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Prekariat der Lehre : Hungerlöhne an Hochschulen

  • -Aktualisiert am

Egal ob angestellt oder mit einem Lehrauftrag versehen, das Ziel ist meist dasselbe: Studenten Wissen zu vermitteln. Bild: dpa

Externe Lehrbeauftragte schultern an deutschen Hochschulen ein Gros der Lehre. Die Bezahlung reicht kaum zum Leben, eine Gruppe hochqualifizierter Arbeitnehmer wird dadurch marginalisiert. Die Politik ist gefragt.

          Mit der Ankündigung, in zahlreichen Branchen einen flächendeckenden Mindestlohn zu fixieren, kommt nun auch in der Beschäftigungsstruktur von Hochschulen eine bisher schamhaft verschwiegene Schieflage ans Tageslicht. Auf den Schultern von etwa 90.000 Lehrbeauftragten lastet ein immer größerer Anteil der Lehre. Waren Lehraufträge ursprünglich allein dafür vorgesehen, auswärtige Expertise in die Hochschule zu tragen, übernehmen sie mittlerweile in einigen Bereichen Daueraufgaben in der Vermittlung von Wissen.

          Das Problem betrifft das gesamte Fächerspektrum, besonders aber Musik- und Kunsthochschulen sowie die Geisteswissenschaften und Sprachenzentren an Universitäten. Genaue Zahlen liegen aus der Freien Universität Berlin (FU) vor. Danach übernahmen Lehrbeauftragte 12,3 Prozent der Lehrstunden an der gesamten Universität.

          In den Geisteswissenschaften wird ein Viertel, am Sprachenzentrum fast die Hälfte der Lehre von Lehrbeauftragten getragen, also von freischwebenden Existenzen, die nur die tatsächlich abgehaltene Unterrichtsstunde - im Durchschnitt 25 Euro - in Rechnung stellen können, keineswegs aber für den gesamten Arbeitsaufwand, die Vorbereitung, Betreuung, Prüfungen und Hausarbeitskorrekturen bezahlt werden.

          Akademischer Niedriglohnsektor

          Damit geht der Stundenlohn nicht über einen einstelligen Betrag hinaus. Auch die Bezeichnung „Lohn“ ist bereits übertrieben, handelt es sich doch lediglich um eine Betriebseinnahme eines Selbständigen, was bedeutet: Der Lehrbeauftragte muss die erheblichen Kosten der Kranken- und Rentenversicherung selbst tragen. Ausfälle wegen Urlaub, Krankheit oder Feiertagen werden nicht ausgeglichen.

          Aus der chronischen Unterfinanzierung der Hochschulen ist im Laufe der Zeit ein vom Hochschulgesetz nicht vorgesehener akademischer Niedriglohnsektor entstanden, ohne den der Lehrbetrieb nicht aufrechtzuerhalten wäre. Lehraufträge werden zurzeit mit pauschalen Beträgen vergütet. Die FU-Richtlinie vom 8. Oktober 2013 legt als Untergrenze 21,40 Euro je Lehrveranstaltungsstunde fest, meist werden um die 25 Euro gezahlt. Zum Vergleich: Ein Studienrat an einem Gymnasium erhält pro Unterrichtsstunde umgerechnet 85 Euro.

          In den vergangenen Jahren ist jener Personenkreis immer größer geworden, der auf Lehraufträge existentiell angewiesen ist. Trotz Vollzeitlehre reicht das verfügbare Einkommen nicht zum Überleben. Ein Beispiel: Eine Lehrbeauftragte am Sprachenzentrum einer Universität unterrichtet acht Wochenstunden. Aus der 29-wöchigen Vorlesungszeit ergeben sich 232 Einzelstunden. Geht man von nur fünf Ausfalltagen im Jahr wegen Krankheit oder Feiertagen aus, bleiben 224 bezahlte Stunden. Bei 27 Euro pro Unterrichtsstunde kommt die Lehrbeauftragte auf Honorareinnahmen von 6048 Euro im Jahr, also auf etwas mehr als 500 Euro im Monat.

          Dauerstellen für Daueraufgaben

          Es wird immer mehr zum Politikum, dass in der Hochschullehre prekäre Beschäftigungsverhältnisse die Regel sind, dass eine Gruppe hochqualifizierter Arbeitnehmern marginalisiert wird. Jüngst befasste sich der Wissenschaftsausschuss im Berliner Abgeordnetenhauses in einer Anhörung mit der Situation von Lehrbeauftragten in der Hauptstadt. Vor wenigen Tagen initiierte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft einen bundesweiten Aktionstag, um auf die prekäre Arbeits- und Lebenssituation von Lehrbeauftragten aufmerksam zu machen. Mitte November wird der Akademische Senat der FU Berlin über eine Vorlage entscheiden, den Status der Lehrbeauftragten aufzuwerten.

          Bei openpetition.de kursiert ein inzwischen von mehr als 2650 Personen unterschriebener offener Brief von Soziologen an die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, der alle Kulturwissenschaftler ansprechen sollte. Darin sind die Professoren aufgefordert, sich konsequent für die Verbesserung der Beschäftigungsverhältnisse einzusetzen. Die Situation sei keine über uns hereingebrochene Naturkatastrophe, sondern das Ergebnis politischer Fehlentscheidungen. Scharf grenzen sich die Verfasser des Briefes von der Vorstellung ab, nur ein verschärfter Wettbewerb um Stellen und Ressourcen könne die Qualität des deutschen Wissenschaftsstandorts sichern.

          Resolutionen fordern Wissenschaftsministerien auf, überall dort Dauerstellen einzurichten, wo Daueraufgaben durch Lehraufträge abgedeckt werden. Zudem sollen die Honorare der Lehrbeauftragten deutlich erhöht werden. Nicht zu vergessen die Privatdozenten, die, hochqualifiziert, kostenlose Titellehre absolvieren müssen. Sie würden den chronisch überforderten Lehrkörper noch stärker entlasten, sobald sie befristete Professuren im Angestelltenverhältnis bekleiden könnten. All das kann nur funktionieren, wenn die Grundfinanzierung der Hochschulen spürbar erhöht wird. Letztlich ist der Bund gefragt, der - sobald das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern fällt - auch in derartigen Strukturfragen aktiv werden müsste. Die Debatte ist eröffnet.

          Quelle: F.A.Z.

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