http://www.faz.net/-gyl-9br59

Hochschulreform : Was von Bologna bleibt

  • -Aktualisiert am

Die Studenten müssen es auslöffeln: Von manchem Ziel der Bologna-Reform ist nach ihrer Meinung nicht viel übriggeblieben. Bild: Getty

Vor zwanzig Jahren wurde die Hochschullandschaft umgebaut. Gute Idee, oder? Das Rezept zur Verbesserung von Europas Unis schmeckt nicht jedem.

          Sophia ist sauer. Das Gespräch mit dem Prüfungsamt ist nicht so verlaufen, wie sie es sich erhofft hatte. Jetzt steht fest: Sie schafft ihr Studium der Kunstgeschichte nicht in der Regelstudienzeit von sechs Semestern. Die Bachelor-Arbeit wird sie auf das nächste Wintersemester verschieben müssen. Eigentlich keine große Sache. Was macht ein Semester schon aus? „Es ärgert mich total“, sagt sie trotzdem. „Jeden Tag stehe ich um 8 Uhr auf, gehe in die Uni und dann zur Arbeit. Komme spätabends heim und stehe total unter Stress. Und jetzt schaffe ich mein Studium nicht mal in der Regelstudienzeit.“

          Sophia (die anders heißt, aber anonym bleiben möchte) ist 21 Jahre alt und das Kind italienischer und ukrainischer Einwanderer. Ihr Abitur machte sie wegen des G8-Systems mit 17, das letzte Semester verbrachte sie in Florenz. Wenn sie ihren ersten akademischen Grad in der Tasche hat, wird sie 22 Jahre alt sein. Darüber kann Juri Soljaris nur schmunzeln. Er ist 32 Jahre alt und seit 12 Jahren an der Universität in Frankfurt eingeschrieben. 2006, als er anfing, konnte man noch auf Magister und Diplom studieren. Da war die Bologna-Reform schon beschlossene Sache, steckte aber noch in den Kinderschuhen.

          Als sich die Bildungsminister der vier größten Mitgliedstaaten der EU – also Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien – vor etwas mehr als zwanzig Jahren trafen, um anlässlich der 800-Jahr-Feier der Pariser Universität Sorbonne den Grundstein für einen immer noch andauernden Prozess zu legen, hatte man vor allem eines im Sinn: die europäischen Hochschulen zu stärken. Die exzellente Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten hatte Europas Universitäten an den Rand gedrängt. Im Zuge des Bologna-Prozesses, der 1999 besiegelt wurde, sollten ein paar grundlegende Veränderungen ihren Weg in den europäischen Hochschulraum finden. Bachelor und Master lösten Magister und Diplom ab, Studieninhalte und die Zeit, sich diese anzueignen, wurden in eine internationale ECTS-Währung, ein Kreditpunktesystem, übersetzt. Dadurch sollten die Studieninhalte vergleichbarer gemacht werden. Studierende sollten leichter die Universitäten wechseln können, am besten über nationale Grenzen hinweg. Und sie sollten durch die Verkürzung der Studiendauer und die Etablierung stärker arbeitsmarktkonformer Studiengänge früher und schneller in den Arbeitsmarkt entlassen werden. Die Harmonisierung des europäischen Hochschulraumes sollte konkurrenzfähigen Nachwuchs produzieren. So die Theorie.

          „Geld musste reinkommen“

          Nathalie Schäfer sitzt im Vorstand des fzs, des Dachverbandes von rund 90 Studentenvertretungen in Deutschland mit etwa einer Million Studenten. Der Verband steht den Ergebnissen von Bologna kritisch gegenüber. „Diese Regelstudienzeit, die eingeführt wurde war ursprünglich mal eine Handlungsmöglichkeit“, sagt sie. „Ein Studium muss in einer gewissen Semesterzahl studierbar sein. Was sich aber daraus entwickelt hat, ist die Vorstellung einer maximalen Studienzeit. Man muss in den sechs Semestern fertig sein. Oder in acht mit Verlängerung. Ansonsten gibt es auch kein Bafög mehr.“ Juri Soljaris von der Uni Frankfurt hat nur zu Beginn seines geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Studiums Bafög bezogen. Weil das Einkommen seiner Eltern zu hoch war, wurde es auf etwa 60 Euro gekürzt.

          Was die Behörde nicht berücksichtigt hat: Juris Eltern lebten getrennt und führten zwei Haushalte, weshalb sie ihn nur in begrenztem Umfang unterstützen konnten. Deshalb war er von Anfang an gezwungen, neben dem Studium Geld zu verdienen. Als mit 25 dann auch noch das Kindergeld wegfiel und der Studententarif der Krankenkasse fällig war, musste er in Teilzeit jobben. „Man hat auf einen Schlag 220 Euro weniger in der Kasse. Also musste Geld reinkommen“, sagt er. Juri arbeitet als studentische Hilfskraft an der Uni und engagiert sich ehrenamtlich in diversen Initiativen und Gremien der Universität. Er beteiligte sich an den deutschlandweiten Studentenprotesten im Jahr 2009 und setzte sich während der Umsetzung der Bologna-Ziele an seinem Fachbereich für studentische Interessen ein.

          Obwohl es eines der wesentlichen Anliegen der Bologna-Reform war, die Mobilität der Studierenden innerhalb Europas zu fördern, sind die Zahlen der Austauschstudenten nur geringfügig gestiegen. Boris Rhein, der Wissenschaftsminister des Landes Hessen, glaubt dennoch an das Vorhaben. „Die Zahlen steigen nicht so stark an, wie wir uns das wünschen“, sagt er. „Aber trotzdem bewegt sich etwas – und das hat auch mit Bologna zu tun. Ich kann nur ausdrücklich dazu ermuntern, von den Möglichkeiten, die durch Bologna mehr geworden sind, Gebrauch zu machen und während des Studiums im Ausland Erfahrungen zu sammeln.“

          Sophia hat das getan und das letzte Semester an der Universität in Florenz verbracht. Dort absolvierte sie in erster Linie Kurse in ihrem Nebenfach Romanistik. Weil die Studenten dort hauptsächlich mündlich geprüft werden, musste sie ihre Prüfungen nach ihrer Rückkehr nach Frankfurt noch auf zehn Seiten schriftlich ablegen und beim Institut einreichen. Eines ihrer italienischen Seminare kann sie sich überhaupt nicht anrechnen lassen – trotz internationalem Credit-System. Das Semester in Florenz kommt sie letztlich teuer zu stehen. „Ich habe immer davon geträumt, in Italien zu leben. Trotz des Stresses, der danach kam, würde ich es jedem empfehlen“, sagt sie. „Ich bin mir selbst dabei nähergekommen. Vor allem, weil ich auch ganz allein gelebt habe. Meinen Horizont zu erweitern hat in Florenz besser geklappt als in meiner Zeit hier.“

          Klagen über Verschulung und Bulimie-Lernen

          Den eigenen Horizont zu erweitern und über den Tellerrand zu schauen, das kommt für die Kritiker der Bologna-Reform viel zu kurz. Sie sprechen von der Ökonomisierung des Studiums, von einer Verschulung des Systems und Bulimie-Lernen. Obwohl in den vergangenen zwanzig Jahren in regelmäßig stattfindenden Treffen an der Verbesserung des Systems gearbeitet wurde, hört Nathalie Schäfer in ihrer Funktion als Studentenvertreterin vor allem von Furcht: „Meine Kommilitonen hetzen durch ihr Studium. Sie haben Angst. Angst vor Gesprächen mit Dozenten, weil man nur ein einziges Gespräch im Semester hat. Angst davor, eine schlechte Note für eine Prüfung zu bekommen, auf die man sich das ganze Semester vorbereitet hat. Angst davor, überhaupt den Übergang in den Master zu schaffen.“ Als die Reform Anlauf nahm, gab es lange zu wenig Master-Plätze für die Bachelor-Absolventen. Mittlerweile hat sich die Lage entspannt. Dennoch hat sich durch das konsekutive System eine Hürde zum zweiten Abschluss gebildet.

          Als Juri Soljaris so gut wie fertig mit dem Studium war, entschloss sich der Fachbereich, eines seiner Magister-Nebenfächer „hart“ auslaufen zu lassen und nur noch als Bachelor-Nebenfach anzubieten. Konkret bedeutete dies eine Frist, in der man die verbleibenden Leistungen erbringen musste. Weil er das aufgrund der vielen Arbeit nicht leisten konnte, musste er das Nebenfach fast ganz von vorn studieren. Denn nur der kleinste Teil der schon erbrachten Leistungen ließ sich in die neue Studienordnung übernehmen. „Letztlich hat Bologna mir drei Jahre Zeit geraubt“, sagt er. „Es hat drei Jahre gedauert, diese 12 Scheine nachzuholen – vor dem Hintergrund, dass ich weiterhin Teilzeit gearbeitet habe.“

          Die Frustration aufgrund dieser Entscheidung hat ihn lange beschäftigt. Den Hauptgrund dafür sieht er in der veränderten Hochschulfinanzierung des Landes. Während die Universitäten ihr Geld lange Zeit pro eingeschriebenem Student bekamen, änderte sich dies im Zuge der Bologna-Reform. Seitdem erhalten sie ihre Mittel primär für Studenten in Regelstudienzeit. Das zwang die Universitäten dazu, über die Einhaltung der Regelstudienzeiten zu wachen und die Zahl der darüber hinaus eingeschriebenen Studenten zu verringern. Juri, der sich selbst seit Jahren mit den Zielen und Folgen von Bologna beschäftigt, findet viele Entscheidungen, die in den vergangenen Jahren getroffen wurden, unverantwortlich. „Diese Anweisung, Studierende so schnell wie möglich durchs Studium zu peitschen, gepaart mit dem stark reformbedürftigen staatlichen Finanzierungssystem, in dem viele Leute in eine Grauzone fallen und nur wenig Unterstützung erhalten, das finde ich fragwürdig“, sagt er. „Das ergibt strukturelle Benachteiligung und erzeugt unnötig viele Schwierigkeiten und Reibungen.“

          Hotel Mama als Ausweg

          Auch Nathalie Schäfer vom fzs glaubt, dass das Studium trotz Bologna weiterhin stark sozial selektiv sei. „Das sind natürlich auch die Rahmenbedingungen, die das begünstigen“, findet sie. „Das Bafög reicht häufig nicht zum Leben. 250 Euro reichen in Frankfurt zum Beispiel bei weitem nicht für ein WG-Zimmer. In der Regel muss man nebenbei noch jobben. Vollzeit zu studieren ist nicht mehr üblich. Und dann der hohe Leistungsdruck: Die Anforderungen der Dozierenden sind hoch, sie selbst können aber aufgrund der prekären Beschäftigung nicht mehr so gute Lehre machen.“

          Die Kritik ist für den hessischen Wissenschaftsminister nicht neu. Er versucht dennoch, das große Ganze zu erfassen. „Dort, wo Menschen sich begegnen, miteinander arbeiten, forschen und lernen, findet auch eine Verständigung statt – und zwar über kulturelle Unterschiede, aber auch über Gemeinsamkeiten“, sagt Boris Rhein. „Alle unsere Hochschulen sind Orte des Austausches, auch über Nationalstaaten hinweg. Auch vor diesem Hintergrund war es wichtig, dass Bologna Schranken und Schwellen abgebaut hat.“

          Sophia hat während ihres Bachelor-Studiums bei ihren Eltern gewohnt. „Ohne die Möglichkeit, zu Hause zu wohnen, hätte ich vermutlich noch länger für mein Studium gebraucht“, sagt sie. „Meine Eltern haben mir immer Geld gegeben, wenn ich welches gebraucht habe. Aber das wollte ich gar nicht. Ich wollte ein Stück Unabhängigkeit.“ Für ihren Master, ebenfalls in Kunstgeschichte, will sie in Frankfurt bleiben. Die anderen großen Universitätsstädte des Landes seien ihr zu teuer. Aber dass sie weiter studieren wird, steht für sie außer Frage. „Nach drei Studienjahren habe ich echt das Gefühl, dass ich nur mehr darüber weiß, was ich noch nicht weiß.“ Außerdem glaubt sie, dass ein Bachelor-Abschluss an Wert verloren hat.

          Auch Juri will sich weiter auf seinen Abschluss konzentrieren und die Vorteile sehen, die sein Weg abseits der Norm mit sich gebracht hat. Seine Arbeitsstellen an der Universität ermöglichten es ihm, über die Studieninhalte hinausgehend vielfältige Kompetenzen zu erwerben und sich berufspraktisch fortzubilden. „Ich versuche, mich jetzt darauf zu konzentrieren, mein Studium abzuschließen, und meinen Blick in die Zukunft zu richten“, sagt er. „Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass das Leben kontingent verläuft.“

          Weitere Themen

          So teuer ist das Studentenleben

          Steigende Mieten : So teuer ist das Studentenleben

          900 Euro im Monat braucht ein Student im Durchschnitt. Dann darf er aber nicht in Heidelberg oder München wohnen. In diesem Wintersemester müssen die Eltern wieder mehr Geld für ihren Nachwuchs ausgeben.

          Wie farbenfroh ist Ihr Englisch? Video-Seite öffnen

          Test über Redewendungen : Wie farbenfroh ist Ihr Englisch?

          Was hat ein roter Hering im Geschäftsleben verloren? Die englische Sprache ist für deutsche Ohren voll seltsamer Sprichwörter. Kennen Sie alle? Machen Sie den Test der F.A.Z. und der Carl Duisberg Centren.

          Haubtsache schraibän!

          Methodenstreit in Schulen : Haubtsache schraibän!

          „Schreiben nach Gehör“ oder Fibel? Die aktuelle Debatte über die Methoden, mit der Grundschüler lesen und schreiben lernen, lässt nicht nur Eltern zweifeln. Auch angehende Lehrer sind verwirrt.

          Topmeldungen

          Zuversicht verströmen: Angela Merkel und Mike Mohring in Thüringen

          Endspurt Landtagswahl : Wenn den Volksparteien das Volk abhanden kommt

          Angela Merkel rät, nicht länger beleidigt zu sein, und Andrea Nahles will die Ärmel hochkrempeln – die Nerven liegen blank bei den Noch-Volksparteien. Denn es geht in den Endspurt vor die hessische Landtagswahl.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.