07.04.2009 · Die Hochschulreform hat ein System der Unverantwortlichkeiten geschaffen und die Universitäten in den absehbaren Ruin geführt. Was ist zu tun? Eine Gegenreformation muss her - und sie liegt in der Luft.
Von Wolfgang FachDie Geschichte wird in vielen Büros und auf zahlreichen Fluren erzählt: Es gab mal eine Zeit, da war die Welt noch in Ordnung, ziemlich jedenfalls. Da wurden Universitäten in Ruhe gelassen und haben diese Ruhe genutzt: forschend, lehrend, sich selbst verwaltend.
Eines Tages war dann Schluss mit dieser Idylle. Von heute auf morgen sollte der ominöse „Ruck“ auch den akademischen Menschenpark erfassen. Als Forschung, hieß es landauf, landab, zähle nur, was „Exzellenz“ verbürge; die Lehre habe sich gefälligst um „employability“ zu kümmern; und Verwaltung ohne gescheites „Zukunftskonzept“ sei völlig undenkbar. Ein Wahnsinn hoch drei, mit bekannten Folgen: Heute stehen wir vor dem Ruin dieser kollektiven Verrücktheit.
Druck ohne Schmerz
So weit die Geschichte der Hochschulreform, wie sie vor kurzem in der F.A.Z. auch wieder von Georg Vobruba erzählt und auf den Nenner gebracht worden ist: „Die Universität als ein System von Unverantwortlichkeiten“. Wir erfahren dabei auch, dass man schon lange vorher hätte wissen können, dass der Reformkurs in eine Sackgasse münden würde. Warum?
Weil seine Anführer eine Binsenweisheit sträflich missachtet haben: Nur was verantwortet wird, funktioniert, nur was sich auswirkt, wird verantwortet. Anders gesagt: Wer nicht hören will und trotzdem nicht fühlen muss, hört eben weg. Genauso wie jene, die sich fragen können, warum sie hören sollen. Gewöhnliche „Leute“ reagieren auf pleasure and pain; darauf nimmt man Rücksicht oder erleidet Schiffbruch, privat wie politisch.
Zurück zum Besseren
Freilich sieht es danach aus, als ob noch etwas zu retten sei, dank unbeugsamer „Überleute“ sozusagen, die mehr sind als Buchhalter ihrer Gefühle und ins allgemeine Lamento nicht einstimmen: „Das hochschulpolitische Engagement von Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern, das sich daraus ergibt, scheint gegenwärtig der einzige Anhaltspunkt für Hoffnungen auf eine Wiederverbesserung der Situation der Universitäten“ (Vobruba).
„Wiederverbesserung“ meint: Rückkehr zu alten Verhältnissen. Die gemeine Attitüde ist resignativ, ihre heroische Steigerung reaktionär. Eine Gegenreformation muss her - und liegt in der Luft. Warum ist der Entschluss zum Engagement für eine vergangene Zukunft ausgefallen? Die einfache Antwort darauf: Auch Helden sind „Leute“ - sie rechnen und ticken nur anders, sprich: sie nutzen andere Gelegenheiten oder Gelegenheiten in anderer Weise. Zum Reaktionär wird, wer von Reform und Resignation nichts hat.
Opportunismus funktioniert nicht ohne Opportunität. Die renitente Buchhalter-Revolte hat es vermocht, ihre Kalkulation als Kreuzzug zu verkaufen. Im Gange sei, kann man von den Wortführern hören, ein Stellungskrieg zwischen „Ort“ und „Zunft“: zwischen Universität und Disziplin, zwischen Lokalität und Professionalität. Der Reaktionär rettet am Platz das Fach (etwa in Leipzig „die Soziologie“).
Da ist ja etwas dran. Bologna, Exzellenz, Zukunftskonzept - diese Begriffe stehen auch für Bemühungen, die Wissenschaft stärker zu verorten. Man kann darüber geteilter Meinung sein. Doch der Widerstand tut so, als ob er das Wissen gepachtet hätte, und präsentiert das Wissen so, dass der Widerstand zur Pflicht wird. Dermaßen vereint wirken Widerstand und Wissen Wunder: Wer heute dafür sorgt, dass etwas nicht gutgehen kann, wird morgen wissen, dass es nicht gutgehen konnte. Eine self-fulfilling prophecy mit doppelter Drehung, wenn man so will. Und eine weitere Unverantwortlichkeit im hochschulpolitischen „System der Unverantwortlichkeiten“.