26.04.2009 · Rund ein Fünftel der Informatikstudenten an der ETH Zürich stammt aus Deutschland. Das Studium spielt sich weitgehend auf Englisch ab. Bewusst wird hier der Fokus auf solide theoretische Grundlagen gesetzt.
Von Jürgen DunschWesentliche Grundlagen für das World Wide Web sind am Europäischen Kernforschungszentrum Cern in Meyrin bei Genf gelegt worden. Dennoch muss sich die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich nicht verstecken, wenn es um ihren Rang in der Welt geht. Im wahrscheinlich anerkanntesten Ranking der 500 besten Universitäten, das von der Schanghai Jiao Tong University erstellt wird, belegte die ETH Zürich 2008 Rang 40. Ein Stück dieses Glanzes fällt auch auf den Fachbereich Informatik ab, der nach den Erhebungen des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) ein hohes Ansehen in Studium, Lehre und Forschung genießt. Als weiterer Beleg für die Reputation der Zürcher Informatik mag dienen, dass die Arbeiten ihrer Wissenschaftler zu etwa 85 Prozent in den führenden Fachzeitschriften dieser Zunft publiziert werden.
Die drei wichtigsten Studiengänge im „Departement Informatik/Institut für Computersysteme“, wie der Fachbereich offiziell heißt, sind der Bachelor (B.A.), der Magister (M.A.) und die Promotion. Studenten aus Deutschland wählen fast ausschließlich das M.A.-Studium, das zurzeit knapp 200 Männer und Frauen belegt haben. Professor Jürg Gutknecht, der Leiter des Departements, nennt als Voraussetzungen für die Zulassung nach dem Abitur eine gute Grundlagenausbildung, bestehend aus theoretischer Informatik, Programmierkenntnissen sowie Kenntnissen auf unterstützenden Gebieten wie der numerischen Mathematik, Physik oder auch Biologie. Wo sich aufgrund der eingereichten Unterlagen Lücken offenbaren, kann der Student zu Ergänzungskursen verpflichtet werden. Diese sind auf Deutsch, während sich das eigentliche Studium weitgehend auf Englisch abspielt.
„Hervorragende Berufschancen“
Studenten aus Deutschland bilden, grob gerechnet, ein Fünftel der M.A.-Absolventen an der ETH Zürich. Nach Gutknechts Meinung könnten es ruhig noch mehr sein, zumal sich mit dem Abschlusszeugnis nach seiner Beobachtung „hervorragende Berufschancen“ bieten. Die deutschen Studiosi sollten aber, wie andere auch, schon mit guten bis sehr guten Noten aufwarten, um erfolgreich den M.A. anstreben zu können. Jeder Zulassungsantrag werde genau geprüft. Für gute Studenten gibt es in Zürich eine Reihe von Leistungsstipendien.
Ungeachtet des guten Rufs der Informatik an der ETH tauchen zwei Kritikpunkte immer wieder auf, so auch in der CHE-Umfrage: der mangelnde Praxisbezug und zu geringe Forschungsgelder. Beides hängt miteinander zusammen. „Praxisbezug“ geht heutzutage auch in der akademischen Ausbildung flott über die Lippen. Rasch bewegt man sich dann auf dem Niveau der besseren Fachhochschule. Gutknecht sagt hierzu: „Wir bilden bewusst nicht die unmittelbar einsetzbaren Fachkräfte in der Firma XY für das Produkt Z aus.“ Ziel sei vielmehr eine Praxisorientierung auf sicherer theoretischer Grundlage. Damit zusammenhängend, hat sich die ETH Zürich lange Zeit nicht besonders intensiv um Drittmittel und Kooperationen mit der Industrie gekümmert.
„Wir sind etwas spät aufgewacht“
„Wir sind etwas spät aufgewacht“, räumt Gutknecht vorsichtig ein. Der Fachbereich steigere sich jetzt, ergänzt er, und nutze verstärkt die vor der Haustür liegenden Möglichkeiten. Diese sind zweifellos beeindruckend. In den vergangenen Jahren hat die Region Zürich, zuvor schon ein Forschungsstandort für IBM und SAP, durch die Ansiedlung zentraler Kapazitäten von Microsoft, Google und jüngst des Disney Research Lab in der Informationstechnik kräftige Fortschritte gemacht.
Gutknecht hält trotz dieses günstigen industriellen Umfelds für die ETH die unabhängige Forschung mit starker Grundlagenorientierung hoch. Als Folge davon sei man eben auch weiterhin in hohem Maße auf staatliche Mittel angewiesen. Der Studiengang Informatik an der ETH besteht seit 1981, Verbindungen bestehen mit dem Fach Informationstechnik/Elektrotechnik, das mehr die Hardware dieser Technologie zum Inhalt hat. Aber die Informatik war schon seit den fünfziger Jahren ein Thema an der Hochschule, wo sie sich aus der Mathematik heraus entwickelt hatte. Gutknecht erinnert mit leichtem Schmunzeln daran, dass der erste Computer an einer Universität in Europa am Zürichsee stand. Es war der legendäre Z4 des deutschen Computerpioniers Konrad Zuse.
Sogar Disney hat gezielt die Zusammenarbeit gesucht
Die jüngste Innovation in der Zürcher Informatik stellt das im Dezember vergangenen Jahres gegründete „Institut für Visual Computing“ dar. Es vereint die beiden Forschungsgebiete Computer Vision und Computergrafik, deren Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren immer enger geworden ist. Computer Vision, am besten übersetzt mit Computer-Sehvermögen, versucht Gegenstände, Bewegungen und andere Ereignisse zu erfassen und nachzubilden. In der Computergrafik bedient man sich dieser Modelle, um digitale Bilder zu erzeugen.
In Zürich konnte man im Masterkurs schon seit Jahren das Fach „Visual Computing“ belegen. Das Kursangebot soll nach den Worten von Institutsleiter Professor Marc Pollefeys nunmehr ausgebaut werden. Darüber hinaus arbeiten die Forscher schon jetzt mit anderen Hochschulen und Industrieunternehmen zusammen, darunter Microsoft, Nokia und Nvidia. Ein Beispiel: „Zusammen mit der University of North Carolina und dem Automobilhersteller Honda statten wir Hondas humanoiden Roboter Asimo mit Computer-Vision-Technologie aus, damit er sich in seiner Umgebung selbständig bewegen und agieren kann“, sagt Pollefeys.
Gerade der Software-Großkunde Disney hat dabei gezielt die Zusammenarbeit mit dem neuen Institut gesucht. Dies erhöht zugleich die Attraktivität des gesamten Fachbereichs. Die Informatik-Ausbildung der ETH erscheint wirkungsvoll. Die Quote für einen erfolgreichen Studienabschluss siedelt Gutknecht bei jenen 80 Prozent an, die für die gesamte Hochschule gelten.
Jürgen Dunsch Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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