Home
http://www.faz.net/-gyq-tlon
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Informationstechnik Der Mäzen kommt zum Chili con Carne

12.12.2006 ·  Die Pleite der New Economy zeigt ihre Spuren auch auf dem Arbeitsmarkt: Es fehlt an Informatikern. Das private Hasso-Plattner-Institut versucht, die Lücke zu schließen.

Von Josefine Janert
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Kerstin Knebel kann sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wie lange sie das Internet schon nutzt. In der Wohnung ihrer Eltern habe ein Rechner gestanden, so lange sie denken kann, berichtet die 22 Jahre alte Frau aus Potsdam. Wenige Monate vor ihrem Abitur entschied sie sich für eine Bewerbung am Hasso-Plattner-Institut (HPI) in ihrer Heimatstadt. Seit 1999 werden dort IT-Systemingenieure ausgebildet, also Fachleute, die IT-Systeme für Wirtschaft und Verwaltung entwickeln und betreuen.

Nachwuchssorgen in der IT-Branche

Kerstin Knebel setzt auf eine Branche, die seit dem Jahr 2000 zunehmend mit Nachwuchssorgen zu kämpfen hat. Dabei ist die Studentin keine von diesen IT-Experten, die seit frühester Jugend all ihre Wochenenden vor dem Rechner verbracht haben und nun in Rätseln sprechen, wenn es um ihre Leidenschaft geht. Wie man programmiert, lernte Knebel in der Schule, aber richtig gut kann sie es erst, seit sie am Hasso-Plattner-Institut ist. „Hier finde ich immer einen Computerarbeitsplatz“, lobt sie die Arbeitsbedingungen. Am Institut für Informatik der Universität Potsdam hingegen würden „die Studenten teilweise mit ihren Laptops auf den Fluren sitzen.“

Das Hasso-Plattner-Institut gehört auch zur Universität Potsdam; es befindet sich auf dem Campus am Griebnitzsee. Doch im Unterschied zum Institut für Informatik wird es vollständig privat finanziert. Hasso Plattner, Mitbegründer des Softwarehauses SAP, wird es bis zum Jahr 2020 mit mehr als 200 Millionen Euro unterstützen. Plattner ist Jahrgang 1944, er ist mittlerweile Ehrendoktor und Honorarprofessor der Universität Potsdam und einer der reichsten Menschen der Welt. Er stammt aus Berlin und wohnt jetzt in Südafrika und den Vereinigten Staaten. Doch einmal im Semester hält der Ingenieur für Nachrichtentechnik an seinem Institut ein Blockseminar ab über „Trends und Konzepte in der Softwareindustrie“ oder ein ähnliches Thema. Anschließend läßt sich Plattner „gern mal zu einem Chili con Carne ins Studentenwohnheim einladen“, berichtet HPI-Mitarbeiter Hans-Joachim Allgaier.

Reale Projekte

Das Studium an Deutschlands einzigem vollständig privat finanzierten Hochschulinstitut ist kostenlos - sieht man einmal von den Einschreibgebühren ab, die an der Universität Potsdam in jedem Semester anfallen. Unterrichtet wird in der Regel auf Deutsch. Man legt Wert auf enge Kontakte zur Industrie. Für das sogenannte Bachelorprojekt, das zusätzlich zur schriftlichen Bachelorarbeit einzureichen ist, finden sich immer Auftraggeber aus der Praxis.

Kerstin Knebel entwickelt mit Kommilitonen einen Server für ein Softwareprogramm, mit dem mehrere Personen gleichzeitig an einem E-Book arbeiten können. „Es sagt ihnen keiner, wer bei ihrem Bachelorprojekt der Chef ist“, erklärt Christoph Meinel, der Leiter des HPI. „Das müssen sie selbst herausfinden, und auch, welche Methode geeignet ist.“ Zu Meinels Steckenpferden gehört die Sicherheit von IT-Systemen. Seit ein paar Semestern unterrichtet er auch Studenten an der TU Peking. Seine englischsprachigen Vorlesungen werden per Internet übertragen. In jedem Frühling fährt er nach China, um dort Prüfungen abzunehmen.

Besuch von der Kanzlerin

Das Hasso-Plattner-Institut nimmt in diesem und auch im folgenden Jahr am Innovationswettbewerb „Deutschland - Land der Ideen“ teil. Nun kommt auch Anerkennung von der Kanzlerin höchstselbst. Für nächsten Montag hat Angela Merkel zum nationalen IT-Gipfel in die roten Gebäude am Griebnitzsee eingeladen. Sie wird mit Studenten, Vertretern aus Industrie und Forschung über eine Branche reden, die inzwischen so viel Erfolg verspricht wie der Automobil- und der Maschinenbau.

Die Zahl der Studienanfänger stellt die Wirtschaft trotzdem nicht zufrieden. 1998 begannen nach Angaben des Statistisches Bundesamt 22 000 Neulinge ein Informatikstudium, im Jahr 2000, als die New Economy boomte, waren es 38 000 und 2006 nur 28 400.

Der Abwärtstrend hat nach Ansicht des Branchenverbandes BITKOM verschiedene Ursachen: Manche Abiturienten hätten immer noch den Niedergang der Internetfirmen im Jahr 2000 vor Augen, wenn sie sich für ein Studium entscheiden. Dabei sieht es auf dem Arbeitsmarkt inzwischen gut aus. Der Nachwuchs müsse auch viel früher für das Fach begeistert werden, meint Stephan Pfisterer von BITKOM und fordert „kombinierten Mathematik- und Informatikunterricht möglichst schon in der Grundschule, spätestens aber ab der fünften Klasse.“

Theorielastige Universitäten

An Fachhochschulen und am Hasso-Plattner-Institut wird eher anwendungsbereites Wissen vermittelt, dort herrscht nach wie vor Andrang. Schwierigkeiten haben vor allem die Universitäten, die sich zu stark auf die Theorie konzentrieren. Die reine Informatiklehre ist aber vielen Neulingen zu abstrakt. Die Studienanfänger programmieren, ohne sich mit den Bedürfnissen eines realen Nutzers auseinanderzusetzen. „Hingegen habe ich von Anfang an gelernt, mich wie in einem Hubschrauber von den Details wegzubewegen und auch das Marketing und andere Aspekte eines Projekts zu sehen“, sagt Alexander Saar. Er ist Masterstudent am HPI und Unternehmer: Mit zwei Kommilitonen gründete er im vergangenen Jahr die Softwarefirma Mindquarry.

Benutzerfreundlichkeit steht am HPI im Mittelpunkt. In einem Kurs mit dem vielversprechenden Titel „Beauty is Our Business“ geht es unter anderem darum, wie man wissenschaftliche Ergebnisse übersichtlich aufbereitet. Nach den Worten von Professor Christoph Meinel ist ein Fünftel der Lehrzeit dem Training persönlicher Kompetenzen gewidmet, damit die Absolventen „im Berufsleben nicht erst durch Trial and Error herausfinden müssen, was sie schon der Universität hätten lernen können“: Wie präsentiere ich meine Ergebnisse vor einem Publikum? Welcher Führungsstil eignet sich für welche Situation? Was muß ich beachten, wenn ich eine Firma gründe?

Warum IT-Projekte floppen

Das Seminar, das Alexander Saar wohl am meisten beeindruckte, beschäftigte sich mit der Frage, warum ausgewählte IT-Projekte in der Praxis nicht funktionierten. Weshalb etwa konnte sich eine Software nicht durchsetzen, die für ein bestimmtes Unternehmen entwickelt worden war? Da war die Rede von Reibereien zwischen Abteilungen, berichtet Saar, und davon, daß einzelne Mitarbeiter das Betriebssystem nicht mochten und deshalb die Einführung der Software blockierten. „Letztlich ist kein einziges Projekt an rein technischen Problemen gescheitert“, hat der 26 Jahre alte Mann gelernt. Und zieht die Schlußfolgerung: „Wie ich als Techniker mit den Nutzern kommuniziere, ist maßgeblich für meinen Erfolg.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen