05.03.2009 · Die Zahl der Studiengänge nimmt in der Informatik schneller zu als die der Erstsemester. Von der Medizin bis zur Sportwissenschaft - alle Fächer wollen ihre eigenen Datenexperten.
Von Sebastian BalzterGefühle und Computer, das Paar geht nur im Konfliktfall zusammen - wenn die Tabellenkalkulation mit ihrem eigenen Absturz auch gleich die Arbeit eines halben Tages mit in den Orkus reißt zum Beispiel. Sonst gilt Informatik weithin als emotionslose Zone. Diese vermeintliche Kluft zwischen dem Menschlich-Allzumenschlichen und der kalten Welt der Bits und Bytes schließen Arvid Kappas und Matthias Trier nun: "Cyber Emotions" heißt das gerade angelaufene Projekt der Europäischen Union, an dem der Psychologe von der Bremer Jacobs University und der Informatiker von der TU Berlin mit ihren Forschergruppen teilnehmen. Sie sollen Stress und Aggressionen, aber auch positive Emotionen in Blogs und Online-Foren untersuchen. Science-Fiction? "Es geht uns weniger um heute oder morgen", räumt Kappas ein. "Sondern eher um das, was übermorgen kommt."
Doch schon heute sind die Wahlmöglichkeiten für angehende Informatiker groß: Rund 150 Hochschulen in Deutschland bieten grundständige Informatikstudiengänge an, 88 mehr oder weniger unterschiedliche Verästelungen der "Allgemeinen Informatik" nennt der Hochschulkompass, das Orientierungswerkzeug der Hochschulrektorenkonferenz im Internet - und von Semester zu Semester werden es mehr. Hans-Ulrich Heiß, der Vorsitzende des Fakultätentags Informatik, sieht das mit gemischten Gefühlen. "Ob die vielen, oft mit modischen Namen versehenen Bindestrich-Studiengänge nachher tatsächlich zu einem klaren Profil führen, das für die Wirtschaft interessant ist, bleibt abzuwarten", warnt der Professor aus Berlin. Eine solide Grundausbildung aber zieht für IT-Absolventen seiner Meinung nach auch in der Krise beste Berufsaussichten nach sich (lesen Sie dazu das Interview: Informatik-Professor kritisiert „modische Bindestrich-Studiengänge“).
Die Welt giert nach Daten
Dafür spricht, dass die Welt - ob Unternehmen oder Institutionen, ob Privatleute oder Behörden - nach Daten giert. Entsprechend viele Spezialisten sind für deren Erhebung, Verwaltung, Aufbereitung und Analyse nötig. "Data mining" und "Information retrieval" heißen die Schlagworte dazu. Mit der Menge der Daten wächst außerdem auch die Bedeutung ihrer Sicherheit unablässig. Wie man einmal gesammelte Daten überhaupt erst sicht- und damit nutzbar macht, das wiederum lernen die Studenten im Fach Computervisualistik an den Universitäten in Magdeburg und Koblenz. Je nach ihrem Anwendungsfach spezialisieren sie sich darauf, virtuelle Prototypen für die Autobranche zu erschaffen, in der Elektrotechnik digitale Schaltkreise zu erstellen oder die Ergebnisse aus Ultraschalluntersuchungen von Werkstoffen darzustellen.
Besonders groß ist das Interesse nach Auskunft des Magdeburger Professors Bernhard Preim aber nach der ebenfalls angebotenen medizinischen Vertiefung. Wie groß ein Tumor exakt ist, wie man Strahlentherapien dreidimensional plant - dafür sind nach seiner Ansicht mathematisch anspruchsvolle Lösungen nötig, die mit psychologischem Wissen über die Wahrnehmung von Bildern verknüpft sein sollten. "Wir haben zunächst mit 30 Anfängern im Jahr gerechnet, jetzt sind es im Schnitt 80", beziffert Preim die Popularität des Programms. Die Zusammenarbeit von Informatikern mit Medizinern, Medizintechnikern und Neurologen trifft offenbar den Geist der Zeit: Die TU München hat gerade den Master-Studiengang "Biomedical Image Computing and Computer Assisted Interventions" eingeführt, und für den Master in "Computational Neuro Science" arbeiten die Humboldt-Universität und die TU in Berlin eng mit der Charité zusammen, der größten deutschen Uniklinik. Die Universität Lübeck ihrerseits hat mit ihrer "Graduate School for Computing in Medicine and Life Sciences" in der Exzellenzinitiative das Rennen gemacht.
Speziell für Informatiker gedachte Graduiertenschulen hat das Förderpaket von Bund und Ländern auch der RWTH in Aachen, der TU in Darmstadt und der Universität Heidelberg gebracht; in Saarbrücken gibt es neben der "Graduate School of Computer Sciences" auch noch ein sogenanntes Exzellenzcluster. Ob diese Leuchttürme der Wissenschaft, als die sie das Bundesforschungsministerium anpreist, auch schon Studienanfängern den Weg weisen, steht auf einem anderen Blatt. Hans-Ulrich Heiß äußert sich auch in diesem Punkt skeptisch: "Für das Bachelor-Studium ist derlei irrelevant."
Zahl der Informatik-Studenten steigt nur verhalten
Auch auf die Zahl der Informatik-Erstsemester wirken die vielen neuen Studienangebote und die Förderung aus dem Exzellenztopf bislang nur verhalten. Zusammen mit der "New Economy" ist sie vor sieben Jahren abgestürzt und nimmt nur äußerst langsam wieder zu. Und die Frauenquote verharrt im Keller, obwohl Initiativen wie die Bremer "Informatica Feminale" - eine auch in diesem September wieder angebotene Studienwoche nur für Frauen - seit langem dagegen ankämpfen und fünf Fachhochschulen inzwischen sogar ganze Informatikstudiengänge nur für Frauen anbieten (lesen Sie dazu Der Fluch der Klischees).
Doch offenbar wurzeln deren Vorbehalte gegenüber der Informatik fast so tief wie die der deutschen Fußballtrainer. "Deren Denkwelt ist ganz anders als unsere", bilanziert Jürgen Perl seine nun schon 20 Jahre währenden Versuche, der Sportinformatik auch in der Bundesliga zum Durchbruch zu verhelfen. Klubs wie die TSG Hoffenheim und Bayern München hätten in ihren neuen Stadien zwar immerhin unter dem Tribünendach Kamerasysteme zur Positionsdatenerfassung der Spieler installiert, berichtet der Professor aus Mainz. Aber wie sich damit Laufarbeit und Überlastungssituationen, Spielzüge und Strategien wissenschaftlich analysieren lassen, davor verschließen nach seiner Beobachtung die Verantwortlichen immer noch instinktiv die Augen. "Dabei haben unsere Methoden in der Praxis, etwa beim Ringen und beim Handball, schon sehr gut funktioniert." Wann Rangnick, Klinsmann und Kollegen ihre Scheu davor ablegen werden? Auch das ist wohl eher eine Frage für übermorgen.