der Bogaziçi-Universität in Istanbul gehörte zu den Koordinatoren der Tagung - und von seinen südafrikanischen, chinesischen und israelischen Kommilitonen hat er in Istanbul neue Sichtweisen kennengelernt. "Einige globale Entwicklungen betreffen uns zwar alle", sagt er. "Auf lokaler Ebene stellen sich die Dinge jedoch unterschiedlich dar." Wer später einmal auf internationaler Ebene Karriere machen wolle, müsse das im Auge behalten. Die Global-21-Konferenz, die künftig jedes Jahr stattfinden soll, sei dementsprechend eine globale Veranstaltung, die lokale Stimmen zu Wort kommen lasse.

Neben den geographischen Distanzen gilt es auf den studentischen Konferenzen auch disziplinäre zu überwinden. "Ich beschäftige mich mit dem Thema Sicherheit normalerweise nur aus computertechnischer Sicht", erklärt Stefan Schumacher. Der 28 Jahre alte IT-Berater, der auf "Transforma Reloaded" einen Vortrag über "Electronic Warfare" gehalten hat, studiert nach einem Informatikstudium nun Bildungswissenschaft und Psychologie. "Es hat mich interessiert, wie das in der Politikwissenschaft abläuft", begründet er die Teilnahme. Sichtlich überrascht reagierte der vom Moderator als "Nerd" vorgestellte Student in Magdeburg auf die Nachfragen eines mehrheitlich geisteswissenschaftlichen Publikums.

Früh einen Namen machen

"Für mich war dies der größte Erkenntnisgewinn: zu erfahren, wie Wissenschaft entsteht, wie Wissen generiert wird", sagt Schumacher. "Es gelten hier andere Wissenschaftstheorien, es herrscht ein anderer Diskussionsstil." Die Kunst des Vortragens allerdings übt Schumacher schon länger. "In der Computerszene werden seit Jahren regelmäßige Treffen veranstaltet", berichtet er. "Viele machen sich schon zu Schulzeiten oder am Anfang ihres Studiums einen Namen." Auf bundesweiten und internationalen Treffen präsentieren sie ihr Wissen einem Fachpublikum. Die Vorstellung, dass Bemerkenswertes und Innovatives erst nach Erlangung eines akademischen Titels entsteht, hat diese Generation offenbar hinter sich gelassen.

Von Studenten für Studenten

  • Eine der größten studentischen Konferenzen in Europa ist die des Studenten-Netzwerks Unica. Sie findet dieses Jahr in Warschau statt.
  • Konferieren ist wichtig, redigieren auch: Die studentische Initiative „dreihundertsechziggrad“ gibt deshalb ein wissenschaftliches Journal heraus. Ein Beirat aus Professoren und Dozenten unterstützt die Redaktion dabei. Mehr unter: www.journal360.de
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